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Der Politneuling und sein Selfie

Eugen Freund soll für die SPÖ den Sieg einfahren. Das Politikgeschäft lernte der ORF-Pensionist im Wahlkampf auf die harte Tour.

Bitte geh aus der Küche – das ist zu gefährlich“, raunt die Marktfrau dem staunenden Politiker zu. Markttag ist‘s, und im kleinen Stand am Klagenfurter Benediktinermarkt herrscht Hochbetrieb. Für einen ganzen Politiker-Werbetross ist hier kein Platz.

Eugen Freund wirbt zwischen Margeriten, Nüssen und Rucola um Stimmen. Mit roten Kugelschreibern, Flyern und Wahlhelfern adjustiert, kämpft er tapfer gegen „meinen größten Feind: den Wind“.

Der Nordföhn ist freilich nicht sein einziger Gegner, doch am Schluss durfte der Neopolitiker mit Heimvorteil mit seinem Markttag zufrieden sein. Zwischen Wählern und Wahlwerber herrscht zwar eine Art Nichtangriffspakt, getarnt als höfliche Distanz. Die Kärntner kennen den SPÖ-Kandidaten nicht nur aus dem Fernsehen; etliche begrüßt der ORF-Pensionist auch persönlich.

Noch ist Freunds Metamorphose aber nicht vollendet, steht der bisweilen etwas eitel wirkende Herr Freund dem jovialen, lockeren Eugen ziemlich im Wege. Wenn er an seiner Weste zupft oder sich die Haare zurechtlegt, wirkt das verlegen. Aber in der Kontaktanbahnung mit den Wählern hat er die Scheu zuweilen abgelegt. Er schießt Selfies mit Damen, beglückt eine Ex-Kollegin aus dem ORF gar mit einem Autogramm und trommelt bei Freund und Feind unverdrossen seine Botschaft: Als Lobbyist der Kleinen will er sich in Brüssel und Straßburg mit den Großen anlegen. Das Kriegsbeil gegen zügellose Finanzmärkte, Brüsseler Lobbyisten und eine sich ausbreitende Armut wurde von ihm ausgegraben.

Von der physischen und verbalen Offensivkraft eines Profis ist der 63-Jährige im politischen Straßenkampf Hochhäuser entfernt. Die fehlende Hartgesottenheit verleiht ihm eine freundliche Note – bis er sein größtes Ass ausspielt und in den Singsang des TV-Moderators verfällt.

Als Freund in einem Wirtshaus ein Gast entgegenschleudert, er sei zwar „Sozialist, aber Eana wähl ich sicher nicht“, wirkt der Kandidat ernsthaft betroffen. Kritik verdaut Freund sichtlich schwer.

Natürlich zählt ein Betriebsbesuch zum Pflichtprogramm des um ein Wahlvolk mit durchschnittlichen Löhnen buhlenden Spitzenkandidaten. Bevor er weiterzieht, schnell noch ein Abstecher in die Leitstelle der Rettung. Plötzlich läutet Freunds Handy. Er springt auf und lächelt: Lob vom Kanzler für ein gelungenes Radiointerview. Es war einer der richtig guten Tage auf seinem anstrengenden Weg nach Brüssel.

UWE SOMMERSGUTER

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