Politik

Angehörige der Toten klagen an

11.06.2020 • 16:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hinterbliebene von 50 Corona-Opfern in Bergamo reichten Sammelklage ein
Hinterbliebene von 50 Corona-Opfern in Bergamo reichten Sammelklage ein AFP

Corona: Italiens Premier muss sich den Fragen der Staatsanwaltschaft stellen.

Bilder von Militärlastern, die Särge aus Bergamo abtransportieren, haben sich weltweit in die Erinnerung an die Corona-Epidemie gegraben. Angehörige von Todesopfern sind überzeugt, dass Versäumnisse bei der Bekämpfung des Virus das Massensterben in der norditalienischen Provinz begünstigt haben.

Als ersten von drei Regierungsvertretern wird die Staatsanwaltschaft Bergamo am morgigen Freitag Italiens Premier Giuseppe Conte als Zeugen anhören. Angehörige von 50 Todesopfern reichten Klage ein.
Monica Plazzoli beschreibt die drei Wochen, die ihr Mann im Krankenhaus vergeblich um sein Leben kämpfte, als einen „Horrorfilm“.

Auf der Internetseite des Komitees, das die Klagen einreichte, schildern Angehörige wie die Mitarbeiterin eines Seniorenheims, was sie als eklatante Versäumnisse der Gesundheitsbehörden erlebten. Sie brachte ihren Ehemann gegen den erklärten Rat der Ärzte ins Krankenhaus von Bergamo, nachdem er zuvor tagelang mit hohem Fieber zu Hause bleiben musste. In Telefonaten berichtete er seiner Familie in den folgenden Tagen, dass er keine Luft bekomme, weil Ärzte sein Beatmungsgerät für andere Patienten benötigten.

Chaos

Das Chaos in dem vom Ansturm der Covid-Patienten überforderten Krankenhaus Papa XXIII in Bergamo sei so groß gewesen, dass er mitunter nichts zu essen bekommen habe. Drei Wochen später ist ihr bis dahin kerngesunder Mann tot. „Ein Alptraum“, für den die 54-Jährige mit ihren drei Kindern nun auf juristischem Wege die Verantwortlichen sucht.
Bei den vorliegenden Klagen geht es vor allem um die Frage, ob die beiden Orte Nembro und Alzano bei Bergamo bereits im Februar wegen ihrer hohen Fallzahl frühzeitig wie Codogno und Vo’ Euganeo zu roten Zonen hätten erklärt werden müssen. Nachdem die beiden Infektionsherde in der Lombardei und in Venetien bereits im Februar abgesperrt wurden, erklärte Premier Conte am 8. März die Lombardei zum Sperrgebiet und weitete die Ausgangssperren kurz darauf auf ganz Italien aus.

Die zuständige Staatsanwältin Maria Rosa Rota bekundete bereits die Überzeugung, es sei Aufgabe der Regierung gewesen, die beiden Orte in der Nähe von Bergamo frühzeitig zu isolieren. Der auch für Bergamo zuständige Gesundheitsrat der Lombardei, Giulio Gallera, gestand mittlerweile jedoch ein, dass auch die Region einzelne Orte absperren kann.

Premier Conte gibt sich vor der Anhörung als Zeuge gelassen. Er habe nach bestem Gewissen gehandelt. Noch richtet sich der Vorwurf, durch mangelndes Eingreifen die Ausbreitung der Epidemie begünstigt zu haben, gegen unbekannt. Sollte die Staatsanwaltschaft zur Überzeugung gelangen, die Regierung hätte früher eingreifen müssen, könnte Conte sich auch auf der Anklagebank wieder finden. Neben Conte will die Staatsanwaltschaft auch Innenministerin Luciana Lamorgese und Gesundheitsminister Roberto Speranza als Zeugen vernehmen.
Monica Plazzoli wartet derweil mit den anderen Klägern noch auf Antworten. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann noch leben würde, wenn er rechtzeitig behandelt worden wäre.