Politik

Le Pen nimmt Kurs auf den Élyséepalast

04.07.2021 • 19:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Noch nie hatte Marine Le Pen so viel Gegenwind vor einem Parteitag
Noch nie hatte Marine Le Pen so viel Gegenwind vor einem Parteitag AFP

Nach den Regionalwahlen kam Kritik an Le Pen aus eigenen Reihen.

Marine Le Pen, die Chefin des Rassemblement National, steht am Sonntagmorgen auf der Dachterrasse des Kongresszentrums im südfranzösischen Perpignan und wirkt so ruhig und gelassen wie eine Hochleistungssportlerin, die sich lange auf den wichtigsten Wettkampf ihres Lebens vorbereitet hat. Es ist ihr letztes Gefecht. „Ich bin extrem kämpferisch, extrem entschlossen“, sagt die 52-Jährige, umzingelt von Journalisten. „Ich habe keinerlei Zweifel, was richtig für Frankreich ist.“ Ihre Partei bekämpfe nicht mehr gegen den „Sozialo-Kommunismus“, wie ihr Vater es nannte, „heute ist unser Gegner der Ultraliberalismus“.


Aber mehr als um wirtschaftliche Frage geht es der Rechtspopulistin um nationale Souveränität und den Kampf um eine verlorengeglaubte Identität. Zum Abschluss des 17. Parteitages des Rassemblement National in Perpignan hielt sie eine flammende Rede gegen das „Joch der EU“, das die Nationen verknechte. Sie bediente die Ängste ihrer Wählerschaft und sagte eine „Überschwemmung Europas durch 70 Millionen Migranten“ voraus. „Die einzige Alternative zur Globalisierung ist die Nation“, so Le Pen. „Wir werden niemals niederknien“, sagte sie mit Anspielung auf die solidarische Sportlergeste für diskriminierte Menschen anderer Hautfarbe.

Gegenwind für Le Pen


Eigentlich hätte der Tag eine triumphale Krönungsmesse werden sollen, an deren Ende Marine Le Pen als die Frau gefeiert wird, die Amtsinhaber Emmanuel Macron im April 2022 besiegen kann. Doch das Timing des Parteitages nur eine Woche nach dem Debakel der Regionalwahlen, wo der RN wider Erwarten keine Region gewonnen und ein knappes Drittel seiner Mandate verloren hat, ist denkbar schlecht. Noch nie hatte Le Pen so starken Gegenwind in der eigenen Partei.


Weil nur jeder dritte Wähler bei den Regionalwahlen zur Urne gegangen ist, sieht sich der RN als „erstes Opfer der Enthaltung“. Für viele Parteimitglieder ist die Niederlage aber auch Gelegenheit, Le Pens Kurs der Normalisierung infrage zu stellen. In den Chor derer, die sich mehr Radikalität wünschen, stimmte zu allem Überfluss auch Marines Vater Jean-Marie Le Pen ein. Der Partei fehle es an Männlichkeit, an „Virilität“, so der Alte.


Marine Le Pen mag es an vielem mangeln, aber sicher nicht an Virilität. Sie führt die Partei mit eiserner Hand. Kritik mag im Vorfeld des Parteitags laut geworden sein, auf den Diskussionspodien herrschte betonte Einigkeit. Auch in ihrem Amt als Parteichefin ist sie mit einem sowjetisch anmutenden Ergebnis von 98,35 Prozent bestätigt worden. „Das zeigt mir, dass mein Kurs der richtige ist“, so Le Pen. Es ist der Kurs der „De-Lepenisierung“ oder Ent-Diabolisierung, die einzig mögliche Strategie, um den Wählersockel zu erweitern.

In den zehn Jahren, seit sie die Partei anführt, ist der RN glatter geworden und hat damit etlichen enttäuschten Konservativen eine neue Heimat gegeben. Der Höhepunkt der Normalisierung fand während eines Fernsehduells mit Innenminister Gérard Darmanin statt, der Le Pen an den Kopf warf, im Kampf gegen den radikalen Islamismus zu „lasch“ zu sein.

Familienbande


Am Wochenende hat die Parteichefin auch ihren „Interimschef“ bestimmt, der sie vertreten wird, wenn ihr Amt vorübergehend niederlegt und den Wahlkampf beginnt. Es ist der Europaabgeordnete Jordan Bardella. Der 25-Jährige gilt als Wunderkind der Partei. Bardella ist zudem mit Le Pens Nichte liiert, der Tochter von Schwester und Schwager, der wiederum ihr engster Berater ist. Ein Beleg dafür, dass auch der RN, wie der Front National zuvor, eine affaire de famille ist.


„Marine Le Pen hat ein großes Handicap, das ist die Abnutzung“, behauptet der Historiker und Rechtsextremismus-Experte Nicolas Lebourg. Es ist das dritte Mal, dass die Rechtspopulistin ins Rennen um die Präsidentschaft geht. Ihr bestes Ergebnis hatte sie 2017 erzielt, als sie bei der Stichwahl über 34 Prozent der Stimmen erhielt, fast doppelt so viele wie 2012. Doch das Urteil, das Lebourg über den RN fällt, ist vernichtend. Nach 40 Jahren fehle es an „politischer Reife“. Le Pens Sieg hält Lebourg für unwahrscheinlich. Sie habe ihren Biss, ihren Kampfgeist verloren: „Etwas ist zerbrochen zwischen ihr und ihren Anhängern“.

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