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Glas ist zerbrechlich, Demokratie auch

REPORTAGE. Zarte Glasharfentöne statt Gebrüll: wie Österreich des Endes seiner I. Republik gedachte. Von Thomas Götz

Der Festsaal der Hofburg, glitzernde Luster, korinthische Säulen, habsburgisches Flair. Langsam füllt sich der Raum mit Politikern, Diplomaten, Gästen des Festakts aus Anlass des 80. Jahrestags des Endes der I. Republik. Auf der riesigen Leinwand erklären Zeitgenossen den Sinn des Gedenkens. Es ist zu laut zum Zuhören. Als auch Johann Gudenus, der freiheitliche Klubobmann, da ist, beginnt die Gedenkveranstaltung.

Im Eilzugstempo reißt die Schwarz-Weiß-Dokumentation das Publikum durch die Zwischenkriegszeit, vom Ende der Republik zum Justizpalastbrand, vom „Anschluss“ bis zum Ende in Trümmern. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Toten, Hunderte, Tausende, Millionen. Gerade noch hatte Kurt Schuschnigg, der letzte Kanzler der I. Republik, sich mit einem „deutschen Wort“ verabschiedet: „Gott schütze Österreich.“ Begeisterungsstürme waren über die Leinwand gefegt, verklärte Gesichter hatten dem heiseren Stakkato Adolf Hitlers auf dem Altan der Neuen Hofburg gelauscht. 250.000 Menschen. „Die größte Sünde ist das Vergessen“, sagt, wieder in Farbe, der Pianist Rudolf Buchbinder.

Dann spricht der Präsident. Was die Lehre sei, fragt Alexander Van der Bellen, der Gastgeber. Dass auch Demokratien anfällig sind für Populismus und Demagogie. Dass Lehren aus der Geschichte nicht ein für alle Mal gezogen werden können. Dass es nicht nur Mitläufertum gegeben habe in unserem Land, sondern auch „eine Tradition des Muts und der Verantwortung“. Dass es für historische Ignoranz keine Entschuldigung gebe, heute noch weniger als früher.

Bundeskanzler Sebastian Kurz erzählt seine eigene Geschichte mit dem Thema, die geprägt ist von Begegnungen mit Überlebenden der „Terrorherrschaft“. Erst im Gespräch mit ihnen sei das in Büchern Gelesene für ihn wirklich lebendig geworden. Sich das Gehörte zu Herzen zu nehmen und es weiterzugeben, sei ihm wichtig, sagte Kurz, der an das hohe Alter der letzten Überlebenden, an das nahe Ende der direkten Konfrontation mit selbst erlebten Schrecken erinnert. Kurz sieht die Geschichte Österreichs auch als Verpflichtung, den Staat Israel zu unterstützen. Wenn er vor Antisemitismus warnt, meint er nicht nur den hiesigen, sondern erwähnt auch „importierten“.

Die eigentliche „Gedenkrede“ hält André Heller. Er erzählt vom Vater und seiner Verhaftung, eine Geschichte, die der nach dem Krieg geborene von seiner heute bereits 104 Jahre alten Mutter gehört hat. Er erinnert sich an eine Begegnung mit dem Schriftsteller Carl Zuckmayer, der den „Wiener Hexensabbat der Verblendeten“ in seinen Erinnerungen unnachahmlich geschildert hatte.

Heller erzählt vom „Verlustkomplex“ der ersten Republik, der sich auf die territoriale Größe, auf die politische Bedeutung, auf wirtschaftliche Macht und – auf das Meer bezog. Ein „tragischer Pallawatsch“ sei dieses Zwischenkriegsösterreich gewesen, zuletzt noch verwüstet durch Hyperinflation. „Es war sehr, sehr schwer, optimistisch zu bleiben, wenn man nicht zu den Schiebern, den Notgewinnlern, den moralbefreiten Spekulanten gehörte“, formulierte Heller.

Vom Sohn des Auschwitzkommandanten Höß erzählt er, den seine Mutter einst mahnte, keine Erdbeeren aus dem Garten zu essen, „weil sie zu grau wären“. Grau aber waren sie, weil die Asche verbrannter Menschen sich auf die Beeren legte. „Kommandanten, SS-Wächter und Lagerinsassen, Täter und Opfer trugen also zumeist Aschepartikel der Ermordeten in ihren Lungen.“

Heller erinnert an die Nachkriegszeit, an die Unmöglichkeit, eine Löschtaste zu drücken, vom Weitergären des Alten „in den Köpfen, Gedanken und Verhaltensweisen vieler“. An das Versäumnis, die Vertriebenen nach Hause zurückzuholen. Zuletzt ein Schwenk in die Gegenwart: „Vergessen wir nicht, dass am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft nicht Auschwitz, sondern die Ausgrenzung von Menschen, die als störend, als schädlich betrachtet wurden, stand.“ Dem setzt er ein Wort entgegen, das er, der sich selbst als lange Zeit Hochmütigen beschreibt, als das Wichtigste erkannt hat: Mitgefühl.

Dann strömten die Gäste auf den Heldenplatz. Unter dem Balkon, von dem Hitler einst seine Rede geschmettert hatte, stehen ein paar kleine Lautsprecher. Zweimal am Tag verströmen sie zarte Töne, die die Finger der Künstlerin Susan Philipsz vier Weingläsern entlockt haben, Gegentöne zum heiseren Gebrüll von damals. „Glas ist zerbrechlich“, sagt der Präsident. Die Demokratie auch.

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