Politik

Gesicht des italienischen Postfaschismus

05.12.2021 • 16:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Chefin der strammrechten "Fratelli d'Italia", Giorgia Meloni, hat Großes vor
Die Chefin der strammrechten “Fratelli d’Italia”, Giorgia Meloni, hat Großes vor imago images/Pacific Press Agenc

Giorgia Meloni ist der neue Star am italienischen Polithimmel.

Neulich war Giorgia Meloni bei ihren Freunden der rechtsradikalen Partei Vox in Madrid zu Besuch. Die Vorsitzende der ultrarechten Partei Fratelli d’Italia (FdI) zog auf der Bühne alle Register und scheute keinen Vergleich. „Die Monster“, so brüllte die energiegeladene Römerin mit den blonden Haaren wütend ins Mikrofon, „das sind diejenigen, die den Leih-Uterus und kostenlose Drogen wollen.“ Sie verteilte verbale Hiebe gegen den „Mainstream-Globalismus“ und die „Oligarchen des Silicon Valley“, den Islam, China und natürlich die Linke, „die die EU in eine Art Sowjetunion verwandelt hat“.

Meloni, 44 Jahre alt, hat Großes vor. Die ehemalige Ministerin für Jugend aus dem vierten und letzten Kabinett Berlusconi ist das Engelsgesicht des Postfaschismus, der in Italien eine neue Blüte erlebt. In Umfragen liegen die „Brüder Italiens“, die einzige Partei in Opposition zur Regierung von Mario Draghi, bei 20 Prozent, Tendenz steigend. Meloni hat Matteo Salvini und seine Lega rechts überholt, nur die Sozialdemokraten sind laut Umfragen noch etwas stärker. „Meloni kann die erste Premierministerin in Italien werden“, schrieb der „Economist“.

Nur Mario Draghi ist populärer

Angesichts der seit jeher instabilen politischen Verhältnisse in Italien ist es bis zur nächsten Regierungskrise nie besonders lange hin. Nun droht wegen der Wahl des Staatspräsidenten im Februar die nächste Krise, außer auf Premier Mario Draghi können sich die Parteien bislang nicht auf einen Kandidaten einigen. Gäbe es im Frühjahr Neuwahlen, könnte Meloni nach derzeitigem Stand als Anführerin einer Rechtskoalition mit Lega und Silvio Berlusconis Forza Italia das Amt des Ministerpräsidenten beanspruchen. Spätestens 2023 wird dann nach Ende der Legislatur regulär gewählt.

Damit würde eine Frau mit neofaschistischer Vergangenheit Regierungschefin. Die bis zum heutigen Tag lodernde Flamme in den italienischen Nationalfarben im Parteisymbol haben die „Brüder Italiens“ von ihrer Vorgängerpartei, dem Movimento Sociale Italiano (MSI), übernommen. Den MSI hatten 1946 Veteranen der faschistischen Republik von Salò gegründet. Kaum zu glauben, doch die gelernte Journalistin Meloni, unverheiratete Mutter einer Tochter, ist Italiens beliebteste Politikern. Nur Ministerpräsident Mario Draghi hat noch bessere Zustimmungswerte.

Welle des Unmuts

Vor fünf Jahren, als sie für das Amt des Bürgermeisters in Rom kandidierte, erreichte sie 21 Prozent der Stimmen, ihre Partei lag damals noch im unteren einstelligen Bereich. Ihren Konsens haben die „Brüder Italiens“ fast ausschließlich ihrer unerbittlich auftretenden Vorsitzenden zu verdanken – und den Fehlern der Konkurrenz. Salvinis erst mit der Fünf-Sterne-Bewegung regierende und nun an der Regierung Draghi beteiligte Lega reibt sich in inneren Richtungskämpfen auf. FdI hat als einzige Oppositionspartei ihr Profil geschärft und schwimmt auf der Welle des Unmuts über die strenge Corona-Politik.

Zudem bedient die Partei die Nostalgie vieler Italiener nach dem faschistischen Ventennio (1922–1943) unter Benito Mussolini, das weder historisch noch familiengeschichtlich aufgearbeitet wurde und von vielen als Zeit, in der Recht und Ordnung herrschten, verklärt wird. Obwohl Meloni behauptet, dass in ihrer Partei „kein Platz für faschistische, rassistische und antisemitische Nostalgiker“ sei, zeigt die Realität das Gegenteil. Erst kürzlich brachte ein Undercover-Journalist die engen Verbindungen zwischen Neofaschisten und FdI-Politikern ans Tageslicht.

Kein Wunder, denn Meloni selbst und ihre Partei sind Kinder des Neofaschismus. Meloni selbst war als Jugendliche Mitglied in der „Jugendfront“, der Jugendorganisation des MSI. Es war Außenminister Gianfranco Fini, der den italienischen Neofaschismus 1996 in demokratische Bahnen zu lenken versuchte. Fini ist von der Bildfläche verschwunden. Das ist Meloni, die einst erklärte, ein „entspanntes Verhältnis zum Faschismus“ zu haben, eine Warnung. Auch sie bekennt sich offen zur Demokratie, duldet aber die neofaschistischen Umtriebe in den eigenen Reihen.

Duce-Nostalgie

Und sie spielt bewusst mit dem Erbe des „Duce“. In der Meloni-Partei kandidieren zwei Enkel Mussolinis. Rachele Mussolini bekam gerade bei den Kommunalwahlen in Rom die meisten Stimmen aller Kandidaten, sie polemisierte zuvor öffentlich gegen den italienischen Gedenktag der Befreiung von der Nazidiktatur. Vor der Europawahl 2019 ließ es sich Meloni nicht nehmen, den Urenkel des „Duce“, Caio Giulio Cesare Mussolini, höchstpersönlich zu präsentieren. Den Ort der Vorstellung hatte sie zuvor sorgfältig ausgewählt. Die Präsentation fand vor dem Palazzo della Civiltà Italiana in Rom statt, dem Symbolgebäude faschistischer Architektur schlechthin.