Politik

Wie die Macht aufgemöbelt wird

20.02.2022 • 15:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Anfang dieser Woche im Kreml: Der deutsche Kanzler Olaf Scholz beim Dialog mit Russlands Präsident Wladimir Putin
Anfang dieser Woche im Kreml: Der deutsche Kanzler Olaf Scholz beim Dialog mit Russlands Präsident Wladimir Putin AFP

Putin hält mit seinem Tisch Abstand zum Westen.

Man erinnere sich an „Sofagate“ im Vorjahr. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel waren nach Ankara zu Staatschef Recep Tayyip Erdogan gereist. Beim gemeinsamen Gespräch standen für die drei aber nur zwei Sessel bereit, was von der Leyen zu einem deutlichen „Ähm …“ veranlasste. Dann nahm sie etwas abseits auf dem Sofa Platz, das von der Länge mit Putins Tisch mithalten kann. Es war ein verheerendes Bild für die EU, warf ein schlechtes Licht auf die Manieren des Herrn Michel und ist ein Symbol dafür, dass das Leben für Frauen in der Türkei mit Erdogan nicht besser wurde.

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Sofagate: Von der Leyen bei ErdoganAPA


Machtspiele, mit denen nicht nur weibliche Amtsträger gedemütigt werden sollen, gibt es immer wieder: Im Jahr 2007 etwa brachte der russische Präsident Wladimir Putin zu einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel wohl nicht ganz unabsichtlich seinen großen Hund Koney mit, obwohl er wusste, dass sich Merkel vor Hunden fürchtete, weil sie einmal von einem gebissen worden war.

Der russische Präsident demonstrierte in den vergangenen zwei Wochen erneut eindrucksvoll, was er vom Westen hält und wer der Boss ist. Ob seine Tischgespräche in die Annalen eingehen, ist noch nicht gewiss – sein Tisch (siehe Hintergrund) aber sicher. Erst saß Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Putin mit viel Abstand an dem überlangen Monster, dann in dieser Woche der deutsche Kanzler Olaf Scholz. Wie Alec Guiness in „Der kleine Lord“ mit seinem Enkel. Oder als ob Putin davon träumen würde, am Hofe der Romanows zu leben und selbst der letzte Zar zu sein. Warum sonst diese Distanz?

Im Fall von Macron begründete Putins Sprecher Dmitri Peskow die große Entfernung zwischen den beiden mit dem Corona-Protokoll des Kreml.
Macron habe sich geweigert, sich in Russland einem PCR-Test zu unterziehen, sagte Peskow, also habe man nach Gesundheitsprotokoll gehandelt zum Schutz des Präsidenten und seines Gastes. Auch beim deutschen Kanzler sei das der Grund gewesen, dass er ans andere Ende des Tisches gesetzt wurde. Mehr noch als Macron wirkte Scholz, als wäre er an einem Katzentisch gesetzt worden. Auch Möbel können Macht demonstrieren, oder wie bei Scholz und Macron – Ohnmacht.

Wie viel anders als Putins Tisch im Kreml wirkt eine Tischgesellschaft, wie es sie beim G8-Treffen in Camp David 2012 gab, das vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama ausgerichtet wurde. Alle konnten sich am runden Tisch als Wortführer und als Sieger inszenieren.

USA G8 SUMMIT
Beim G8-Treffen in Camp DavidAP

Und auch wenn die Präsidenten im Weißen Haus kommen und gehen, der Schreibtisch im Oval Office, der bleibt.

Washington, die Hunde von US-Praesident Biden muessen das Weisze Haus verlassen - Archivbilder STYLELOCATIONU.S President J
Biden im Oval Office mit seinen HundenImago

Er signalisiert Sicherheit und Kontinuität, Jackie Kennedy ist dafür verantwortlich. Als sie 1961 mit JFK dort einzog, ließ sie den heruntergekommenen Amtssitz restaurieren. „Die First Lady bringt Politiker und amerikanische Geistesgrößen zusammen, arrangiert Künstlerabende und opulente Staatsbankette – und verwandelt das Weiße Haus in ,Camelot’, ein mythisches Märchenschloss, in dem sich die Kennedys als perfekte und weltoffene Herrscherfamilie inszenieren“, heißt es in einem „Geo“-Artikel. Auf Jackies Geheiß kam auch der Resolute Desk ins Oval Office. Seitdem sitzen die US-Präsidenten an diesem Schreibtisch aus Eichenplanken, die einmal zum Rumpf des vor allem bei Polarforschungen eingesetzten britischen Expeditionsschiffs „HMS Resolute“ gehört haben.

Dass es auch eine schlichte Holzbank in die Bücher der Erinnerung gebracht hat, ist Angela Merkel und Barack Obama zu verdanken.

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Obama und Merkel am Rande eines GipfelsAP

Es war am Rande des G7-Summits 2015 auf Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen, die beiden redeten abseits des Protokolls. Im Hintergrund das nebelschwangere Wettersteingebirge. Die deutsche Bundeskanzlerin mit ausgestreckten Armen, ihr gegenüber ein lässig sitzender US-Präsident. Es ist das Gegenbild zu Putins Tischgesellschaft.

So groß wie Putins Ego

Die ganze Welt spricht über den Tisch aus dem Kreml-Mobiliar. Obwohl „nur“ ein Tisch, gibt es ziemlich viel über ihn zu sagen, immerhin bekommt er regelmäßigen Besuch von den mächtigsten Menschen dieser Welt.
Ganze sechs Meter weiß lackiertes Holz trennen Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin von seinen Gesprächspartnern. Manche witzeln, der Tisch sei so lang, schaut man von einem Ende zum anderen, dann könne man sogar die Erdkrümmung erkennen.
Weil der Tisch in den Fokus der Medien rückte, und zahlreiche Memes und Fotomontagen im Internet auftauchten, meldete sich nun einer zu Wort, der alles über den Tisch weiß: der Hersteller. In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della sera“ verrät ebenjener Renato Pologna: „Dieser Tisch ist einer, der die Kreativität anregt.“ Der Konferenztisch kommt aus Norditalien. Er ist aus Holz, weiß lackiert, mit handgefertigten Ornamenten aus Blattgold. 25 Jahre habe er schon auf dem Buckel, mit Corona-Abstandsregeln hat das sechs mal 2,60 Meter große Trumm demnach nichts zu tun. „Möglich, dass er sich zu diesem Zweck als nützlich erwiesen hat, aber die Länge ist nicht der Pandemie geschuldet“, sagt Pologna.
Nun gingen zwar die Bilder des Tisches um die Welt, doch insgesamt betrachtet, ist er trotz seiner Größe nur ein kleiner Teil dessen, was Pologna in den Kreml lieferte. Zwischen 1995 und 1997 habe der Norditaliener 7000 Quadratmeter auf zwei Stockwerken mit Möbeln bestückt, mit Fußböden und Licht ausgestattet, Wände getäfelt und vieles mehr. Wie viel er für das Ganze kassiert hat, weiß Pologna heute nicht mehr: „An die genauen Zahlen erinnere ich mich nicht, vielleicht ein paar Milliarden Lire.“ Heute würde eine Milliarde Lire in etwa 500.000 Euro entsprechen. Wer sich nun in den Tisch verliebt hat: Eine Kopie, so der Hersteller, würde heute an die 100.000 Euro kosten.

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Der Hersteller von Putins Tisch, Renato PolognaAPA

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