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„Erst der Anfang, nicht das Ende“

REPORTAGE. Fast 100.000 Menschen hatten sich am Heldenplatz in Wien versammelt – aus der Demonstration gegen den 12-Stunden-Tag wurde das machtvolle Zeichen, das sich die Arbeitnehmervertretung gewünscht hatte. Von Claudia Gigler

Schon eine Stunde vor Beginn der Demonstration zeichnet sich ab, dass es ein Mega-Event werden wird. Bus um Bus rollt hinter dem Wiener Westbahnhof an und spuckt ein fröhliches Völkchen von Werktätigen aus, die den freien Samstag – für die Wiener der erste Ferientag –und den ersten Sonnentag seit Langem nützen, um für die gerechte Sache ins Feld zu ziehen. Teils sind Luftballons und Transparente bereitgestellt, um der Menge das entschlossene Gesicht des Protests zu geben, teils bringen die Arbeitnehmer aus allen Winkeln des Landes ihre eigenen Transparente mit.

Die Ersten ziehen schon langsam los, als die Letzten noch gar nicht den Bussen entstiegen sind – es wird ein einziger, sich über mehr als vier Stunden hinziehender Zug in Richtung Heldenplatz, auf dem sich alles gesammelt hat, als ÖGB-Chef Wolfgang Katzian, beflügelt vom Erfolg, in die Menge ruft: „Das war erst der Anfang der Proteste und definitiv nicht das Ende. Wir werden Widerstand leisten mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen!“

Der Gegner, die Bundesregierung, ist nicht anwesend, zum Teil nicht einmal in Wien, schließlich gilt es, im steirischen Schladming die Übernahme der EU-Präsidentschaft zu zelebrieren. Das tut der Stimmung keinen Abbruch: „Wir sind viele“, sagt Postgewerkschafter Helmut Köstinger. „Und wir sind laut.“

Allerdings. Empfindliche flüchten sich vor dem ohrenbetäubenden Lärm an den Rand des Zuges. „Es hilft der Regierung nichts, sich in Schladming zu verstecken“, setzt Köstinger noch einmal nach.

Und dann lässt er sich hinreißen, auch gleich noch „die unsoziale und ungerechte Regierung stürzen“ zu wollen. Da muss ÖGB-Chef Wolfgang Katzian später relativieren. Selbstverständlich akzeptiere der ÖGB jede demokratisch gewählte Regierung, aber nicht automatisch jedes Vorhaben.

Schließlich ist auch der ÖGB-Vizepräsident der Christgewerkschafter mit von der Partie, auch er spricht eine klare Sprache: Er sei nicht da, um die Regierung zu stürzen, sondern um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verbessern. „Es geht um die Sozialpartnerschaft“, ruft Norbert Schnedl, und die lasse man sich nicht nehmen. „Wir wollen Verhandlungen. Wir fordern Mitbestimmung!“ Der aufmüpfige Tiroler AK-Präsident Erwin Zangerl, ebenfalls ein Schwarzer, marschiert mit im Zug.

Schnedl vergisst auch nicht, den vielen Polizisten einen Dank abzustatten, die omnipräsent sind, aber sich dezent im Hintergrund halten. Nur einmal kommt eine kleine Missstimmung auf, als die Polizei von nur 25.000 bis 30.000 Demonstranten spricht, obwohl es spürbar ist, dass man an der Hunderttausendermarke kratzt. „Das Problem heißt Kickl“, tönt es von der Bühne. Dann geht man zur Tagesordnung über.

Die Freiwilligkeit, an die keiner glaubt, der Aufschub von Freizeitausgleich oder Überstundenauszahlung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, die Gefahr für die Gesundheit, die Einschränkung der Freizeit, die Abschaffung der Jugendvertrauensräte – und immer wieder die Fassungslosigkeit über „die Ausschaltung der Betriebsdemokratie“, wie es der ÖGB-Chef formuliert, die Ausschaltung der Betriebsräte in Bezug auf Vereinbarungen über die Mehrarbeit. „Was kommt als Nächstes?“, fragt sich Katzian.

Die SPÖ ist prominent mit dabei, Parteichef Christian Kern, Steirer-Chef Michael Schickhofer, der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig. Baugewerkschafter und Nationalratsabgeordneter Josef Muchitsch zieht blank:

Wenn sie den Arbeitskampf wollen, dann sollen sie ihn kriegen.“ Nicht nur einmal kriegt der abwesende Jungkanzler sein Fett ab. „Wenn du einen Bundeskanzler hast, der noch keinen Betrieb drei Monate lang von innen gesehen hat, dann ist es klar, warum der sich einen 12-Stunden-Tag vorstellen kann“, formuliert Katzian-Vorgänger Erich Foglar. Auch Vida-Gewerkschafter Roman Hebenstreit „drückt das Geschwafel nicht mehr durch“.

Die Bühne am Heldenplatz ist heute auch Bühne für die wahren Helden der Arbeit: ein Pflasterer, eine Verkäuferin, ein Lagerarbeiter, eine Zwirnerin, eine Büroangestellte schildern ihren Alltag. „Zwölf Stunden am Tag, 60 Stunden in der Woche – das schaffen wir nicht!“

Fragt doch das Volk“, spielt Katzian zum Schluss auf die Lust der Regierung zu Volksbefragungen an. Es war die größte Demonstration seit den Protesten gegen die schwarz-blaue Pensionsreform im Jahr 2003. Am Montag geht es weiter mit Betriebsversammlungen. Die Regierung wird sich warm anziehen müssen, auch wenn der Hochsommer vor der Tür steht.

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