Österreich

“Wir können nicht wieder zehn Jahre auf einen neuen Lehrplan warten”

24.01.2023 • 12:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bildungsminister Martin Polaschek (links) will mehr Finanzbildung in die Schulen bringen
Bildungsminister Martin Polaschek (links) will mehr Finanzbildung in die Schulen bringen Akos Burg

Finanzbildung soll künftig an Österreichs Schulen einen größeren Stellenwert erhalten. Bildungsminister Martin Polaschek hat sich dafür das FLiP in Wien angesehen.

Die Schülerinnen und Schüler der Modularen Mittelstufe Aspern hören konzentriert zu. Die Viertklässler sollen schätzen, wie viel ein durchschnittlicher Österreicher für unterschiedliche Bereiche wie Wohnen, Hobbys oder Kleidung ausgibt. So merken sie zunächst nicht, dass sich ein unüblicher Gast in ihre Reihen mischt: Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) hört sich mit ihnen an, wie im “Financial Life Park” (FLiP) der Erste Bank Finanzwissen spielerisch vermittelt wird.

Polaschek hat dabei ein besonderes Interesse: In den kürzlich vorgestellten neuen Lehrplänen liegt ein besonderer Fokus auf Finanzbildung. Dass das nötig ist, weiß der Minister aus erster Hand. Seine eigenen Söhne seien fest davon überzeugt gewesen, dass man sein Vermögen am besten nur in Kryptowährungen anlegt, erzählt er beim Gang durch das Museum für Kinder und Jugendliche. Krypto-Assets spielen auch im FLiP eine große Rolle. Viele Kinder und Jugendliche würden sich hier zum ersten Mal mit finanziellem Risiko auseinandersetzen, erzählt FLiP-Direktor Philip List.

Der Wert des Kinderzimmers

Bledion (14) wusste, dass heute der Minister mitkommt und hat sich eigens einen Anzug angezogen. Auch sonst fühlt er sich von der Schule eigentlich ganz gut auf den Museumsbesuch vorbereitet: “Wir haben viel schon gewusst” – aber im FLiP trotzdem viel dazugelernt: Gleich im zweiten Raum müssen die Schülerinnen und Schüler schätzen, wie viel seines Einkommens ein durchschnittlicher Österreicher für verschiedene Bereiche ausgibt. “Beim Wohnen lagen wir am weitesten daneben”, sagt Bledion später. Die Kosten eigener vier Wände wurden von den Jugendlichen deutlich unterschätzt.

Für ein Foto mit dem Minister haben sich manche Schülerinnen und Schüler besonders herausgeputzt
Für ein Foto mit dem Minister haben sich manche Schülerinnen und Schüler besonders herausgeputztFotograf

“Jetzt wisst ihr, wie wertvoll euer Kinderzimmer ist”, sagt Erste-Bank-Vorstandsvorsitzende Gerda Holzinger-Burgstaller, die den Minister durch die Ausstellung begleitet. Neben ihr strampelt sich ein Junge auf einem Standrad ab. Er muss Fragen vorlesen, seine Kollegen suchen auf einem Tablett die richtige Antwort. Liegen sie falsch, wird es für den Radfahrer schwerer. “Wie im echten Leben führen falsche Entscheidungen zu einem härteren Weg”, sagt FLiP-Direktor List.

Auch Minister Polaschek ist im Anzug gekommen und hilft lieber bei der Antwortsuche, anstatt in die Pedale zu treten. Der Junge auf dem Rad braucht den Rat des Ministers nicht: “Womit zahlt man in den USA?”, fragt er, hörbar angestrengt. Da seine Radfahrt durch falsche Antworten bereits sichtlich erschwert wurde, antwortet er sicherheitshalber gleich selbst: “Dollar!”

Beim Radfahren schaut der Minister lieber zu
Beim Radfahren schaut der Minister lieber zuFotograf

Flexible Lehre

“Wir merken, dass Kinder und Jugendliche gerade in der Finanz- und Wirtschaftsbildung wenig Wissen haben. Das brauchen sie aber, um ein selbstbestimmtes, gutes Leben zu führen”, sagt der Minister nach der Führung. Die Schule muss aus seiner Sicht verstärkt Werkzeuge zur Verfügung stellen, um mit dem raschen gesellschaftlichen und technologischen Wandel umgehen zu können.

Dass die neuen Lehrpläne daher flexibler sein sollen und verstärkt auf Kompetenzen abzielen und öfter angepasst werden sollen, ist für ihn auch eine Sache der Chancengerechtigkeit: “Wenn wir das Gefühl haben, wir müssen Medienkompetenz oder Demokratiebildung näherbringen, können wir nicht wieder zehn Jahre warten, bis wir einen neuen Lehrplan haben.”

Auf den Tabletts werden Antworten gegeben, der Minister hilft
Auf den Tabletts werden Antworten gegeben, der Minister hilftFotograf

“Da ist man als Lehrer auch verpflichtet, sich schlau zu machen”, sagt Aron Marton, der mit seiner Klasse das FLiP besucht. Externe Angebote seien eine große Hilfe, gerade komplexe Themen greifbar zu machen: “Am Ende des Tages geht es darum, was man den Kindern vermittelt und wie lebensnah sie das anwenden können.”

Seit 2016 gibt es das FLiP im Erste-Bank-Campus in Wien. Trotz Corona-Zwangspause wurde hier bereits 250.000 Kindern Finanzwissen vermittelt. Das begleitende Lehrpersonal hat in der “Erlebnis-Location” nur noch die Aufsichtspflicht, vermittelt wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des FLiP. Als “FLiP2Go” tourt auch ein umgebauter Doppeldeckerbus durch Österreich, um im Auftrag der Erste Bank und Sparkasse Finanzbildung zu vermitteln.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.