Politik

“Putin steht mit dem Rücken zur Wand”

07.03.2022 • 12:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ivan Krastev
Ivan Krastev Akos Burg

Putins Überfall markiere das “Ende des Friedens in Europa”.

Waren Sie überrascht, dass der russische Präsident Wladimir Putin einen Großangriff auf die gesamte Ukraine gewagt hat?

IVAN KRASTEV: Dass er eine Militäroperation startet, hat mich nicht überrascht. Ich bin davon ausgegangen, dass er in die Ostukraine einmarschieren wird. Womit ich nicht gerechnet habe – und auch nicht das politische Establishment in Moskau, ist, dass er auf Kiew marschiert. Das hat wohl zwei Gründe: Er zielt auf einen Regimewechsel ab, und er hat eine tief sitzende Obsession gegen Selenskyj. Würde Putin eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, wäre er besser dran, nur einen Teil des Landes zu kontrollieren und den Konflikt am Köcheln zu halten. Putin wird militärisch siegen, aber nie das Land kontrollieren.

Sie waren ja 2014 in kleiner Runde mit anderen internationalen Experten zu einem Abendessen mit Putin in Sotschi geladen. Ist Putin ein cleverer Taktiker? Oder ist ein Verrückter?

Ich halte nichts von psychoanalytischen Ferndiagnosen. Wladimir Putin weist messianische Züge auf, das ist äußerst gefährlich. Der Putin des Jahres 2022 ist nicht mit jenem des Jahres 2002 zu vergleichen. Zwei Beispiele: Wenn er wie früher immer noch meint, Russen und Ukrainer seien ein Volk, so würde er heute nicht ganze Städte in Schutt und Asche legen. Und entgegen dem politischen Konsens redet er nun ganz offen über Atomwaffen.

Hat er sich verkalkuliert?

Putin hat nicht mit der einhelligen Reaktion des Westens gerechnet. Nur kann er nicht mehr zurück. Wir leben in gefährlichen Zeiten, denn wir haben es mit einem Politiker zu tun, der nicht nur messianische Züge aufweist, sondern mit dem Rücken zur Wand steht. Wir wissen aus gut informierten Kreisen, dass er sich früher immer wieder die Videos von Gaddafis letzten Stunden angeschaut hat. Er lebt mit der Paranoia, dass jemand nach seinem Leben trachtet.

Haben wir es nicht mit einem einsamen Wolf zu tun, der sich in der Datscha selbst radikalisiert?

Er schottet sich ab, trifft niemanden. Im Sommer hat er einen Essay über die “Einheit der Russen und Ukrainer” verfasst. Politiker, die selbst historische Abhandlungen verfassen, sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie interessieren sich nicht mehr für das Schicksal von Menschen.

Er befasst sich mehr mit der Historie als mit Zukunftsfragen?

Er verkörpert die letzte Generation, die den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht verkraftet hat und die Ansicht vertritt, dass Russland in den letzten drei Jahrzehnten verraten wurde. Putin ist mehr daran interessiert, die Geschichte der letzten 30 Jahre umzuschreiben, als die nächsten 30 Jahre zu gestalten.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

Wird er Atomwaffen einsetzen?

Die ausgewiesene Putin-Expertin Fiona Hill meinte kürzlich, sie könne nicht ausschließen, dass er taktische Atomwaffen einsetzt. Aus meiner Sicht liegt die Wahrscheinlichkeit bei zehn Prozent. Vielleicht kommt er auf die Idee, zu Demonstrationszwecken eine Atombombe im Weltraum zu zünden. Alle Optionen liegen auf dem Tisch.

Was war sein ursprünglicher Plan?

Er hatte gedacht, er könne mit ein paar Spezialtruppen die Regierung in Kiew stürzen. Die Ukrainer würden die Russen als Befreier willkommen heißen. Nun werden sie als Eroberer empfangen. Er wird Kiew zuschnüren, einen humanitären Korridor schaffen, damit die Menschen Kiew verlassen, und dann wird er die Stadt säubern. Das kann hässlich werden. Beachtlich ist das jüngste Votum in der UNO. Putin wollte einen Krieg gegen den Westen führen, nun führt er einen Krieg gegen die Welt. Nur vier Länder stimmten für ihn (Nordkorea, Syrien, Weißrussland, Eritrea).

In Anlehnung an Christopher Clarks Buch über das Vorspiel zum Ersten Weltkrieg: Waren die Europäer in den letzten Jahren als Schlafwandler unterwegs?

Wir haben eher in zwei unterschiedlichen Welten gelebt. Nach einem langen Gespräch mit Putin nach dessen Annexion der Krim 2014 soll Angela Merkel in einem Telefonat Obama berichtet haben: “Putin lebt in einer anderen Welt.” Nun leben wir alle in Putins Welt. Putin hat Deutschland in einem Ausmaß verändert, wie wir es seit 1990 nicht für möglich gehalten haben.

Niemand hat so viel für Europas Einigkeit getan wie Putin?

Putin hat innerhalb weniger Stunden die schwedische Neutralität und den deutschen Pazifismus zu Grabe getragen. Das hat ihn schockiert. Er hat die Vorstellung, dass der Westen dekadent, korrupt, moralisch verkommen ist. Der Angriff auf die Ukraine hat bei den Europäern einen Nerv getroffen.

Wie meinen Sie das?

Nach Ausbruch der Pandemie hatten die Menschen das Gefühl, es liegt eine Katastrophe in der Luft. Putin ist der Reiter der Apokalypse. Eine Woche vor dem Einmarsch hatten die Europäer noch aus gutem Grund gemeint: Wenn wir Russland von SWIFT abkoppeln, fällt es auch unseren Banken auf den Kopf. Schnell hat man erkannt, dass man mit Putin nicht verhandeln kann. Wir steuern auf eine große Neuordnung Europas zu, die tiefere Spuren hinterlassen wird als die Finanz- oder die Migrationskrise. Es ist interessant, dass die Europäer, die aus meiner Sicht 2015 zu Recht skeptisch waren, nun die Grenzen für Vertriebene öffnen. Aus jenem tiefen Gefühl heraus: Der Krieg in Syrien war nicht unser Krieg. Das ist aber nun unser Krieg.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich Widerstand in der russischen Nomenklatura formiert und er gestürzt wird?

Kurzfristig ist das nicht zu erwarten, es hängt ganz von der weiteren Entwicklung ab. Es gibt einige im erweiterten Umfeld, die ihn ablehnen. Ich setze eher auf die Stimmung im Land. Putin kann den Krieg vor der russischen Bevölkerung nicht mehr verheimlichen. Plötzlich funktionieren die Kreditkarten nicht, westliche Geschäfte sperren zu, man kann nicht mehr reisen. Wenn früher ein Russe nach Wien kam, hieß es: “Sie sind Russe, schön.” Nun heißt es: “Oh, Sie sind ein Russe?” Die Menschen werden sich fragen: Was bringt uns das alles? Es ist Putins Krieg, nicht der Krieg der Russen.

Schlittert Putin in ein zweites Afghanistan, in ein neues Vietnam?

Es gibt zwei Szenarien: Es gibt einen Waffenstillstand nach dem Modell des finnisch-sowjetischen Kriegs von 1939/1940, Putin besetzt Kiew nicht, fordert die Neutralität der Ukraine, und Selenskyj muss einen Vertrag unterzeichnen, der die Anerkennung der Krim vorsieht. Das ist aber sehr unwahrscheinlich. Oder: Er richtet eine Marionettenregierung ein. Putin kann den Krieg nicht verlieren, sonst ist er erledigt. Den Westen der Ukraine wird er nie unter seine Kontrolle bringen.

Muss Selenskyj nicht um sein Leben fürchten?

Das war am Anfang sicherlich so geplant, aber er ist zum Symbol geworden. Wenn er ums Leben kommt, wird er zum Helden wie Salvador Allende, der 1973 bei einem Militärputsch in Chile gestürzt wurde und dabei ums Leben kam.

Schweden und Finnland liebäugeln mit dem Nato-Beitritt. Wie sehen Sie Österreich?

Ich lebe in Wien, spreche nicht Deutsch. Mein Eindruck ist, dass die Österreicher die Russen sehr gut verstehen. Die Menschen haben Angst. Für die jungen Leute ist, was Putin anstellt, inakzeptabel, man kauft Jod in den Apotheken. Wir haben immer gedacht, wir leben in der Nachkriegszeit, wie es auch das Gefühl in den Zwanzigerjahren war. Rückblickend lebten die Menschen damals in der Vorkriegszeit.

Was heißt das für uns?

Wir wissen nicht, wohin die Welt steuert. Wir erleben das Ende des Friedens in Europa.

Hat ein neuer Kalter Krieg begonnen?

Ich bin 57, ich habe noch nie in so gefährlichen Zeiten gelebt.

Gefährlicher als die Kuba-Krise 1962, als die Sowjets Raketen vor Amerikas Haustüre aufstellten?

Da war ich noch nicht auf der Welt. Damals war die sowjetische Führung kollektiv organisiert. Chruschtschow konnte nie allein entscheiden. Das ist bei Putin anders.

Der seine engsten Mitarbeiter öffentlich vorführt, etwa bei der Sitzung des Sicherheitsrats?

Das erinnert an Stalins Schauprozesse.

Wann ist die Krise vorbei?

Die Zukunft ist die Invasion aus dem Unbekannten. Niemand weiß es.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.