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„Mit einem Fuß im Kriminal“

Irritierendes Urteil über Wissenschaftler, die nicht vor dem Erdbeben von L’Aquila warnten.

Normalerweise klingt Enzo Boschis Stimme laut und fest. Die Italiener kennen den Wissenschaftler aus Fernseh-Talkshows. Immer, wenn ein Erdbeben die Apenninen-Halbinsel heimsuchte, gab der 60 Jahre alte Gründer des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) Auskunft. Jetzt ist seine Stimme brüchig und nicht mehr wiederzuerkennen. „Ich bin niedergeschlagen und verzweifelt“, sagt er.

Ein Richter in L’Aquila hat Boschi und die sechs anderen Mitglieder einer Risikokommission des Zivilschutzes am Montag zu sechs Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. 309 Menschen kamen bei einem Erdbeben am 6. April 2009 in L’Aquila und der Bergregion Abruzzen ums Leben. Die renommiertesten Seismologen Italiens sollten bewerten, ob ein Erdstoß damals zu erwarten war oder nicht. Laut Gericht gaben die Experten „unvollständige, unpräzise und widersprüchliche Informationen“. Jetzt sind die Wissenschaftler in erster Instanz verurteilte Straftäter. Dass ihre Verteidiger in Berufung gehen, gilt als sicher.

Zwei Fragen wirft das Urteil auf: Welche Folgen hat der Spruch für die Erdbebenprävention? Und ist ein einzelner Amtsrichter imstand, einen hoch komplizierten Sachverhalt richtig zu bewerten?

Kopfschütteln

Auch bei österreichischen Katastrophenexperten hat das Urteil in Italien Kopfschütteln ausgelöst. Viele Sachverständige arbeiten ehrenamtlich.

„Gerade eben haben wir über dieses Urteil diskutiert“ – Alexander Podesser, in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik für Lawinenwarnung und -einschätzung in Ostösterreich zuständig, kann nur den Kopf schütteln. Zwar sei man in Österreich nicht von Erdbeben geplagt, aber andere Naturkatastrophen gäbe es und sie müssten beurteilt werden. Hierzulande müsse schon Vorsätzlichkeit ins Spiel kommen oder zumindest Fahrlässigkeit, meint der Meteorologe. „Darüber befinden, ob eine Straße konkret geschlossen oder geöffnet wird, müssen ja die Bürgermeister“, sagt Podesser. Gerade die Lawinenkommissionen, die den Behörden zur Seite stehen, bestehen aus Mitgliedern, die das ehrenamtlich und freiwillig tun. „Uns ist bewusst, dass wir mit einem Fuß im Kriminal stehen“, meint Podesser.

Rein technisch gebe es Haftpflichtversicherungen von den Ländern, wohl auch Unterstützung bei Strafrechtsprozessen: „Mir ist aber kein derartiger Fall bekannt.“

Auch Egon Rauter im Katas­trophenschutz Kärnten kann sich an keinen Fall erinnern, der mit dem italienischen Urteil zu vergleichen wäre: „Ich bin 23 Jahre tätig und mir ist nicht bekannt, dass es je zu einer Anklage gekommen wäre“. Die Einsatzleiter vor Ort müssten sich auf die Einschätzung von Fachleuten verlassen können. Der Ausbildungsstand sei in Österreich hoch. „Wie bei den Einsatzorganisationen habe auch ich die Aufgabe und Verpflichtung, geeignete Leute zu finden. Ich muss mich auf diese Experten dann verlassen können.“ Dennoch: „Der Teufel schläft nicht, eine hundertprozentige Sicherheit kann es nie geben“, sagt Rauter.

Erschüttert

Norbert Altenhofer vom Katastrophenschutz Salzburg ist „erschüttert von dem Urteil in Italien“. Man müsse froh sein, wenn man Experten finde. Würde es in Österreich zu einem Verfahren kommen, müsste das Gericht bewerten, worauf sich die Fachleute bei ihrem Urteil gestützt haben: „Nur der Blick aus dem Fenster wird dabei nicht reichen.“ Ein Sachverständiger müsse seine Entscheidungsgrundlage dokumentieren. Dazu gehören die Ausbildung und die Sorgfalt bei der Datenerhebung.

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