Politik

Laschet und die Sache mit dem Haken

20.09.2021 • 14:52 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet
Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet AFP

SPD-Kanzlerkandidat muss sich Fragen von Baerbock gefallen lassen.

Der Sonntagabend ist hierzulande für die meisten vergeben: „Tatort“. Sonntagabend ist Krimi-Zeit in Deutschland. Zum Ausklang des Wochenendes sehnen sich die Menschen nach Auflösungen und Lösungen. Ungelöste Rätsel hat die moderne Welt schon genug zu bieten. Insofern ist es mutig, die TV-Debatten der Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl am 26. September in Deutschland auf den Sonntag zu legen. Nach RTL zu Beginn des Monats sowie ARD und ZDF vergangene Woche kam nun der Privatsender Pro7 zum Zug. Um es gleich vorab zu sagen: Es gab viel Erhellendes. Aber kaum Lösungen. Ein leicht unbefriedigender Abend.

Nichts wirklich Neues

Pro7 ist neuerdings bemüht um eine Info- und Seriositätsoffensive. Der Sender entschied sich mit den Moderatorinnen Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch für die gute Idee, in den Einspielern auch Wählern mit ihren Alltagssorgen eine Stimme zu geben. Leider aber auch für den weniger guten Einfall, die Beiträge mit einem Ton vortragen zu lassen, als ginge es um ein Boulevardmagazin. Ob man die Nachlässigkeiten beim Thema Klimawandel mit einem dreißig Jahren alten Bericht aus einem „Micky-Mouse-Comic“ anmoderieren muss, sei dahingestellt, aber leicht hatte es das Moderatorinnen-Team nicht. Während das erste Triell auf RTL noch von der puren Neugier lebte, wie schlagfertig sich die Kandidaten vor der Live-Kamera geben, versenkten ARD und ZDF die Debatte im politischen Kleingedruckten. Trotz einiger zarter Einfälle, konnte auch Pro7 den Bewerbern nicht wirklich viel Neues entlocken.

„Ich möchte mich dafür einsetzen, dass in unserer Gesellschaft allen mehr Respekt entgegengebracht wird“, warb SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz für mehr soziale Gerechtigkeit. „Jetzt muss Politik über sich hinauswachsen und einen echten Aufbruch schaffen“, punktete Grünen-Bewerberin Annalena Baerbock vor allem beim Thema Klimaschutz mit Detailwissen und unterstrich als Mutter schulpflichtiger Kinder ihre Alltagskompetenz in Familienpolitik. Unions-Kandidat Armin Laschet setzte sich für ein „klimaneutrales Industrieland mit einer starken Wirtschaft“ ein, weil nur „Wachstum sichere Arbeitsplätze“ schaffe. Das klang alles mehr nach Wiederholung als nach Wahlkrimi.

Entspannter Scholz

Auch in diesem Triell spielte Außenpolitik keine Rolle. Deutschland betreibt traditionell lieber Binnenschau. Einen Punkt aber setzten die Moderatorinnen doch, indem sie genderten. Das brachte kurzzeitig selbst Baerbock in die Defensive, die klassisch „die lieben Zuschauerinnen und Zuschauer“ begrüßte. Scholz konnte sich eher entspannt geben. Laschet geriet zunächst in der Debatte über Sozialpolitik vor allem mit Baerbock aneinander. Die Spur führt für ihn und die Union in die falsche Richtung. Scholz konnte entspannen und seine klassische Wahlkampfrolle einnehmen: Er gab den präsidialen Mittler („Wenn ich das erklären darf…“). Gemeinsam konnten er und Baerbock rot-grüne Gemeinsamkeiten herausarbeiten, als ginge es schon um Koalitionsgespräche. Laschet wirkte leicht isoliert.

Der Unions-Kandidat bekam keinen echten Zugriff auf seinen Rivalen Scholz. Und er missachtete eine eherne Dramaturgie-Regel im unnachgiebigen Aufmerksamkeitsgeschäft des Youtube-Zeitalters – nicht nur am Sonntagabend: Hook – Haken – nennen Experten den größtmöglichen Aufschlag zu Beginn, es muss kräftig krachen in der Eröffnungsszene und sich dann kontinuierlich weiter steigern, sonst ziehen die Zuschauer weiter. Erst nach der Hälfte der Sendung fährt Laschet beim Thema Klimaschutz eine erste Welle von Attacken. Aber wieder wählte er den falschen Gegner und giftete gegen Baerbock. Scholz konnte sein Glück kaum fassen und rieb sich vergnügt lächelnd schon nach der Hälfte der Sendung spitzbübisch die Nase. Beim Thema Corona lief es für den Christdemokraten nicht besser, auch bei der Inneren Sicherheit, einem konservativen Kernthema, konnte er kaum punkten. Laschet fand einfach keinen Haken.

CDU „wirkt ausgeblutet“

So war der Abend fast symbolisch. Die Union hatte Scholz zu lange unterschätzt und sich auf die Grünen als Hauptkonkurrenten eingestellt. Nun sucht sie verzweifelt nach einem griffigen Thema. Innert kurzer Zeit hatte Laschet erst ein Zukunftsteam vorgestellt und dann ein Sofortprogramm hinterhergeschoben. Davon blieb vorrangig der Vorschlag hängen, auf Deutschlands Bahnhofvorplätzen tausend Videokameras für mehr Sicherheit zu installieren. Es folgt Aktion auf Aktion, aber es fehlt eine übergeordnete Strategie.

Das wirft auch ein Licht auf den Zustand der Christdemokraten. Die Kampagnenfähigkeit der Union galt einst als legendär. Nun ist sie eher bemitleidenswert. Unions-Wahlkämpfe wurden von Vordenkern wie Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Peter Hintze oder Peter Tauber inszeniert. Von solch intellektuellem Format kann die Partei heute nur träumen. Nach drei Vorsitzenden in drei Jahren verzeichnete die CDU viele Abgänge in der CDU-Zentrale, aber nur wenige gleichwertige Zugänge. Die Partei wirkt ausgeblutet.

Laschet kam nie wirklich rein in die Debatte, er konnte keine echte Spannung aufbauen an diesem Fernsehabend. Selbst den Lagerwahlkampf, den die Union nun fährt, konnte er nicht dramatisch einbringen. So verpuffte das Schreckensszenario Rot-Rot-Grün und auch die Betonung des Themas Innere Sicherheit. Dem Union-Mann blieb zwischen Scholz und Baerbock nur eine Nebenrolle. Nichts war’s mit unangenehmen Themen für Scholz wie dessen Rolle im CumEx-Skandal um Dividenden- und Steuerschiebereien, auch die mangelnde Aufsicht über den insolventen Finanzkonzern Wirecard konnte Laschet nicht anbringen. Die Attacken auf Scholz eröffnete Baerbock mit einer Frage zum mangelnden Einsatz der Bundesregierung gegen Geldwäsche. Ein heikles Thema, weil in diesem Zusammenhang Anfang des Monats eine umstrittene Hausdurchsuchung in Scholz‘ Finanzministerium durchgeführt wurde. Aber Scholz überstand auch die einzige heikle Phase des Abends unbeschadet. So blieben die wunden Punkten des SPD-Bewerbers ohne größere Folgen.

Das war es also? Noch lange nicht. Am Sonntag wird gewählt. Es ist noch vieles in Bewegung. Aber Armin Laschet hat eine weitere Chance verstreichen lassen. Es war seine letzte. Fraglich, was die Mitstreiter Markus Söder, Jens Spahn und Friedrich Merz in der letzten Woche noch auspacken. Und, ob das reicht für die Union – und Laschet.