Politik

Wie kommt sie raus aus Bidens Schatten?

28.08.2022 • 09:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kamala Harris
Kamala Harris AP

Jetzt könnten Kamala Harris die Republikaner einen Ball aufgelegt haben.

Was wurde eigentlich aus Kamala Harris? Wenn diese Frage für eine Spitzenpolitikerin einmal im Raum steht, müssen die Alarmglocken schrillen. Im Jänner 2021 hatte Harris Geschichte geschrieben, als sie als erste Frau und erste Politikerin mit indisch-jamaikanischen Wurzeln die Vizepräsidentschaft übernahm. Die in Kalifornien geborene 57-Jährige galt als anpackende, leidenschaftliche Politikerin und natürliche Nachfolgerin von US-Präsident Biden, als Zukunftshoffnung der Demokraten.

Jetzt, eineinhalb Jahre später, zeigt sich: Der Nimbus des Historischen nützt sich ab. Während sich die Spitzenjuristin in ihrer Zeit als Senatorin mit messerscharfen Argumenten und harten Debatten einen Namen machte, werfen ihr jetzt viele vor, als Vizepräsidentin zu wenig Profil entwickelt zu haben, zu unauffällig im Schatten Bidens geblieben zu sein; in den Umfrage ging es abwärts. Harris schnitt zuletzt schlechter ab als alle vier Vizepräsidenten vor ihr. Jetzt fragen sich viele: Kann Harris wirklich Präsident?

Die Frage kam auf, als Joe Biden im Juli an Corona erkrankte. Plötzlich rückte seine Stellvertreterin ins Rampenlicht – dorthin, wo sie viele zuletzt vermissten. Dazu kommt: Im Herbst finden die Midterm-Elections statt, die Zwischenwahlen zum Kongress, nach denen der Präsident offiziell die zweite Hälfte seiner Amtszeit antritt. Dies bringt unvermeidlich die Frage auf, ob er 2024 für eine zweite Amtszeit kandidiert. Seit Lyndon B. Johnson hat kein Amtsinhaber freiwillig auf eine zweite Runde an der Macht verzichtet.

Altersfrage

Doch bei Joe Biden ist das komplizierter. Im Herbst wird er seinen 80. Geburtstag feiern. Als Harris und Biden 2020 gemeinsam in den Wahlkampf um die Präsidentschaft gezogen waren, schwang stets mit, dass Biden ihr altersbedingt eines Tages den Vortritt überlassen könnte. Danach sieht es im Moment nicht aus. Auch wenn Biden von seinen politischen Gegnern als kaum noch amtsfähiger Tattergreis dargestellt wird, steht außer Frage, dass er sein Amt mit Einsatz ausübt und dem auch körperlich gewachsen ist. Er selbst lässt sich bisher nicht in die Karten schauen.

Zur Person

Kamala Harris, seit 20. Jänner 2021 Vizepräsidentin der USA. Von 2011 bis 2017 Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Von 2017 bis 2021 vertrat sie im Senat den Bundesstaat Kalifornien. 2019 kandidierte sie bei den Vorwahlen der Demokraten um die Präsidentschaft, zog sich dann zurück und unterstützte Biden.

Sie ist seit 2014 mit dem Rechtsanwalt Douglas Emhoff verheiratet, der damals zwei Kinder im Teenager-Alter mit in die Ehe brachte.

Das macht die Lage für Harris nicht einfacher. Auch wenn den beiden ein gutes Verhältnis nachgesagt wird, trägt Biden eine Mitverantwortung für die schwachen Umfragewerte seiner Nummer zwei. Die „New York Times“ kritisierte kürzlich, Biden beteilige Harris nicht wirklich adäquat am Regieren. Während Obama seinen damaligen Vize bei regelmäßigen gemeinsamen Mittagessen mit einbezogen habe, verzichte Biden auf diese Treffen. Dazu kommt, dass auch die Aufgabenfelder, die Biden ihr übertrug – die Wahlrechtsreform und die Flüchtlingskrise an der US-Südküste – nicht geeignet sind, schnelle Erfolge einzufahren.

Innerparteilich zugute kommt der Vizepräsidentin, dass bei aller Kritik an ihr auch die übrigen potenziellen Präsidentschaftsanwärter keine starke Figur machen. Harris wurde 1964 in Oakland als Tochter eines aus Jamaika eingewanderten Wirtschaftsprofessors und einer aus Indien stammenden Krebsforscherin geboren. Sie studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften, wurde Anwältin. „Sie kann knallhart sein und gleichzeitig unglaublich charmant“, meinte ihr Biograf Dan Morain. Viel Respekt erwarb sie sich als Senatorin, als sie etwa im Geheimdienstausschuss durch profunde Sachkenntnis auffiel und einige Amtsträger mit ihrer forschen Art in Verlegenheit brachte.

Harris war 2021 nach vier Jahren Trump Hoffnungsträgerin der Frauen in den USA; unter schwarzen Frauen verfügt sie weiterhin über eine Zustimmungsrate von rund 70 Prozent. Sie versprach, sich gegen Sexismus und Rassismus einzusetzen. Doch wie schwierig das ist, erlebt Harris oft am eigenen Leibe. Zurecht beklagen ihre Anhänger, sie werde speziell als Nicht-Weiße und als Frau besonders streng und oft auch unfair beurteilt, manche sprechen gar von einer Hetze rechter Medien wie Breitbart oder Fox-TV.

Doch davon wird sich Harris nicht aufhalten lassen dürfen, wenn sie an die Spitze kommen möchte. Noch ist das Rennen offen. Zuletzt zeigte sich, dass sie durchaus willens ist, den Ball aufzunehmen: Seit der Supreme Court im Juni das Recht auf Abtreibung gekippt hat, zog Harris mehrfach dagegen zu Felde. Hier könnte sie auch Wählerinnen ansprechen, die ansonsten mit den Demokraten wenig anfangen können. Noch ist nichts entschieden. Für Kamala Harris wird es Zeit, aus dem Schatten hervorzutreten.

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