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Der Dachstein trotzt dem Spektakel

am schauplatz. Nicht in Wien oder Brüssel, auf der Planai übergaben die Bulgaren dem Kanzler den EU-Vorsitz. Zum Fototermin in den Alpen flog auch Tusk ein. Für 90 Minuten. Von Michael Jungwirth

Mit Maschinenpistolen bewaffnete und in schwere Schutzwesten gehüllte Polizisten vor der Talstation der Planai, Bombenhunde, die sich durch die Parkgarage schnüffeln, Taschenkontrollen vor dem Besteigen der Gondelbahn, Betonschikanen an den Einfahrtsstraßen: Zum Auftakt des EU-Vorsitzes ist Schladming im polizeilichen Ausnahmezustand.

Knapp nach neun Uhr biegt der Konvoi von Donald Tusk um die Ecke, Bundeskanzler Sebastian Kurz begrüßt den EU-Präsidenten überschwänglich. Der Pole bestieg um sechs Uhr früh in Brüssel den Privatflieger in Richtung Salzburg. Aus Sofia stößt der gerade noch amtierende Ratspräsident, der bulgarische Premierminister Bojko Borissow (auch via Salzburg) dazu. Oben auf der Bergstation der Planai wird das Trio von Schladminger Alphornbläsern, mehr als hundert Journalisten, Fotografen, Kameraleuten aus ganz Europa und vielleicht 500 Schaulustigen – durchaus in Tracht und der eine oder die andere mit der Europafahne auf dem Hut oder in der Hand – empfangen.

Auf dem serpentinenreichen Pfad runter zur Schafalm muss sich Kurz einem wahren Spießrutenlauf unterziehen, während Tusk und Borissow unbehelligt voranschreiten. Auch auf 1900 Meter Seehöhe wird der Kanzler von Selfiejägern belagert, die zumeist peinlich berührt um ein Foto bitten. Kurz willigt in einem Bruchteil von Sekunden ein, nimmt seinem Fan so die Verlegenheit, stellt sich in Pose und lässt zu keinem Zeitpunkt erkennen, dass ihm der Selfie-Marathon, dem er als Bundeskanzler bei öffentlichen Terminen ausgesetzt ist, auf die Nerven gehen könnte.

Nach einem schnellen Frühstück in der Hütte dann der große Moment, weswegen das Triumvirat aus allen Teilen Europas nach Schladming gejettet ist. Kurz, Tusk und Borissow schreiten zu Baumstümpfen, die zu poppigen Pulten mit eingebautem Mikrofon umfunktioniert worden sind. Was sie gegenüber den Medien von sich geben, ist heute sekundär. Tusk überrascht zwar mit einem „Grüß Gott!“ und einem „Ich verlasse mich auf dich, Sebastian“. Im Vordergrund stehen die Bilder, nur die Bilder. In Anlehnung an die Fußball-WM überreicht der Bulgare dem Kanzler einen Wimpel mit der Europaflagge. Zweiminütiges Dauerklicken der Kameras. Fragen sind nicht vorgesehen, unbotmäßige Journalisten sollen nicht mit ketzerischen Einwürfen die Inszenierung stören.

Leider spielt das Wetter nicht ganz mit. Der Regen hat aufgehört, schwere Wolken hängen über dem Ennstal und verunmöglichen den einzigartigen Blick auf die Bergkulisse und das gewaltige Dachsteinpanorama. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, Bürgermeister Jürgen Winter und Planai-Chef Georg Bliem sind dennoch aus dem Häuschen: „Diese Bilder gehen um die Welt. Das ist eine unbezahlbare Werbung für Schladming und die Steiermark. Einmalig!“

Dennoch läuft nicht alles wie am Schnürchen. Am Gegenhang entrollen Demonstranten ein Transparent und skandieren Parolen gegen die Asylpolitik. Nicht minder störend ist das Brummen der Drohnen, die die Polizei und das Medienteam des Brüsseler EU-Rates aufsteigen ließen. Nach 90 Minuten sind Tusk und Borrisow wieder auf dem Weg zurück nach Belgien und Bulgarien – viel Aufwand für einen Fototermin vor einer alpinen Bergkulisse.

Zum zweiten Teil stößt die Bundesregierung dazu, zumindest jene Vertreter, die den Weg nach Schladming gefunden haben. Und da ergibt sich ein höchst seltsames Bild, das Spekulationen auslöst. Während die türkis-schwarzen Minister – mit Ausnahme der hochschwangeren Umweltministerin Elisabeth Köstinger und Finanzminister Hartwig Löger – vollständig angereist sind, glänzt die freiheitliche Regierungsmannschaft durch Abwesenheit. Weder Heinz-Christian Strache noch Norbert Hofer, Herbert Kickl, Marion Kunasek, Beate Hartinger-Klein oder Staatssekretär Hubert Fuchs werden gesichtet. Nur Außenministerin Karin Kneissl, die kein FPÖ-Mitglied ist, ist zugegen – und auf luftiger Höhe in erster Linie damit beschäftigt, ihre zwei Boxerhunde zu bändigen. Im Medienprogramm war noch der Vizekanzler und FPÖ-Chef angekündigt. Zur heutigen Formel 1 in Spielberg hat sich Strache jedenfalls angesagt.

Über die Gründe der kollektiven Abwesenheit kann nur gemutmaßt werden. Dafür haben der EU-Abgeordnete Othmar Karas, EU-Botschafter Jörg Wojahn, der Leiter des Steiermarkhauses in Brüssel, Ronny Rödl, oder auch Frankreichs Botschafter François Saint-Paul den Weg in die Steiermark gefunden. Und auch Peter Goldgruber, der wegen der BVT-Razzia in die Kritik geratene Generalsekretär im Innenminister, ist anwesend – nicht nur, um die Polizeiarbeit zu inspizieren. Goldgruber ist gebürtiger Obersteirer.

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