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Moskau

Putin, Stalin und der liebe Gott

Unterstützer der kommunistischen Partei in Moskau. AP

Unterstützer der kommunistischen Partei in Moskau. AP

100 Jahre Oktoberrevolution: Der Kommunismus als Ideologie ist in Russland tot, aber die Sowjet-Mentalität lebt weiter.

Nicht, dass es keine Revolutionäre mehr gäbe. Am Sonntag wurden in Moskau und anderen russischen Städten mehr als 400 mutmaßliche Extremisten festgenommen, Sympathisanten des anarcho-populistischen Videobloggers Andrej Malzew, aber auch Passanten, die mit Rucksäcken im Moskauer Stadtzentrum unterwegs waren. Doch nach weiteren oppositionellen Demonstrationen suchte man vergebens.

Wie unter Stalin hätten die Sicherheitsorgane wieder begonnen, potenziellen Oppositionellen als blutrünstigen Verschwörern den Prozess zu machen, sagt Wladimir Ryschkow. „Wie damals werden Menschen ohne Beweise verhaftet“, sagt der Oppositionspolitiker und Historiker. Tröstlich sei es, dass die Opfer heute nicht mehr erschossen würden.

Die Staatsführung plant keine Feiern zum 100. Jahrestag der russischen Revolution. „Was gibt es da zu feiern?“, fragt Kremlsprecher Dmitri Peskow. Nur die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) plant eine Kundgebung. Aber von der erwartet niemand Revolutionäres.

Am 7. November 1917 ergriffen in Russland die Bolschewisten die Macht und errichteten die Sowjetunion, ein Zukunftsexperiment, das die ganze Welt in ein kommunistisches Paradies verwandeln sollte, nach verschiedenen Schätzungen aber 12 bis 60 Millionen Menschen das Leben kostete. 1991 zerfiel die Union, eines ihrer wenigen organisatorischen Überbleibsel ist jene KPRF. Aber die Kommunisten riskieren heute keine politischen Randale, die Masse ihrer Landsleute auch nicht. Die Sowjetunion ist untergegangen, aber die Mentalität lebt weiter.

Die KPRF gibt sich oppositionell, hält sich aber an die Spielregeln des Kremls. Bei den Duma-Wahlen 2016 holte sie über sieben Millionen Russen oder 13,3 Prozent der Wähler. „Es ist vor allem die Partei der Pensionisten, denen sie als Ideologie mythologisierte Sowjetvergangenheit anbietet“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk.

Der Kommunismus als irdische Heilsidee ist praktisch tot, 84 Prozent der Russen glauben jetzt an Gott. Und Wladimir Putin verurteilte kürzlich die Repressalien der Sowjetzeit: „Für diese Verbrechen gibt es keine Entschuldigung.“ Doch das sei kein Grund, jetzt mit der Abrechnung zu beginnen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der KGB als FSB weiter gemacht, wurde nie entmachtet. Wie Putin, der sein KPdSU-Parteibuch bis heute aufbewahrt, orientiert sich die Masse der Russen, was Werte betrifft, Richtung Vergangenheit.

Man klammert sich an sowjetische Kinderbücher, Filmkomödien und Schlager, dreht reihenweise neue Filme über den „großen, vaterländischen“ Sieg im Zweiten Weltkrieg. Alljährlich feiert sich Russland als Alleinretter der Welt vor Hitler. Eine Geschichtsdebatte, die Stalins Herrschaft in die Nähe des Naziregimes stellen könnte, vermeidet man mit allen Kräften. 34 Prozent der Russen halten Wladimir Putin für die bedeutendsten Mann der Weltgeschichte, 38 Prozent aber Josef Stalin. Stefan Scholl

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