Österreich

2023 ist entscheidend, ob die Inflation in den Giftschrank der Ökonomie zurückkehrt

17.01.2023 • 13:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Weil Energie viele (be-)trifft, nahmen sich auch (fast) alle das Recht heraus, ihre Preise kräftig anzuheben
Weil Energie viele (be-)trifft, nahmen sich auch (fast) alle das Recht heraus, ihre Preise kräftig anzuheben APA/BARBARA GINDL

8,6 Prozent Inflation 2022 vernichtet Werte und zerstört das Urvertrauen in die Stabilität des Geldes. Konsumenten sind ihr in diesem Teuerungslabor nicht hilflos ausgeliefert.

Inflation, das Wort des Jahres 2022, ist wie eine sonst dienliche Substanz, die zu hoch dosiert toxisch wirkt. Die Schwelle der Nützlichkeit verortet die EZB bei zwei Prozent. 8,6 Prozent im Jahr 2022, mehr als das Vierfache des als belebend eingestuften Maßes, sind nicht bloß ungesund. Dieses Ausmaß beschädigt das Nervensystem eines Staates irreparabel. Die Überdosis Teuerung vernichtete im Euroraum Billionenwerte. Auf Dauer zerstört Inflation das Urvertrauen in die Stabilität einer Währung. Davon sind wir ein Stück entfernt. Doch das Gift der Geldentwertung, injiziert durch Putins Überfall auf die Ukraine und in der Folge abartig ausschlagende Energiepreise, zirkuliert im System.

Weil Energie viele (be-)trifft, nahmen sich auch (fast) alle das Recht heraus, ihre Preise kräftig anzuheben. So wie Schneebälle, die sich zur Teuerungslawine formieren, um eine zerstörerische Schneise durch die Gesellschaft zu schlagen. Der Handel etwa pfiff auf Preisgarantien vergangener Tage und drehte munter am Inflationsrad. Von alternativlosen Preiskaskaden war die Rede. Aber nicht alle mussten – viele Trittbrettfahrer ergriffen die Chance, unter dem öffentlichen Radar die Preise zu erhöhen – euphemistisch zur “Preisanpassung” verniedlicht.

Herzhaft langte 2022 auch die Lebensmittelbranche zu. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke wurden um 10,7 Prozent teurer, zwei Prozentpunkte über der Inflation. Auch Restaurants und Hotels übertrafen noch die Inflationsrate, während sich etwa Bekleidung und Schuhe unter der Zielmarke von zwei Prozent verteuerten. Ist es mehr als nur eine Alibiaktion, wenn sich Handelsketten werbewirksam gegen “überzogene Preisforderungen” großer Lebensmittelhersteller wehren, zugleich aber die Preise für Eigenmarken kräftig anheben? Hilfreicher wäre mehr Transparenz – wann wurden die Preise zuletzt erhöht und um wie viel?

Willkommen im Teuerungslaboratorium

Auch Konsumentinnen und Konsumenten sind in der Pflicht. Im Teuerungslaboratorium dieser Tage sind sie die Versuchskaninchen. Mehr denn je gilt es, wann immer möglich, einen Bogen um Wucher zu machen. Preise sind keine exakte Wissenschaft, sondern Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Nicht immer ist ein Ausweichen möglich, wenn etwa feste Brennstoffe wie Pellets und Brennholz im Schnitt um 58,4 Prozent teurer wurden, ist das kaum zu umgehen – und nicht zu argumentieren. Anderswo, etwa im Falle überreizter Gastro-Preise, können Zeichen des Protests gesetzt werden.

Die Inflation muss runter auf 2 Prozent. Es bleibt zu hoffen, dass der Schock so tief in den Knochen der Mitglieder des EZB-Direktoriums steckt, dass sie die Zinsschraube noch fester ziehen. Und diese nicht zu früh lockern, sobald die Inflation die hochtoxische Zone verlässt. Frisst sie sich in den Köpfen und Kalkulationen erst einmal fest, wird sie von einer Ausnahme zur fixen, wiederkehrenden Erwartung. 2023 entscheidet darüber, ob die Inflation dorthin zurückkehrt, wo sie lange war und hingehört: in den Giftschrank der Ökonomie.

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