Politik

Der erfolgreiche Weg der Balkanländer

03.06.2020 • 07:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Für unsere Helden" steht auf dieser Wandmalerei in Novi Sad
„Für unsere Helden“ steht auf dieser Wandmalerei in Novi Sad AFP

Weniger Opfer, mehr Normalität: Krisenmanagement am Balkan.

Balkan-Mafia, Balkan-Methoden, Unordnung und Organisierte Kriminalität – an negativen Stereotypen über den Balkan und das ehemalige Jugoslawien besteht seit Karl Mays Zeiten wahrlich kein Mangel. Doch im Kampf gegen das Coronavirus haben sich die Staaten des ehemaligen Jugoslawien und Albanien wahrlich gut geschlagen, trotz eines Gesundheitssystems, das vielerorts durch Abwerbung aus der EU unter einem spürbaren personellen Aderlass leidet. Das zeigt ein Blick auf einige ausgewählte Länder, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Staaten dieses Teils des Balkans zwischen 650.000 und sieben Millionen Einwohner zählen.

So verzeichnete Slowenien bisher 109 Tote, Kroatien 103, Serbien 245 und Montenegro 10. Slowenien hat bereits die Epidemie für beendet erklärt; einige Tage hindurch gab es keinen einzigen Fall einer Neuinfektion, nur gestern gab es einen Fall in einer Schule, und daher wurde die ganze Klasse unter Quarantäne gestellt. Slowenien hat seine Grenzen zu Ungarn und Kroatien völlig geöffnet, nicht aber zu Österreich, weil noch keine Gegenseitigkeit vorliegt.

Auch in Kroatien hat sich das Leben weitgehend normalisiert; Einschränkungen gibt es noch bei Versammlungen in geschlossenen Räumen, die auf 300 Personen beschränkt sind, und auf 500 bei Sportveranstaltungen. In Kraft ist noch das Abstandhalten, das Tragen von Schutzmasken und Handschuhen wird empfohlen. Kroatien hat mit Ende Mai seine Grenzen für zehn Staaten aus der EU geöffnet, darunter auch Österreich; in diesen Ländern wurde die epidemiologische Lage positiv bewertet. Touristen müssen eine Reservierungsbestätigung vorweisen, die man bereits vor Antritt der Reise online ausfüllen kann.

Kleines Land, großer Erfolg

Das wohl beste Beispiel im ehemaligen Jugoslawien ist Montenegro. Das kleine Land mit seinen 650.000 Einwohnern verzeichnete nur 10 Tote und 324 Infizierte; seit 5. Mai gibt es keine Neuerkrankungen mehr. Die Gründe für den erfolgreichen Kampf sind vielfältig; dazu zählen der zeitgerechte Beginn des Kampfes gegen das Virus, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, soziale Distanz, Shutdown von Betrieben und Institutionen, noch ehe der erste Fall aufgetreten war. Sehr erfolgreich war man auch im Schutz der sogenannten Risikogruppen.

Dazu sagt in Podgorica das Mitglied des Krisenstabes, der Arzt Senad Begic: „Alle Pensionistenheime in Montenegro wurden für Besuche bereits im Februar geschlossen; von Ende März an gingen diese Heime zu einem geschlossenen Arbeitszyklus über; das bedeutete, dass die Beschäftigten in diesen Heimen praktisch mit ihren Schutzbefohlenen gelebt haben und von jedem physischen Kontakt mit der Außenwelt abgeschlossen waren; dies betraf auch das Familienleben. Das zeigt, wie groß die Opferbereitschaft und die Anstrengungen des Pflegepersonals waren, um zu verhindern, dass das Virus die alte Bevölkerungsgruppe befallen konnte. Der Erfolg gab den Mitarbeitern recht, dafür schulden wir ihnen große Dankbarkeit.“

Wie erfolgreich Montenegro war, zeigt der Umstand, dass nur vier Prozent der Infizierten in die Altersgruppe von 80 bis 89 Jahren fielen, wobei die meisten Infizierungen bei Personen im Alter von 40 bis 49 Jahren auftraten (17 Prozent). Dieser Erfolg ist auf einschneidende Maßnahmen zurückzuführen, die auf dem Balkan teilweise viel schärfer waren als in Österreich. So gab es in Serbien eine Ausgangssperre jeden Tag ab 17 Uhr, noch weit strenger waren die Ausgangssperren für Personen ab 65 Jahren, die nur einmal pro Woche zu nachtschlafender Zeit einkaufen gehen durften.

Auch in Serbien hat sich das öffentliche Leben weitgehend normalisiert, wobei weiter Vorsichtsmaßnahmen in Geschäften, Friseursalons sowie Fitnesszentren gelten. Serbien hat die Grenze für Ausländer bereits wieder geöffnet; Montenegro tat dies ebenfalls ab 1. Juni für Bürger aus Ländern, in denen weniger als 25 Coronafälle auf 100.000 Einwohner kommen.