Österreich

Die drei Leben des Erhard Busek

14.03.2022 • 21:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
ERHARD BUSEK
ERHARD BUSEK APA/ANDREAS PESSENLEHNER

Erhard Busek war ein streitbarer Politiker mit klaren Vorstellungen.

1. Bunter Hund im grauen Wien

Bundesweit von sich reden machte Erhard Busek erstmals so richtig im Jahr 1976, als der damalige ÖVP-Generalsekretär zum Parteichef der Wiener Volkspartei gekürt wurde. Das schien zunächst ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, war doch die Bundeshauptstadt fest in roter Hand – die SPÖ fuhr 1973 ein Rekordergebnis von 60,1 Prozent ein, die ÖVP lag unter 30 Prozent.

Der 36-jährige Intellektuelle, der in der katholischen Kirche wie auch im Wirtschaftsbund sozialisiert wurde, setzte völlig neue Akzente. Mit einer prononciert liberalen, ökologischen, urbanen Politik, die personell von “bunten Vögeln” getragen war, mischte Busek nicht nur die erstarrte Wiener Kommunalpolitik auf, er nahm auch eine Neupositionierung der ergrauten Volkspartei, die sich als Sammelbecken der ministeriellen Beamtenschaft und von Wirtschafts- und Handelstreibenden verstand, vor.

Den Abstand zur SPÖ konnte er in zwei Wahlgängen zwar nur von 30 auf 20 Prozentpunkte reduzieren. Dass die Wiener SPÖ bei der Nachfolge des damaligen Bürgermeisters Leopold Gratz nicht auf einen verdienstvollen und honorigen Parteisoldaten zurückgriff, sondern sich für den Quereinsteiger Helmut Zilk entschied, der das damals graue Wien später öffnen und in eine Weltstadt verwandeln sollte, war sicherlich ein Ergebnis des Busek-Effekts.

2. Der Dissident der Osteuropapolitik

Den prägendsten Eindruck hinterließ sicherlich Buseks Osteuropapolitik. Der engagierte Katholik unterhielt bereits in den Siebziger-Jahren enge Beziehungen zur Dissidentenszene in den sowjetischen Satellitenstaaten. Seine intensiven Kontakte nach Polen, zur katholischen Kirche und dann auch zur polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność, aber auch in die damalige Tschechoslowakei, später in die DDR markierten einen Kontrapunkt zur Bundesregierung. Diese war unter roten Bundeskanzlern um ein besonders gutes Einvernehmen mit den kommunistischen Machthabern hinter dem Eisernen Vorgang bemüht, wies allerdings erstaunliche Berührungsängste zu den Dissidenten auf.

Symptomatisch dafür war der Auftritt von Bundeskanzler Bruno Kreisky, der 1982, also knapp nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen, die polnischen Arbeiter, die mit der katholischen Solidarność solidarisierten und im Streik waren, für die Lieferengpässe mit polnischer Kohle bei der Voest mitverantwortlich machte. Knapp vor dem Fall der Mauer organisierte Busek 1989 das erste große Dissidententreffen im Westen, es ging auf einem Donaudampfer in Wien über die Bühne.

3. Der innenpolitische Kommentator

1991 übernahm Erhard Busek die Bundes-ÖVP nach dem Abgang vom Josef Riegler. Damals fiel Vizekanzler Busek durch eine besondere mediale Zurückhaltung auf. Österreich war auf dem Weg in die EU, die Beitrittsverhandlungen dominierten die innenpolitische Debatte, Busek überließ das Feld nahezu vollständig Außenminister Alois Mock. Am Abend des 12. Juni 1994, als sich die Österreicher mit Zweidrittel-Mehrheit in einer Volksabstimmung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ausgesprochen hatten, intonierte der damalige ÖVP-Chef im Zelt vor der SPÖ-Zentrale die Internationale.

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