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HENRYK M. BRODER BRIEF AUS DEUTSCHLAND

Deutschland und das jüdische Roulette

Können sich die Juden sicher fühlen oder sollen sie nach Israel auswandern?

Die deutschen Juden waren schon immer die besseren Deutschen. Sie schlossen den Kaiser in ihre Gebete ein, sie verehrten Richard Wagner, sie nannten ihre Kinder Hermann und Dorothea, bis ihnen 1938 vom Reichsinnenminister auferlegt wurde, ausschließlich „jüdische“ Namen zu benutzen, wie Itzik für Buben und Geilchen für Mädchen. Sie meldeten sich freiwillig zum Dienst im Ersten Weltkrieg, und als die antisemitische Propaganda hinterher behauptete, sie hätten sich gedrückt, da veröffentlichte der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ ein „Gedenkbuch“ mit den Namen aller jüdischen Gefallenen.

Im Vorwort schrieb der Vorsitzende des Bundes, Hauptmann Leo Löwenthal: „Das edelste deutsche Blut ist das, welches von deutschen Soldaten für Deutschland vergossen wurde. Zu diesen gehören auch die 12.000 Gefallenen der deutschen Judenheit, die damit wiederum ihre allein ernsthafte und Achtung gebietende Blutprobe im deutschen Sinne bestanden hat.“

Die Blutprobe hielt nicht lange vor. Nachdem die Nazis im März 1933 zu einem Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen hatten, reagierte die Reichsvertretung der deutschen Juden mit einem „Aufruf“, in dem sie sich von jenen distanzierte, die sich etwas zuschulden kommen ließen: „Wegen der Verfehlungen einiger Weniger, für die wir nie und nimmer Verantwortung tragen, soll uns deutschen Juden, die sich mit allen Fasern ihres Herzens der deutschen Heimat verbunden fühlen, wirtschaftlicher Untergang bereitet werden.“ Zugleich sprach die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ der Regierung ihr Vertrauen aus. Man baue darauf, „dass sie uns Recht und Lebensmöglichkeit in unserem deutschen Vaterlande nicht nehmen lassen werden“.

Nachdem der israelische Ministerpräsident nun die Juden Europas aufgerufen hatte, nach Israel zu kommen, verwahrten sich die Juden in Deutschland gegen diese Einmischung in ihre Angelegenheiten. Sie hätten volles Vertrauen zu ihrer Regierung. Und im Übrigen sei auch das Leben in Israel nicht ungefährlich.

So funktioniert das jüdische Roulette: Wer zu lange bleibt, den bestraft das Leben.

Henryk M. Broder schreibt für „Die Welt“ und die „Weltwoche“

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