„Die Klimaerwärmung wartet nicht“

30.08.2020 • 14:03 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
"Es ist zu wenig, darauf zu hoffen, dass uns die Ressourcenmärkte mit dem Geschenk steigender Preisen bedenken": Ottmar Edenhofer
„Es ist zu wenig, darauf zu hoffen, dass uns die Ressourcenmärkte mit dem Geschenk steigender Preisen bedenken“: Ottmar Edenhofer PIK / DAVID AUSSERHOFER

Die Coronakrise eignet sich nicht als klimapolitischer Lichtblick.

Der coronabedingte Lockdown war das bisher wirkungsvollste Instrument gegen die Treibhausgasemissionen. Taugt es als klimapolitischer Lichtblick, dass steigende Emissionen kein Naturgesetz sind?

OTTMAR EDENHOFER: Die durch den Lockdown erzwungenen Emissionsrückgänge sind definitiv kein Lichtblick. Erstens kamen sie zu einem hohen Preis in Form von menschlichem Leid und massiven wirtschaftlichen Schäden zustande. Zweitens wird das sehr wahrscheinlich nur ein kurzfristiger Einmaleffekt bleiben, wenn wir klimapolitisch die Chancen dieser Krise nicht nutzen. Was wir brauchen, um Emissionen langfristig zu verringern, das zeigt die ökonomische Forschung, ist ein Umbau hin zu einer emissionsfreien Wirtschaftsweise. Dieser Umbau darf gerade nicht auf Kosten der Menschen, ihrer Arbeitsplätze und ihres Wohlstands geschehen, sondern muss die Menschen vor den wirtschaftlichen und auch gesundheitlichen Risiken des Klimawandels schützen.

Droht nicht die Klimapolitik mittelfristig unter die Räder der Viruskrise zu kommen?

Hier bin ich vorsichtig optimistisch. Klimaschutz ist als wichtige Zieldimension im deutschen Corona-Konjunkturpaket festgesetzt und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft hat das Thema auch weit oben auf der Agenda. Worauf es jetzt ankommt, sind konkrete und langfristige Investitionsanreize.

Gleichzeitig wurde die für heuer in Glasgow geplante Klimakonferenz abgesagt. Eine richtige Entscheidung?

Klar ist: Die Klimaerwärmung wartet nicht. Aber sowohl die internationalen Verhandlungen als auch die Arbeit des Weltklimarats gehen ja trotzdem weiter. Für so entscheidende Zusammenkünfte wie die Weltklimakonferenzen sind Videokonferenzen nicht geeignet, da kommt es auf den persönlichen Austausch an. Insofern bedauere ich die Entscheidung zwar, bin aber grundsätzlich damit einverstanden – und hoffe auf einen größeren Impuls 2021.

Zur Person

Ottmar Edenhofer, geboren 1961 in Gangkofen, Niederbayern, ist Direktor und Chefökonom des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Direktor des Mercator Instituts MCC. 2008 bis 2015 war er Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC. Er forscht u. a. zu Kosten und Strategien des Klimaschutzes.

Österreichs Bundesregierung will trotz Corona am Ziel festhalten, das Land bis 2040 klimaneutral machen. Kann das gelingen?

Das ist jedenfalls extrem ambitioniert. Man muss dafür unter anderem relativ zügig den Transport- und Wärmesektor elektrifizieren und man wird sich auch mit dem Thema der negativen Emissionen beschäftigen müssen, dass man also CO2 aus der Atmosphäre entzieht. Auch dabei wird Österreich einiges Potenzial haben.

Auf welche Weise könnte das geschehen?

Da gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen. Das geht von der Aufforstung über den Aufbau humusreicher Böden bis hin zu sogenannten CCS-Technologien, um CO2 aus der Atmosphäre zu holen und unterirdisch zu speichern. Diese Technologie befindet sich zwar noch eher im Pilotstadium, aber ich halte sie schon für eine Option. Nur werden sich derartige Optionen nicht von selbst auftun, dafür benötigt man politische Instrumente. Ein wichtiges ist es, CO2 einen Preis zu geben. Hier muss man den Einstieg finden, sonst wird es mit den Klimazielen nicht funktionieren.

Das ist über CO2-Steuern möglich oder über eine Ausweitung des Emissionshandels auf den Privatbereich, wie es Deutschland plant. Was ist sinnvoller?

Beide Systeme kann man so ausgestalten, dass sie gleich wirken. Wichtig ist: Wenn man eine CO2-Steuer einführen will, muss man die Steuersätze an Entwicklungen anpassen können. Wenn es bei den Gas- und Ölpreisen Veränderungen gibt, muss die Steuer flexibel sein, sonst verliert sie entweder die Wirksamkeit oder sie wirkt zu stark. Diese ständigen Anpassungen kann man sich bei einem System mit Emissionshandel ersparen, weil sich die Preise selbst regulieren. Umgekehrt funktioniert ein Emissionshandel nur mit einem entsprechenden Mindestpreis.

Wie viel müsste CO2 kosten, damit der Preis ausreichend wirkt?

Für Deutschland haben wir errechnet, dass der Preis für eine Tonne CO2 bei 50 Euro starten und im Verlauf der Dekade auf 100 bis 130 Euro wachsen sollte. Das sind natürlich grobe Abschätzungen, weil niemand genau weiß, wie Menschen auf Preisveränderungen reagieren.

Im Verkehrsbereich tun sie das angeblich ja kaum.

Das sagt man, aber es stimmt so nicht mit den empirischen Untersuchungen überein. Die Leute reagieren hier sehr wohl auf Preissignale, wenn sie wissen, dass dahinter nicht gerade Weltmarktschwankungen stehen, sondern dass es einen Trend gibt, der die Preise entsprechend ansteigen lässt.

Nun ist der Sprit ja bereits beträchtlich besteuert, umgerechnet mit bis zu 200 Euro pro Tonne verursachtem CO2. Man gewinnt aber nicht den Eindruck, dass deshalb weniger gefahren würde.

Wenn man das Steuervolumen beim Sprit auf das verursachte CO2 umlegt, dann kommt man auf solche impliziten Preise, ja. Nur ist es trotzdem so, dass die reale Belastung seit den 1990er-Jahren beim Sprit nicht gestiegen ist. Es wäre eine klare Ankündigung erforderlich, dass der Preis steigen wird. Wenn man weiß, dass die reale Belastung glaubhaft zunimmt, bleibt die Wirkung nicht aus. Denn dann weiß jeder, dass man der Belastung nur dann entgehen kann, wenn man weniger fährt oder sich auf CO2-ärmere Mobilität umstellt.

Bislang werden die Autos aber immer größer, schwerer und stärker. Was läuft da falsch?

Das hat damit zu tun, wie wir den Verkehrssektor regulieren. Was wir im Augenblick machen, ist Technologiestandards einzuführen. Die Emissionen werden pro Leistungseinheit verringert, aber dafür wird eben mit schwereren Autos und mit mehr Autos gefahren. Wir müssen lernen, dass uns, wenn wir mit Ordnungsrecht und Technologiestandards arbeiten, immer durch die Wachstumseffekte die Emissionen davonlaufen. Wir leben heute in effizienteren und besser gedämmten Häusern, aber die Wohnungen werden auch größer. Um solche Effekte abzudämpfen, sind Bepreisungsmechanismen notwendig.

In einem Wort: Fossile Energieträger müssen teurer werden?

Es ist zu wenig, darauf zu hoffen, dass uns die Ressourcenmärkte mit dem Geschenk steigender Preisen bedenken. Wenn das der Fall wäre, hätten wir ja kein großes Problem. Das muss die Politik bewerkstelligen.

Es ist kein attraktives politisches Vorhaben, Heizen und Autofahren zu verteuern.

Man müsste es eben so gestalten, dass nicht die einkommensschwächeren Haushalte überproportional belastet werden. Die Einnahmen aus der Bepreisung sollten deshalb rückerstattet werden, um diese Haushalte zu entlasten.

Haben Sie Verständnis, dass Menschen, die etwa in der Autoindustrie tätig sind, angesichts solcher Pläne um ihre Jobs bangen?

Natürlich. Ich sitze ja auch im Nachhaltigkeitsrat von VW und von daher sind mir solche Befürchtungen sehr vertraut. Aber der Strukturwandel in der Automobilindustrie wird ja nicht nur durch den Klimaschutz vorangetrieben. Er geht auch darum, was auf den internationalen Weltmärkten, was in China passiert. Zudem gibt es neben dem CO2-Problem auch die zunehmenden Staus in den Städten, für die es neue Verkehrskonzepte braucht. Für die Entwicklungs- und Schwellenländer ist das ein geradezu überragendes Thema, denken Sie etwa an Peking oder Mumbai. Die Vorstellung, man kann einfach noch mehr Autos im heutigen Stil verkaufen, ist nicht realistisch. Es braucht da einen Strukturwandel. Und mit jedem Strukturwandel gibt es auch Menschen, denen man die Möglichkeit geben muss, sich in andere Richtungen zu entwickeln.

Die Fridays-For-Future-Bewegung hat seit der Coronakrise an Aufmerksamkeit verloren. Den Jugendlichen werfen viele Hysterie vor. Zurecht?

Dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt. Es ist ja so, dass wir bisher die Dynamik des gesamten Erdsystems eher unterschätzt haben. Das System reagiert sehr viel schneller auf die Erwärmung, als wir das ursprünglich dachten. Die Lage ist sehr ernst, wir müssen handeln, und zwar beherzt und sehr energisch.


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