Österreich

Warum ein Jobwechsel so schwer fällt

05.09.2021 • 16:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Warum ein Jobwechsel so schwer fällt

Was hält einen zurück? Eine Erklärung zwischen Angst und Gemütlichkeit.

Lionel Messi hat das Denkunmögliche getan, David Alaba auch. Bei Ronaldo hat zumindest die Zieladresse überrascht. Sie alle haben ihren Arbeitgeber gewechselt. Abseits des Fußballfelds fällt eine Änderung des gewohnten Job-Umfelds dagegen den meisten Menschen schwer. Im Unterschied beispielsweise zum US-amerikanischen Arbeitsmarkt, bei dem das volatile „Hire & Fire“-Modell so berühmt wie berüchtigt ist, dominieren in unseren Breiten – sofern es die Wirtschaftslage erlaubt – treue „Tiefwurzler“.

Auch wenn der technologische Fortschritt und andere Entwicklungstreiber die tradierten sprichwörtlichen „Von der Wiege bis zur Bahre“-Karrieren bei einem einzigen Arbeitgeber zunehmend zu Auslaufmodellen machen, herrscht in puncto tatsächlicher Wechselfreudigkeit doch eine auffällige Zurückhaltung. Wobei aber gilt: Tun? Nein. Daran denken? Ja. Corona hin, Corona her – laut einer Umfrage der ING International Survey lodert in 24 Prozent der Österreicher der Plan, den Arbeitgeber zu wechseln. In einer aktuellen Marketagent-Studie ist es jeder Fünfte, der mehrmals pro Woche oder Monat daran denkt, sich einen neuen Job zu suchen. Die Gründe sind vielfältig, oszillieren zwischen dem Fehlen von Motivation, Anerkennung oder Freizeit. Die Motive sind vielfältig. Fast die Hälfte aller Befragten (48 Prozent) gibt höheres Gehalt als Grund für einen Jobwechsel an, fast ein Drittel (28 Prozent) wünscht sich einen krisensichereren Job und knapp ein Viertel der Befragten (24 Prozent) möchte mehr Anerkennung für ihre Leistungen. Bei vielen bleibt es aber dennoch bei der Absicht.

Warum eigentlich? Warum enden angedachte Veränderungen oft in einem Rückzieher? Warum fährt man lieber im unbefriedigenden, aber gemütlichen Autopilot-Modus weiter? Gerade jetzt, wo das Arbeitsmarktservice (AMS) einen Rekord an offenen Stellen meldet, böten sich doch zahlreiche Möglichkeiten.

Offene Stellen

In Österreich gibt es weiterhin ein Rekordangebot an offenen Stellen am Arbeitsmarkt.

Zurzeit sind rund 114.000 Stellen beim AMS gemeldet, mit Lehrstellen liegt die Zahl sogar über 123.000.

Zum einen sind es emotionale Anker und eine generelle Angst vor Veränderung, die einen halten. Dazu kommt die weitverbreitete Schwäche, sich für etwas zu entscheiden – weil es immer auch eine Entscheidung gegen etwas ist. Gerade ein Jobwechsel gilt als Königsdisziplin der Entscheidungsfindung, weil dabei längst nicht nur der Verstand rationale Fakten und Argumente gegeneinander abwiegt, sondern weil Emotionen abseits des Stammhirns die Richtung vorgeben.

Neurobiologisch ist es bewiesen, dass das sich Einleben in einer neuen Umgebung und das Lernen von Neuem bei aller Euphorie auch viel Energie verbraucht. Das auf Effizienz gebürstete Gehirn versucht daher, auch in der Veränderung Routinen zu erkennen, sie zu automatisieren und zu belohnen. Das wirkt zu verlockend. Und so fesselt einen die Angst vor einem Belohnungsverlust an das Gewohnte. „Der Mensch scheut den Verlust mehr, als er den Gewinn schätzt“, lautet die Erklärung der Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky. So bleibt die Idee, den Job zu wechseln, vielfach ähnlich folgenlos wie ein Neujahrsvorsatz. Lieber weiterjammern – das beruhigt auch.

Was hilft gegen Veränderungsängste?

Was gegen Veränderungsängste hilft, ist ein Konkretmachen der Vorteile der neuen Option. Dabei ist kühle Ehrlichkeit gefragt. Ein neuer Job muss mehr sein als ein Erste-Hilfe-Pflaster gegen Frust. Er sollte eine dauerhafte Verbesserung bringen. Garantie dafür gibt es aber keine. Auch andere Unternehmen haben schlechte Chefs, nervige Kollegen, stressige Projekte oder miese Bezahlung. Experten warnen daher vor dem sogenannten „Shiny Object-Syndrom“ – nämlich rastlos immer neuen Verlockungen in immer neuen Jobs hinterherzuhecheln, weil an der aktuellen Position allzu schnell Stillstand statt Fortschritt wahrgenommen wird.

Was hilft? Bewusst stehen zu bleiben, zu reflektieren: Sind interne Änderungen des unbefriedigenden Status quo möglich, oder braucht es den Aufbruch zu neuen Ufern?

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