Politik

In Triest herrscht jetzt die totale Konfusion

18.10.2021 • 15:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Minderheit der Hafenarbeiter von Triest will mit Streiks und Blockaden die von der Regierung in Rom verfügte 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz zu Fall bringen
Eine Minderheit der Hafenarbeiter von Triest will mit Streiks und Blockaden die von der Regierung in Rom verfügte 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz zu Fall bringen AFP

Adriametropole: Tausende protestieren gegen 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz.

“Lasst mich arbeiten“, schrie am Samstag ein Mann in gelber Weste vor dem Tor 4 zum Hafengelände von Triest. Das Tor wurde auf Geheiß der Gewerkschaften blockiert. An der Blockade beteiligten sich nicht nur Hafenarbeiter, sondern auch Impfgegner aus ganz Italien. Die anderen Eingänge zum Hafen waren frei, die Arbeiten konnten laut dem Hafenpräsidenten Zeno D‘Agostino fast reibungslos umgesetzt werden.

Der Protest ging gegen die obligatorische Einführung des „Green Pass“. Von Freitag an dürfen nur noch Geimpfte und Genesene sowie Getestete mit einem Test, der nicht älter als 48 Stunden sein darf, zur Arbeit kommen. Arbeitnehmer müssen für die Tests um die 15 Euro zahlen.

Nach Schätzungen gibt es in Italien trotz einer Quote von 85 Prozent vollständig Geimpfter ab zwölf Jahren fast vier Millionen nicht geimpfte Arbeitnehmer. Wer die Auflagen nicht erfüllt, gilt als unentschuldigt fehlend und erhält kein Gehalt. Bei Verstößen drohen Beschäftigten und Arbeitgebern hohe Strafen.

“Ein wahrer Zirkus”

„Die einzige Möglichkeit für uns ist die Aufhebung der Pflicht zum grünen Pass“, zeigte sich Gewerkschaftssprecher Stefano Puzzer bis vor kurzem kompromisslos. Umso mehr staunten seine Anhänger, als Puzzer Samstagabend verkündete: „Die Blockade ist aufgehoben“. Dies löste Zufriedenheit beim Großteil der Hafenarbeiter aus. Über 60 Prozent der insgesamt 950 hatten sich nicht an der Blockade beteiligt. Doch die Impfgegner und Gewerkschaftsanhänger protestierten. Puzzer nahm seinen Entschluss zurück, bestätigte eine weitere Blockade und demissionierte infolge seiner „Fehlentscheidung“ von seinem Amt. Der Präsident der Hafenbehörde D‘Agostino kommentierte das mit den Worten „ein wahrer Zirkus“ und sprach damit das aus, was auf der Hafenpromenade in Triest gemunkelt wird. Der Protest sei gescheitert.

„Der Streik ist nicht genehmigt. Wer an ihm teilnimmt, begeht eine Straftat“, ermahnte am Wochenende der Präfekt von Triest, Valerio Valenti, die Gewerkschaft Clpt. In Triest weiß niemand, wie das Kräftemessen, das der Stadt bereits heute schadet, ausgehen wird.

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Genua und Neapel

Auch in den Hafenstädten Genua und Neapel etwa zeigten sich ähnliche Bilder wie in Triest. Die Arbeiten dort wurden bisher nicht blockiert, sondern nur verlangsamt. Trotzdem könnte sich das Problem als ein längerfristiges erweisen: Conftrasporto, der italienische Logistikverband, warnte vor künftigen Lieferproblemen. Viele Lkw-Fahrer kämen aus dem Ausland und hätten keinen Grünen Pass.

Ausschreitungen am Wochenende

Die sozialen Spannungen nehmen in ganz Italien zu. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Impfgegnern und Neofaschisten, die vor einer Woche die Zentrale der Gewerkschaft CGIL sowie ein Krankenhaus verwüsteten, kam es am Wochenende zu weiteren Konflikten.

Gewerkschaften und linke Parteien hatten für Samstag in Rom zu einer Großkundgebung aufgerufen. Laut Gewerkschaftskreisen hatten sich bis zu 100.000 Anhänger an der friedlich verlaufenen Demo beteiligt. In Mailand kam es am Wochenende zu zahlreichen Ausschreitungen von Impfgegnern und rechtsradikalen Gruppen. Die Spannungen könnten das starke Wachstum von um die 6 Prozent in diesem Jahr bremsen, sagte der ehemalige Industrieminister und Gründer der Spezialbank Illimity, Corrado Passera, zur Kleinen Zeitung. Die Regierung müsse an ihrer Strategie des Grünen Passes festhalten.

Beruhigung nach den Wahlen?

Doch Passera verwies auf die am Sonntag und heute in mehreren italienischen Großstädten stattfindenden Stichwahlen für das Bürgermeisteramt. Der Ausgang der Wahlen könnte das aufgeheizte Klima beruhigen. Eines sei jedoch sicher: Ministerpräsident Mario Draghi müsse an seiner Anti-Covid-Strategie festhalten. Seine von einer breiten Mehrheit getragene Regierung scheint derzeit nicht in Gefahr, weil Draghi als Respektsperson gilt und sich angesichts seiner Beliebtheit niemand offen gegen ihn auflehnt.

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