Politik

Iran gerät in massive zweite Welle

05.06.2020 • 13:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vorschnelle Öffnung? Iran steckt in massiver zweiter Welle
Vorschnelle Öffnung? Iran steckt in massiver zweiter Welle AFP

Das Schlimmste schien überstanden – doch jetzt explodieren die Zahlen.

„Die Lage ist absolut schrecklich”, klagte der Bürgermeister der Stadt Behbahan in der Provinz Khuzestan in einem Video, das sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien verbreitete. „Die Zahl der positiven Corona-Tests explodiert“, deklamierte Alireza Bahadori in der Halle der örtlichen Feuerwehr vor einer Kulisse von Einsatzfahrzeugen mit eingeschaltetem Blaulicht. Die Entwicklung sei „extrem gefährlich und beunruhigend“, sekundierte ihm Hossein Farshidi, Chef der staatlichen Gesundheitsbehörde in der südlichen Provinz Hormozgan an der Straße von Hormuz. Ähnliche Alarmrufe kommen auch aus anderen Ecken des Landes.

Angst vor zweitem Lockdown

Seit Montag registrierten die Behörden über 3000 neue Covid-19-Positive pro Tag. Am Donnerstag sprang die Zahl nun auf 3574, ein bisher nie zuvor erreichter Wert – und erstmals deutlich höher als die Spitze der ersten Infektionswelle im Februar und März. „Die Städte wurden zu spät geschlossen und zu früh wieder geöffnet“, urteilten Seuchenexperten, wie Kamiar Alaei vom „Institute for International Health and Education“ in den USA. „Unsere Arbeit ist noch schwieriger geworden”, räumte auch Präsident Hassan Rowhani ein und nannte die gegenwärtige Situation „brisanter als im Februar und März“. Denn sollte dieser Rückfall einen zweiten Lockdown erzwingen, könnte das der maroden Volkswirtschaft den Rest geben und den Zorn gegen das Regime neu entfachen – wie zuletzt bei den blutigen Massenprotesten im November 2019.

Kein Abstand mehr

„Die Menschen sind total leichtsinnig geworden, weil sie denken, das Corona-Virus sei verschwunden“, schimpfte Teherans Gesundheitsminister Saeed Namaki. Vor zwei Tagen sei er in Mashad gewesen, was er dort gesehen habe, sei entsetzlich. Es werde kein Abstand mehr gehalten, Leute trügen keine Masken. „Wenn das so weitergeht, wird Corona gegen uns in letzter Minute ein Tor schießen.“

Wie eh und je drängeln sich die Menschen im Iran wieder in Straßen, Basaren und Restaurants, während sich mit voller Wucht eine zweite Corona-Welle aufbaut. „Hochzeiten können sich schon kurz nach dem Fest in Beerdigungen verwandeln“, warnte Namaki. Anders als manche aus Irans Führung der Bevölkerung weismachen wollten, sei das Virus nicht geschwächt, sondern werde immer gefährlicher. „Letzte Woche sind Patienten gestorben, 32 und 42 Jahre alt, ohne irgendwelche Vorerkrankungen.”

Schwerer Rückschlag

Dabei war noch vor einem Monat die Zahl der Neuninfektionen auf weniger als 1000 pro Tag gesunken. Das Schlimmste schien überstanden für die Islamische Republik, die im Nahen Osten von der tückischen Virus-Seuche am stärksten betroffen ist. Zügig wurde das öffentliche Leben gelockert, nun droht ein massiver Rückschlag. Neun der 31 Provinzen schlugen erneut Alarm.

Die Zahl der Infizierten beträgt offiziell derzeit 160.700, darunter 10.000 Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern. 8012 Menschen sind gestorben, 2500 liegen in kritischem Zustand auf der Intensivstation. Die Dunkelziffern jedoch dürften um ein Vielfaches höher sein. Die exiliranische Opposition spricht sogar von 48.500 Corona-Toten, davon allein 10.200 in Teheran. Selbst ein Gutachten des iranischen Parlaments geht von zehnmal mehr Infizierten und doppelt soviel Opfern aus, als offiziell verkündet.

Zum neuen Seuchen-Hotspot entwickelt sich vor allem die ölreiche Provinz Khuzestan, deren Bewohner seit Jahren gegen ihre Diskriminierung durch Teheran aufbegehren. Kritisch ist die Lage auch in den drei bevölkerungsreichsten Regionen Teheran, Isfahan und Khorasan.

Wahrheit lange vertuscht

Die Frustration der Bevölkerung über den chaotischen Umgang des Regimes mit der Pandemie ist enorm. Mittlerweile ist bekannt, dass iranische Ärzte im Nordiran Ende Dezember erste Fälle einer neuen aggressiven Lungenkrankheit diagnostizierten, die sie mit dem aus China gemeldeten Covid-19-Virus in Verbindung brachten. Sie wurden von den Revolutionswächtern zum Schweigen gezwungen, weil Teheran die Beziehungen zu China, seinem wichtigsten Handelspartner, nicht belasten wollte. Alles wurde unter dem Deckel gehalten, Ärzte mussten falsche Sterbeurkunden ausstellen.

Erst sieben Wochen später, kurz vor den Parlamentswahlen am 21. Februar, räumte die Islamische Republik erstmals offiziell zwei Corona-Tote ein. Trotzdem flog die von den Revolutionären Garden gesteuerte Mahan Air im Februar noch mehr als 50 Mal nach China, selbst als bereits Besatzungsmitglieder typische Krankheitssymptome zeigten.