Politik

Taliban-Chefunterhändler wird wie Held gefeiert

23.08.2021 • 00:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tausende Afghanen versuchen das Land zu verlassen
Tausende Afghanen versuchen das Land zu verlassen AFP

Während Landsleute flüchten, wird Chefunterhändler gefeiert.

Als führender Kopf der Taliban musste Mullah Abdul Ghani Baradar nach dem US-Angriff auf Afghanistan vor 20 Jahren fliehen – jetzt kehrte er als Promi zurück: Die Luftwaffe des Emirats Katar flog Baradar von Doha in sein Heimatland. Katar betrachtet sein Engagement im Afghanistan-Konflikt als außenpolitische Investition, die sich in den Beziehungen zu den USA und im Konkurrenzkampf mit anderen Golfstaaten auszahlen soll. Doch das reiche Emirat gerät ins Zwielicht. Einige deutsche Politiker stellen die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 durch Katar infrage, weil das Land enge Kontakte zu den terroristischen Taliban unterhält.

Seit 2018 führte Baradar die Taliban-Vertretung in Katar als Chefunterhändler der islamischen Extremisten in Gesprächen mit den USA und der inzwischen entmachteten afghanischen Regierung. Dabei spielte es weder für die USA noch Katar eine Rolle, dass Baradar und die anderen Taliban-Emissäre als Gewalttäter bekannt waren. Fünf von Baradars Helfer trafen aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo in Doha ein, nachdem sie im Austausch für einen in Afghanistan gefangen genommenen US-Soldaten freikamen.

Taliban-Chefunterhändler wird wie Held gefeiert
Taliban-Chefunterhändler BaradarAPA

Abkommen mit den USA

Baradar unterzeichnete im vergangenen Jahr in einem Luxushotel in Doha ein Friedensabkommen mit den USA, das einen geordneten Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan und Gespräche zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul vorsah. Die schnelle Machtübernahme der Taliban in den vergangenen Wochen hat das Papier zur Makulatur gemacht.

Taliban-Vertretung in Doha

Als Katar den Taliban im Jahr 2013 erlaubte, ein Büro in Doha zu eröffnen, geschah das mit Unterstützung der USA: Washington suchte einen Standort für Verhandlungen mit der radikalislamischen Miliz, um den US-Truppenabzug vorbereiten zu können. Auch andere Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hätten damals gerne die Taliban-Vertretung eingerichtet, doch Katar, Gastgeberland der größten US-Militärbasis in der Region, machte das Rennen.

Katar und seine umtriebige Außenpolitik

Das reiche Emirat – Katar verfügt über riesige Reserven an Erdgas – unterstützt die islamistische Muslimbruderschaft, pflegt gute Beziehungen zum Iran und hilft der Türkei mit Milliardensummen bei der Bewältigung ihrer Wirtschaftskrise. Katar mit seinen weniger als drei Millionen Einwohnern hat sich mit seiner umtriebigen Außenpolitik viel internationale Aufmerksamkeit verschafft: Erst vor wenigen Tagen telefonierte Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. Der deutsche Afghanistan-Unterhändler Markus Potzel reiste nach Doha, um mit den Taliban über die Ausreise von afghanischen Ortskräften deutscher Institutionen zu sprechen.

Katar wurde boykottiert

Beliebt macht sich Katar mit seiner Politik jedoch nicht überall. Andere Golfstaaten werfen dem Emirat vor, den islamischen Extremismus zu unterstützen und radikale Gruppen wie die Taliban aufzuwerten.
Im Jahr 2017 wurde Katar deshalb von Saudi-Arabien, den VAE, Bahrain und Ägypten mit einem Boykott belegt, der sein Ziel jedoch verfehlte: Anfang dieses Jahres wurde der Streit beigelegt, ohne dass Katar Zugeständnisse machen musste.

Bei der Kritik an den Katarern ist ohnehin viel Heuchelei im Spiel. Der Nahost-Experte David Roberts vom Londoner King’s College merkte in einem Beitrag für die Denkfabrik Arab Gulf States Institute in Washington an, dass Länder wie Saudi-Arabien zwar über Katar schimpfen, sich aber selbst in vielen Konflikten einschalten.

Auch nach dem Fall von Kabul sieht Katar keinen Grund für eine neue Außenpolitik. Wie der Rivale VAE nimmt Doha derzeit Mitglieder der gestürzten afghanischen Regierung auf, um bei künftigen Verhandlungen im Geschäft zu bleiben. Auch in anderen Konflikten mischt Katar weiter mit, etwa im Dauerstreit zwischen Israel und den Palästinensern: Nach den jüngsten Gefechten im Gazastreifen im Mai will das Emirat 500 Millionen Dollar für den Wiederaufbau in Gaza bereitstellen. In den vergangenen Tagen einigte sich Doha mit Israel darauf, das Geld über die Vereinten Nationen auszuzahlen.

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