Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Der feine Maturaball für ältere Menschen

ESSAY. Ich war ein skeptischer und neugieriger Gast gleichermaßen auf diesem Opernball. Mein Fazit fällt ernüchternd aus. Den Rausch und die Skandale findet man wohl anderswo. Von Valerie Fritsch

Lange schon war ich auf keinem seriösen Ball. Ich erinnere mich noch dunkel an die feierliche Einsamkeit auf Matura- und die magische, halb nackte Überdrehtheit auf den Tuntenbällen meiner Jugend, herrlich persönliche Feste ohne gesellschaftliche Relevanz, aber voll freudigen Unsinns. Nun geht es also nach Wien, beruflich werde ich als Ballgast entsandt. Schnell merke ich, diese Teilnahme verpflichtet. Es geht viel um Vorbereitung, Dinge müssen in die Wege geleitet, Maßnahmen getroffen, Karten geholt, Kleider gesucht, eine Begleitung gefunden werden.

Nicht nur für Besucher, aber auch für Nicht-Besucher des Ereignisses scheint es eine Notwendigkeit zu sein, sich gedanklich für diesen Abend zu rüsten. Großzügig geben die Medien jedermann Gelegenheit, sein Nischenwissen anlassbedingt aufzupolieren. Man wird informiert über historische Begebenheiten und wüste Dekolletés, den Preis des Frankfurter Würstchens und Johann Strauss, Kapitalismusgegner und Stargastallüren, Debütantinnenkrönchen und des Bundespräsidenten Sockenfarbe. Erfährt, dass einmal ein Pferd in Gummischuhen und Bühnenerfahrung zur Eröffnung aufgetreten ist; liest, dass man einst erfolglos versuchte, dem Ordnungsdienst ob der zahlreichen Gäste des Inselstaates Japanisch beizubringen. Literarisch halte ich es klassisch und stimme mich mit Josef Haslingers ‚Opernball‘ ein; einem katastrophischen Roman, der zum Unglück aufspielt und im Totentanz der Wiener Gesellschaft endet.

Im gläsernen Atelier der mich ausstattenden Designerin Magdalena Toth lerne ich zwischen Pailletten und Tüllbahnen vom Dresscode als Bedienungsanleitung von Stoff und Tuch. Denn die Tür zum Opernball ist angekündigterweise ein Nadelöhr, durch das nur der richtig Gekleidete geht. Die Herren im Frack, die Damen im großen Abendkleid. Es weist sich, dass mit der Größe der Robe jene des Geschmacks nicht notgedrungen mitwächst.

Das Gebiet um das Opernhaus herum ist weiträumig abgesperrt. Glitzernde Damen beugen sich aus den geöffneten Fenstern der Limousinen, um Polizisten die Eintrittskarten vorzuzeigen. Paare steigen aus den Kolonnen der zum Stehen gekommenen Taxis und marschieren zwischen der weißen Wagenparade auf Straße und Schienen die letzten hundert Meter dem roten Teppich entgegen. Wer die Kameras und das Scheinwerferlicht meidet, ist über die Seiteneingänge schnell im Inneren, wer gesehen werden will, wartet lange.

Angekommen im Tumult, bin ich ein skeptischer und neugieriger Gast gleichermaßen. Ich schaue. Pfaue aus Blumen und Federn schmücken die Räume, und die Erdbeeren in den Vitrinen der Sektbars tragen einen Frack en miniature aus Schokolade. Die Damen sind eingeschnürt und aufgeputzt, gehüllt oder gequetscht in Kreationen, die meine Tante Trude wohl ‚abenteuerlich‘ genannt hätte. Es ist ein Gesellschaftsereignis, bei dem man die Gesellschaft erst an ihrem Kostüm erkennt, und doch bloß ein Maturaball auf höherem Niveau für ältere Menschen. Während ich schaue, fotografieren die anderen Gäste, vor allem sich selbst. Unaufhörlich blockieren die Handykameraristen Zugänge, verstellen Treppen, stoßen einander lächelnd und tätschelnd beinahe über die Brüstungen. Im Casino beißen zwischen Roulette und Blackjacktischen die, die gerade verloren haben, zum Trost in süße Jetons, essbare Chips in Silber und Gold, während die Gewinner mit ernstem Blick fürs nächste Bild posieren.

Wie auf jedem Ball bin ich ratlos, wohin mit mir. Die einzige Aufgabe scheint die Wanderung von der einen Seite zur anderen und wieder zurück. Das Gebäude verwirrt mich, ich entdecke eine neue Stiege nach der anderen und wünsche mir schlussendlich nichts mehr als einen Grundrissplan zur Klärung aller baulichen Zusammenhänge. Während ich der Architektur mit all ihren Überraschungstreppen auf den Grund zu gehen versuche, ist so mancher Ballbesucher auf der Jagd nach Berühmtheiten, lauert vor des Baumeisters Loge, gleicht geheimniskrämerisch Internetbilder mit Gesichtern ab. Ich selbst schaffe es, den ganzen Abend nicht einen Prominenten zu sehen, nur der vorbeistürmende Marcel Koller kollidiert kurz mit dem Busen meiner Begleitung. Überhaupt: Es ist entsetzlich eng. Menschenmassen schieben sich Lachswanderungen gleich durch die Gänge. Es wird auf Kleider getreten, ausgedehnt auf Schleppen gestanden; statt einander vorsichtig vorzustellen, rempelt man einander ruppig an. Das Bedauern bei einem Zusammenstoß ist so erschreckend gering, wie die Getränkepreise beängstigend hoch sind. Ich flüchte oftmals nach draußen, neben das Haus, wo unter Heizstrahlern und auf rotem Teppich die Raucher zusammenstehen, Zigaretten teilen und die Geschehnisse hinter den Mauern ausrichten. Gelangweilte Frauen in Prinzessinnenkleidern telefonieren, Sicherheitskräfte gähnen.

Nüchtern ist der Ball, vergeblich sucht man Skandale und Rausch, die pompösen Schrillheiten, auf die man sich vorbereitet hat. Der Tod hängt ein wenig über den Sälen. Die Trauerminute um Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser hat sich in der Stimmung verfangen. Obwohl wohl die wenigsten der Gäste sie kannten, hat sich die Berührt- und Betroffenheit jener, die sie verloren haben, verpflanzt, unmerklich und unbewusst wird sie in der Masse von einem zum anderen weitergegeben.

Zu fortgeschrittener Stunde lockern sich Ordnung und Kleiderordnung. Die falschen Wimpern wippen herabgefallen im Ausschnitt mancher Damen. Barfuß stehen die Tänzerinnen mit ihren Schuhen in der Hand an der Austernbar, die Ersten entschwinden mit dem Blumenschmuck. Auf der Galerie werden Blasenpflaster auf wunde Fersen geklebt, und wenn man in den Festsaal hinuntersieht, ist es, als würde man sehr aufgebrezelt fernsehen. Den Tanzpaaren in Walzerdrehung im Prunk einer entfernten Zeit haftet eine altbackene Schönheit an.

Grundsolide lande ich in den frühen Morgenstunden am Würstelstand bei der Albertina hinter der Oper. In Abendkleid, Frack und Dunkelheit gibt’s Käsekrainer auf Papptellern am Stehtisch. Man zahlt das kleine Bier mit großen Scheinen, auch wenn man an diesem einen Abend im Jahr selbst eine Champagnerflasche zur Frankfurter bestellen könnte. Im Taxi nach Hause flucht der Fahrer auf die Wiener Polizei, überfährt eine Sperrlinie und verabschiedet sich mit einer ausgedehnten Lebensgeschichte und kurzen Gefängniserinnerungen. Alles Walzer!

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.