Österreich

Die unterschätzte Macht der Normen

29.05.2022 • 14:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ursprünglich wollte BDI aus Algen Diesel machen. Das ist zu teuer, nun entstehen daraus Grundstoffe für die Kosmetik
Ursprünglich wollte BDI aus Algen Diesel machen. Das ist zu teuer, nun entstehen daraus Grundstoffe für die Kosmetik BDI

Einhalten von Normen wird von Firmen oft als Belastung gesehen.

ÖNORM, DIN, EN, ISO, ANSI. Diese Abkürzungen informieren Konsumenten über Zusatzstoffe in Lebensmittel, sorgen dafür, dass das Druckerpapier in den Drucker passt oder regeln, wie dick eine Wärmedämmung für ein Passivhaus sein muss. Ebenso garantieren sie, dass der Treibstoff von Tankstelle zu Tankstelle stets die gleiche Qualität hat. Es gibt nahezu keinen Lebensbereich, in dem es keine standardisierten Produkte gibt.

Doch in Unternehmen werden diese Abkürzungen oft mit viel Bürokratie verknüpft. Dabei werden Standards eigentlich vom Markt heraus entwickelt, von den Unternehmen direkt, erklärt Valerie Höllinger, Geschäftsführerin der österreichischen Standardisierungsgesellschaft Austrian Standards. “Standards brauchten Innovationen und Innovationen brauchten Standards”, ist Höllinger überzeugt. “Meine Botschaft an Firmengründer ist immer: Kommt zu uns, wir können wirklich das Tor zur Wirtschaftswelt sein.”

Um das zu unterstreichen, verleiht Austrian Standards jedes Jahr den Living Standards Award für neue Normierungen, die in Österreich entwickelt werden. Heuer wurde ein Standard für Eye-Tracking in Datenbrillen ebenso prämiert wie eine neue Methode zur Überwachung des Blutdrucks, eine Medizinprodukt-Testung ohne Tierversuch, ein System zur Fernaufzeichnung von gesundheitlichen Daten. und ein neuer Standard zur Berechnung der energetisch nutzbaren Anteile im Müll; also wie viel davon wie gut brennt.

Living Standards Awards2022

Viewpointsystem GmbH: Digital Iris Inside 

CNSystems Medizintechnik GmbH: Continuous non-invasive sphygmomanometers

Österreichische Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI): Biorelation

Montanuniversität Leoben: ReWaste4.0

ELGA GmbH: Telemonitoring Episodenbericht

Videos der Preisträger auf Youtube

Wie wichtig solche Standards für den Markteintritt sein können, zeigt das Beispiel des Biodiesel-Herstellers BDI. “Als wir begonnen haben, Biodiesel aus Altspeiseöl zu produzieren, gab es gar keine Standards”, erinnert sich BDI-Geschäftsführer Markus Dielacher. Aber ohne Standardisierung hätten die Autohersteller diese Form des Biodiesel nie akzeptiert. “Später haben uns sowohl die EU als auch Japan eingeladen, die Standards für Biodiesel mitzuentwickeln.”

Was beim Biodiesel geschafft wurde, will BDI nun mit ölhaltigen Algen wiederholen. 2019 hat das Unternehmen für seine Standardisierung der Qualitätskontrolle von Algenöl den “Living Standards Award” gewonnen.

Information für Kunden

“Wir wollten ursprünglich Biodiesel aus den Algen herstellen”, sagt Dielacher. Doch dafür sei die Produktion zu teuer. Deshalb konzentriere sich die BDI nun auf Produkte im Bereich Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik. “Dort sind aber ganz andere Parameter wichtig als beim Biodiesel.” Standards gab es bei Produktionsstart allerdings keine. “Das ist aber wichtig. Die Kundinnen und Kunden wollen genau wissen, was in ihren Kosmetikprodukten ist.”

Die größte Herausforderung dabei sei der grüne Pflanzenfarbstoff Chlorophyll gewesen, sagt Dielacher. Dieser hätte viele Messwerte verfälscht. “Wir brauchen aber genaue und valide Ergebnisse.” Das sei mit der Entwicklung des neuen Standards gelungen. Nun werde daran gearbeitet, dass die Inhaltsstoffe aus den Algen noch biozertifiziert werden. “Dafür müssen auch die Zusatzstoffe, die wir den Algen füttern, aus Bioherstellung kommen. Und das ist gar nicht so einfach.”

China auf Überholspur

Die BDI ist für Standisierungs-Expertin Höllinger ein gutes Beispiel dafür, wie Standards Basis von Erfolg sein können. “In Europa ist das auch ganz freiwillig”, betont sie. Dennoch habe die EU-Kommission das Thema nun zu einer strategischen Aufgabe gemacht und investiere auch in dem Bereich. Und das geschehe nicht ohne Grund.

Denn in diesem Bereich setzt China derzeit zum Überholen an. “China hat Standardisierung zur Staatsaufgabe gemacht”, berichtet Höllinger. “An den Unis werden echte Standardisierungsprofis ausgebildet, die in den internationalen Standardisierungsgremien an Einfluss gewinnen.” Höllinger wünscht sich daher, dass Standards in Unternehmen zu einer strategischen Aufgabe werden, um die sich nicht nur Techniker, sondern auch das Management kümmert. Denn wer den Standards bestimmt, bekomme auch eine starke Position am Weltmarkt.