Österreich

Gericht: Antisemitismus-Vorwurf gegen “News” ist rechtens

28.07.2022 • 15:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Horst Pirker, Vorstandschef der Verlagsgruppe News
Horst Pirker, Vorstandschef der Verlagsgruppe News (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Der Journalist Christian Ortner kritisierte ein Porträt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im “News” als antisemitisch.

“Die Psychologie der Macht”, so hieß der Titel einer News-Coverstory vom 15. April, in der sich Philosophin und Psychotherapeutin Monika Wogrolly dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an einer psychologischen Einordnung der beiden versuchte. Der Journalist und Autor Christian Ortner kritisierte daraufhin auf der Plattform “Mena-Watch” den Artikel als antisemitisch. Auslöser war nicht zuletzt Wogrollys “Einschätzung”, dass Selenskyj “ein Histrioniker” sei, “der seine innere Leere aufzufüllen; was er wie ein Vampir unablässig tun muss, und das, indem er lügt und blendet, um sich selbst zu beweisen, wie großartig er ist.” Was nicht nur Ortner empörte: Sie führte diese Form der Hysterie auf die jüdische Abstammung Selenskyjs zurück: “Triebfeder kann hier, wie gesagt, das psychologische Trauma der jüdischen Vorfahren (…) sein.” Ortner setzte daraufhin “News” mit den Nazi-Publikationen “Der Stürmer” und “Völkischer Beobachter” gleich. Daraufhin klagte Horst Pirker, Vorstandschef der Verlagsgruppe News. Nun hat das Landesgericht Wien die Klage abgewiesen.

In der 15-seitigen Urteilsveröffentlichung hielt das Handelsgericht Wien unter anderem fest:

“Die Autorin unterstellt Selenskyj, noch nicht erwachsen zu sein, diagnostiziert eine „Vater-Sohn-Konstellation“ und sucht diese mit dem Holocaust-Trauma der väterlichen Ahnen des Genannten zu erklären.” Hier würden demnach eindeutig negative Aspekte mit der jüdischen Herkunft des Beschriebenen verknüpft, so das Gericht.

Und weiter: “Wenn die Klägerin (die Verlagsgruppe News, Anm.) den Begriff ‘Vampir’ als in der Psychologie und Psychoanalyse völlig gängig bezeichnet, übersieht sie, dass das Magazin NEWS keine Fachzeitschrift ist, sondern sich an das breite Publikum wendet. Ein Fachjargon wäre also zu erläutern, wollte man den hier entstandenen Eindruck künftig vermeiden. So nämlich versteht der Leser Vampir schlicht als Blutsauger.”

“Vampir und jüdische Vorfahren finden sich im selben, letzten Absatz, nur durch einen einzigen Satz getrennt, womit die Autorin dem Leser einen Zusammenhang aufdrängt. Da dem historisch gebildeten Leser bekannt ist, dass schreckliche Pogrome unter anderem durch den Vorwurf, Juden hätten das Blut christlicher Kinder für ihre Rituale verwendet, entfesselt wurden, bedient der Artikel antisemitische Stereotype. Gerade weil sich die Autorin den Anstrich der Wissenschaftlichkeit gibt, müssen ihre Formulierungen ernst genommen werden.”

Abschließend stellt das Gericht fest, dass sich die Klägerin, also die Verlagsgruppe News, den Vorwurf der Förderung von Antisemitismus gefallen lassen. Nicht zuletzt wird im Urteil auch auf die Letztverantwortung der Verlagsgruppe vor der Veröffentlichung des Artikels hingewiesen:

“Wenn schon die Autorin die Dinge nur andenkt (./R Seite 2 Spalte 2 unten), sollten die Verantwortlichen der Klägerin sie zu Ende denken, bevor sie einen Artikel veröffentlichen.”