Österreich

Reinhold Bilgeri über sein Vorarlberg

12.03.2021 • 12:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Blick über den Bodensee
Blick über den Bodensee APA/BARBARA GINDL

Ein Literarischer Versuch über das Ländle als Vorreiter.

Bei der Anfrage, ob ich Lust hätte, zum Thema „Vorarlberg ist Avantgarde?!“ ein paar Gedanken zu verlieren, habe ich kurz gezögert. Ohne das Fragezeichen würde es wohl eine Laudatio werden und könnte vermessen wirken. Andererseits: Man könnte ja nach Argumenten suchen, die dieses Kompliment untermauern. Da hat sich was geregt in mir, tief drin. Nicht Chauvinismus, aber doch eine seelische Verbundenheit, in der LIEBE, Wut, Stolz, Sehnsucht und Fragen noch ungeordnet lagern.

Avantgarde impliziert ja eine Idee des Fortschritts, der Vorreiterrolle (wir öffnen in der 3. Welle …), einer frechen Vision, einer Zukunft, die Radikales nicht ausschließt. Und, ja, ich könnte HEUTE X Dinge aufzählen, die ganz vorne am Bug angesiedelt sind, aber wissend, was GESTERN bei uns der Fall war, stelle ich mit Verwunderung fest, wie diese heutige Entwicklung überhaupt möglich werden konnte, denn früher war alles anders und von Avantgarde (fast) keine Spur. Aber beginnen wir von vorn.

Die Vorarlberger oder besser DEN (reinen) Vorarlberger gibt’s ja gar nicht, denn wir haben uns im Laufe der Jahrhunderte ordentlich durchmischt, bis uns eine prägnante, eigenwillig kreative Sprache zur kollektiven Übereinkunft brachte, tatsächlich und eigentlich doch Vorarlberger zu sein. Oder? Am Mix waren nämlich Rätoromanen, Alemannen, Franken, Waliser und Zuagroaste aus vieler Herren Länder beteiligt. Ich z. B. bin in Hohenems geboren, mein Vater in der Schweiz, meine Mama in Tirol, also genau genommen bin ich ein Bastard und fühl mich dennoch mit etlichen Ingredienzien gesegnet, die, scheint’s, unsern „Charakter“ ausmachen.

Zur Klärung dieser Sache müssen wir allerdings in unserer Geschichte graben, sie macht verständlich, warum wir sind, was wir wurden, oder zu sein scheinen. Als Bundesland gibt’s uns seit 1918, als Appendix eines zerbröselten Österreich. Daraus mag von Anfang an ein gewisser Minderwertigkeitskomplex resultiert haben, der aber nicht von Dauer war, sondern sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem Quell von Aufmüpfigkeit, Sturheit und Widerstandsgeist wandelte. Ein erstes Indiz dafür, wie äußere Umstände, namentlich geopolitische, wirtschaftliche, topografische und psychosoziale unsere Entwicklung bedingten.

Obwohl wir im 2. Weltkrieg, bis auf die letzten Kriegstage, von Bomben verschont blieben, lag doch alles darnieder, keine Zukunftshoffnung, kein Selbstbewusstsein. Im Blickfeld der Vorarlberger aber lag die unversehrte Schweiz, das gelobte Land … wie damals in den dunklen Stunden nach dem 1. Weltkrieg, als sich unser „Wir“ verflüchtigt hatte, da hätten viele ihre Fahnen ins Feuer geworfen, hätten die Eidgenossen uns aufgenommen. 80 Prozent der Vorarlberger hatten damals bei einer Volksbefragung für einen Anschluss gestimmt …

Diesmal halfen uns die Textilbarone der Schweiz und der Marshallplan auf die Beine. So erholte sich das Ländle viel schneller als das übrige Österreich. Glück. Das „Wir“ aber begann sich erst in den aufblühenden Nachkriegsjahrzehnten allmählich zu festigen, nachdem die alten Eliten sich zurückgezogen hatten. Mitte der 70er. Der Weg dorthin war ein steiniger.

Obwohl vor 160 Jahren der Bregenzerwälder Sozialreformer, Vordenker und Schriftsteller Franz Michael Felder erstmals Initiativen gesetzt hatte, die damalige „Disposition zur Untertanenmentalität“ zu untergraben, und als Urahn der Sozialdemokratie (man glaubt’s ja nicht – Avantgarde!!) sogar eine „Vorarlbergsche Partei der Gleichberechtigung“ (der sozialen Klassen) gegründet hatte, ging aus dem heftigen Kulturkampf schließlich doch die klerikal konservative Bewegung als Sieger hervor und schnürte über hundert Jahre ein Korsett, in dem sich die katholischen Eliten einzementierten, auf Basis „überzeitlicher Werte“, sozusagen von Gottes Gnaden.

Beseelt vom „göttlichen Heilsplan“ hatte der Vorarlberger Otto Ender die Verfassung des Austrofaschismus formuliert: „Es ist Zeit, den verdorbenen Parlamentarismus zu beenden und durchs Führerprinzip zu ersetzen.“ Ulrich Ilg, Vorarlbergs Landeshauptmann von 1945 bis 1964 gestand: „Die Hilfe des hl. Josef war mir wichtiger als die Sympathie der Wähler.“ Kein Wunder, dass in dieser Gemengelage explosive Stimmungen gären konnten – ich war in der glücklichen Lage, diesen Aufbruch aktiv mitzuerleben. Wobei die Kulturimpulse auch von außen kamen, von Künstlern und Versprengten aus Wien zum Beispiel. Die Idee zum „Spiel auf dem See“ etwa verdanken wir einem Wiener Tänzer namens Kurt Kaiser.

Dann brach unsere Zeit an. Die jungen Leute, die ausgeschwärmt waren an die Unis in Innsbruck, Wien, München, Zürich, Hamburg oder den USA, kamen wieder zurück mit einem kosmopolitischen Sound im Herzen und nutzten ihre internationale Vernetzung, um auch zu Hause was weiterzubringen.

Die Gruppe „Vorarlberger Kulturproduzenten“, eine Handvoll engagierter junger Künstler, Intellektueller, Architekten, Lehrer, Anwälte, Schriftsteller und Musiker, war angetreten mit einem zornigen Willen zu neuer Identität und neuem Demokratieverständnis, um die „verzopfte Kulturgesinnung“ zu entsorgen. Nachhall der 68er. Kunst und Kultur erwiesen sich auch hier als die innovativsten Speerspitzen der Gesellschaft.

Und dennoch, noch immer Verbote, überall: Filme, Theaterstücke, Bücher auf dem Index, sogar den Twist haben sie uns verboten, die alten Männer. Schließlich griffen wir zur Selbsthilfe. Das „Flint Festival“ – Rock, Jazz und Literatur unter freiem Himmel – war unsere Antwort auf „Woodstock“, unvergesslich, aber schon im Folgejahr war’s aus damit. Subversion. Der Kampf ging weiter.

Die „Randspiele“ wurden geboren, als Alternative zu den Festspielen. US- Jazz und Rockstars verkehrten plötzlich zwischen Alberschwende und Bregenz, freche Politkabaretts redeten Tacheles, Architekturbüros schossen aus dem Boden, ihre Besten sind heute international gefragte Stars. Ihre Holz/Glas/Beton/ Stahl-Kreationen genießen höchstes Ansehen. Selbst ein Superstar wie Zumthor fühlte sich angezogen von dieser wachen Szene (Avantgarde!), hinterließ hier seine Spuren, im Tandem mit grandioser Bregenzerwälder Handwerkskunst. Auch die Liberalisierung durch die Kreiskyjahre war für aufmuckende Frauen und Männer damals ein willkommener Booster. Selbst meine tiefschwarze Mama ordnete seine Kanzlerschaft nicht mehr unter „Satanokratie“ ins Archiv, sondern als mögliche Variante im Kanon politischer Standpunkte („a g’scheiter Mann“). Ein kluger Kulturlandesrat (Guntram Lins) und endlich jüngere, weltoffene Landeshauptleute, von Purtscher über Sausgruber bis Wallner, ließen frischen Wind ins Land, arrangierten sich mit dem Neuen und wurden zu engagierten Förderern. In den 70ern noch undenkbar.

Seit für Wolfgang Flatz, den Extremisten unter den Aktionskünstlern, zu Recht ein eigenes Museum eingerichtet wurde, scheint auch die Autonomie der Kunst endgültig gesichert. Oh ja, um die Frage zu beantworten – das ist tatsächlich Avantgarde. Die Ideologiegeschichte Vorarlbergs, über lange Zeit durch reaktionäre Blockaden geprägt, hatte eine Unbeweglichkeit geschaffen, die der Jugend so lange die Luft nahm, bis sie rebellierte und die Fesseln sprengte. Aus solchem Humus wächst Widerstand, aber auch Disziplin, Ambition, wohl auch Avantgarde und Solidarität, wenn’s ums Ganze geht.

Derart gerüstet, legt man sich gerne mit allem an, und sei’s eine Pandemie. Okay, wir sind im Vorteil. Die deutsche Grenze ist dicht, die Schweiz detto. Das Loch im Arlberg streng bewacht. So weit können Aerosole nicht fliegen. Man kennt die Werkzeuge und setzt sie ein, diszipliniert, denn dahinter steckt eine solidarische Vision: ein großer Wille zur Freiheit.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.