Politik

„Zuerst verliert man die besten Lehrer“

05.09.2021 • 15:00 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Bludenzer SPÖ-Stadträtin über Impfpflichtstreit und Lehrermangel.


Wie funktioniert das Team Mario Leiter ohne Mario Leiter?
Catherine Muther: Die Prioritäten haben sich nicht verändert. Das Team hat sich neu formiert, das hat natürlich seine Zeit gebraucht. Unsere neue Vizebürgermeisterin Eva Peter macht eine sehr gute Arbeit, sie ist intelligent und weitsichtig, hat eine klare sozialdemokratische Haltung. Eine starke Frau mit dem Herz am rechten Fleck, mit der unser Team sich stark für soziale Belange, für Jugend, Bildung, Klimaschutz, aber auch für langfristige Stadtentwicklung in sämtlichen Ressorts einsetzt.

Mit Simon Tschann hat Bludenz einen sehr jungen Bürgermeister. Haben sich die Chancen der SPÖ auf den Bürgermeistersessel für die nächsten 20 Jahre damit erledigt?
Muther:
Ich glaube nicht, dass erfolgreiche Politik immer mit einem Wahlsieg zusammenhängen muss. Man kann auch in der Opposition gute Arbeit leisten. Außerdem zeigt das Beispiel von Bregenz, dass es durchaus möglich ist, das Amt auch von einem etablierten Bürgermeisterkandidaten zu übernehmen: Der frische Wind, neue Konstellationen und neue Prioritäten tun der Hauptstadt spürbar gut. Ich denke und hoffe doch, dass die Bürgerinnen und Bürger sehr genau darauf achten, ob jemand sein Amt gerne und gut wahrnimmt, zuhört und sich im Sinne der jeweiligen Gemeinde engagiert. Man soll Politiker nach ihrer Arbeit beurteilen.

Und macht der Bürgermeister eine anständige Arbeit?
Muther:
Das sollen die Bürge­rinnen und Bürger beurteilen.

Für gewöhnlich beurteilt die Opposition aber auch sehr gern die Arbeit der Regierung.
Muther:
Wie ich eingangs gesagt habe: Man soll einen Politiker, auch Bürgermeister Simon Tschann, nach der Arbeit beurteilen, die am Tisch liegt, und da liegt nach wie vor nichts.

Als Stadträtin sind Sie für die Jugendarbeit zuständig: Welche Herausforderungen sehen Sie da?
Muther:
Die Kinder und Jugendlichen haben sehr unter Corona gelitten. Der Gesundheitsminister hat ja kürzlich Zahlen veröffentlicht, nach denen jedes dritte Kind und jeder dritte Jugendliche psychisch durch die Krise beeinträchtigt wurde. Diese Pandemie wurde hauptsächlich auf dem Rücken der Kinder, der Jugend und der Familien ausgetragen. Anders als andere Staaten, wie die Schweiz, Schweden oder Frankreich, haben wir teilweise wochenlang die Schulen geschlossen. Wir waren im Distance Learning oder im Wechselunterricht. Dabei gab es auch und gerade vonseiten der Wissenschaft Einspruch gegen so massive Einschnitte. Diese Zäsur hatte massive Auswirkungen.

Inwiefern?
Muther:
Den Kindern und Jugendlichen fehlte über Monate das Wertvollste, das sie in dieser Phase der Entwicklung brauchen: soziale Kontakte. Es nützt nicht viel, wenn der Bund jetzt Gelder freigibt, die dann oft bei der Jugend gar nicht ankommen. In Bludenz ist es so, dass sogar die Stelle des Jugendkoordinators nicht nachbesetzt wird. Das Sparprogramm der Bludenzer ÖVP belastet nahezu ausschließlich Familie, Jugend und Soziales. Im Grunde ist das eine Katastrophe. Es müsste genau in die andere Richtung gehen.

Sie sind auch Lehrerin. Welche Erfahrungen haben Sie da mit der Pandemie gemacht?
Muther: Wenn man nicht mehr singen und turnen kann, wenn die Lust und Freude am gemeinsamen Tun ständig eingeengt wird, verändert das natürlich etwas. Alle Beteiligten haben darunter gelitten. Ich verstehe nicht, warum man ausgerechnet in den Volks- und Mittelschulen den Unterricht so massiv eingeschränkt hat. Obwohl sogar die sehr restriktive deutsche Impfkommission eine Impfempfehlung frühestens ab 12, Anfangs sogar erst ab 17 Jahren abgegeben hat. Nach Monaten der Pandemie sind die Auswirkungen der Einschränkungen nachvollziehbar: Mehr als ein Drittel unserer Kinder und Jugendlichen hat Zukunftsängste und fühlt sich von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen. Sie formulieren es selbst so, und das sollte uns Erwachsenen doch sehr zu denken geben.

Es soll nun eine Impfung für Unter-Zwölfjährige kommen. Wir haben bei den Unter-Fünfjährigen eine höhere Inzidenz als bei den Über-55-Jährigen. In New Orleans geht gerade ein Kinderkrankenhaus mit Covid-Patienten über.
Muther:
Und im gleichen Maße waren Kinder- und Jugendpsychiatrien monatelang überlastet. Es ist eine schwierige Situation, und leider kann auch ich keine Superlösung aus dem Hut zaubern. Ich frage mich auch, ob es denkbar ist, dass in Österreich alle Fünfjährigen alle neun Monate geimpft werden sollen, und womit? Die zweite Frage ist, warum ist das Krankenhaus in New Orleans in Vorarlberg so viel wichtiger als die Kinderonkologie, die einer sehr viel größeren Zahl an schwerkranken Kindern und deren Eltern nicht mehr zur Verfügung steht?

Es gibt eben die Angst, dass es in Vorarlberg bald wie in New Orleans sein könnte. Wenn ein Lehrer erkrankt, müssen Schüler mitunter als Kontaktpersonen in Quarantäne. Wäre die Impfpflicht da keine Lösung?
Muther:
Auf der anderen Seite waren zwei meiner Kinder schon zweimal als Kontaktpersonen registriert, und die Erkrankten waren beide Male voll immunisiert. Die sicherste Variante ist immer noch das Testen aller Beteiligten, das müssen wir wohl so akzeptieren. Was mich an der ganzen Diskussion rund ums Impfen wirklich stört, ist die Art, wie sie geführt wird. Sich impfen zu lassen ist keine Tugend, sondern eine Möglichkeit, die wir in Österreich haben. Dafür sollten wir dankbar sein, denn in anderen Ländern gibt es kaum oder gar keinen Impfstoff. Wieso Geimpfte ebenso wie ­Ungeimpfte ihren Impfstatus stolz vor sich hertragen und meinen, den jeweils anderen überzeugen zu müssen, verstehe ich nicht.

Der Staat verpflichtet uns dazu, Steuern zu zahlen. Er kann einen sogar zur Blutabnahme zwingen, wenn man betrunken mit dem Auto fährt. Warum soll der Staat uns nicht verpflichten können, uns impfen zu lassen?
Muther:
Na ja, es ist ein Eingriff in die persönliche Freiheit und somit ein äußerst sensibles Thema. Aus demokratiepolitischer Sicht halte ich einen Impfzwang für fraglich. Eine aktuelle europaweite Studie der Denkfabrik European Council on Foreign Relations zeigt deutlich, wie die Androhung von Impfzwang oder der Ausschluss von Getesteten und Genesenen in Österreich tiefe Gräben geschaufelt hat. Ein Problem, das die nordischen Staaten offenbar nicht haben, obwohl gerade diese Staaten von Beginn an einen sehr mutigen Weg durch die Krise gewählt haben. Ich mag Gräben nicht, ich bevorzuge Brücken.

In Vorarlberg herrscht Lehrermangel. Wird das System die anstehende Pensionierungswelle überstehen?
Muther:
Ich bin keine Hellseherin, aber ich finde, die Situation bereits jetzt mehr als drastisch. Da muss man gar nicht in die Zukunft blicken. Als Mutter von vier Kindern erlebe ich, wie sehr die Bildungslaufbahn mit dem Engagement der Eltern zusammenhängt. Die Zahlen zeigen, dass wir in Sachen Bildungsgerechtigkeit nicht gerade zu den Vorzeigeländern gehören. In Vorarlberg ist die Situation so, dass Lehrpersonen an vielen Schulen bis zu fünf und mehr Überstunden leisten müssen. Das ist ebenso in der Unterrichtsqualität spürbar wie die Tatsache, dass Studierende bereits während ihres Studiums zu arbeiten beginnen oder Teamteaching-Stunden gestrichen werden. Gleichzeitig ist aber Inklusion state of the art. Dazu braucht es sehr gut ausgebildetes Personal und viele zusätzliche Stunden. Hier fehlen dringend notwendige Stundenressourcen aufgrund des Lehrermangels.

Haben jene Lehrer, die nun ihre Kündigung androhen, deshalb ein höheres Erpressungspotenzial?
Muther:
Wenn ja, dann haben sich die Verantwortlichen diese Situation selber zuzuschreiben. Aber den Lehrermangel auf die Impfplicht zu verkürzen, halte ich für fahrlässig. Es zeigt sich vielleicht aktuell noch deutlicher, wo es falsch läuft: Es gibt keinen Dialog. Länder, die sich mit Bildungsfragen auseinandergesetzt haben und bereit waren, das System von Grund auf zu verändern, ernten jetzt die Früchte dieser Arbeit. Das hat man bei uns einfach nicht getan. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die Schullandschaft nur marginal. In Vorarlberg ist die Situation besonders, weil es im Dreiländereck andere Möglichkeiten gibt und wir sehr gut ausgebildete Pädagogen haben, die zum Teil in die Privatwirtschaft oder in die Schweiz wechseln. Zuerst verliert man immer die besten Lehrer.

Hat die Akademisierung der Lehrerausbildung zum Personalproblem beigetragen?
Muther:
Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass mir der Master beruflich und finanziell null Vorteile bringt. Im Gegenteil, ich habe sämtliche Mehrkosten selbst getragen. Für mich ist das okay, denn ich habe aus eigenem Interesse noch einmal studiert, um mein Wissen weiter zu vertiefen. Doch grundsätzlich sollte mehr Quali­fikation auch berufliche und finanzielle Verbesserungen mit sich bringen. Da fängt das Problem an. Wir leben in einem Bundesland mit hohen Lebenshaltungs­kos­ten. Trotzdem bekommen wir denselben Lohn wie Lehrer im Burgenland. Hier wird man ansetzen müssen. Dann würde sich vielleicht auch das Problem lösen lassen, dass wir immer ­weniger männliche Pädagogen in unseren Pflichtschulen haben.

Wäre die Impfpflicht für manche der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brächte?
Muther:
Ich fürchte, Ja. Aber ich denke, es geht weniger um die Impfpflicht als vielmehr um das, was bereits vorgefallen ist. Viele Pädagogen nervt es, ständig aus den Medien zu erfahren, was als nächstes geplant ist. So geht das nun seit zwei Jahren. Das ist schlechtes Management. In der Schweiz war zu Ferienbeginn klar, wie es im Herbst weitergeht. In Österreich schaffen wir das nicht. Da erfährt man zwei Wochen vor Schulbeginn, was möglicherweise passieren wird. Wie soll man da eine gute ­Schulqualität erarbeiten? Dass in so einem System jemand sagt: „Jetzt reicht’s!“, finde ich verständlich. Die Bildungsdirektion wäre gut beraten, ein Miteinander zu suchen, anstatt über Pressekonferenzen auszurichten, was passieren wird. Wenn noch mehr Lehrer aus Frustration den Beruf wechseln, und das zeichnet sich ab, frage ich mich, wer unsere Kinder noch unterrichten soll. Gerade jetzt wäre es wichtig, an einem Strang zu ziehen. Das würde ich mir nicht nur für den Bildungssektor wünschen: Dass wir einander auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen und dem Gegenüber wieder mehr Vertrauen entgegenbringen.