Politik

126.000 Euro für 44 Powerpoint-Folien

17.09.2022 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Diese walisische Kuh und ihr Kalb schafften es über Wikipedia ins Vorarlberger Schlachthofkonzept. Das Schaf (im Hintergrund links) wurde abgeschnitten.<br><span class="copyright">xenophon/Commons (GNU)</span>
Diese walisische Kuh und ihr Kalb schafften es über Wikipedia ins Vorarlberger Schlachthofkonzept. Das Schaf (im Hintergrund links) wurde abgeschnitten.
xenophon/Commons (GNU)

Für fast 2.900 Euro brutto pro Folie lieferten die externen Experten unter anderem ein Kuhbild von Wikipedia.

Landesrat Christian Gantner (ÖVP) hat 2019 am Rande einer Veranstaltung den pensionierten ehemaligen Leiter der Fleisch- und Wurstsparte einer Supermarktkette mit der Erstellung eines Konzepts zur Erhaltung eines Schlachthofes in Vorarlberg beauftragt. Mit höchstens 10.000 Euro an Kosten rechnete der Landesrat ursprünglich, am Ende zahlten Land und Landwirtschafskammer dem Mann und einem ihm bekannten Unternehmensberater 125.800 Euro brutto, wie der Landes-Rechnungshof in einem Bericht festhielt.

Der NEUE am Sonntag liegt nun das Konzept der beiden externen Berater vor. Das Land hat die 44-seitige Powerpoint-Präsentation auf Anfrage übermittelt, personenbezogene Daten wurden geschwärzt. Ein Blick auf den Foliensatz wirft Fragen zur Qualität des Projekts auf.

Schiefe Optik

Ein Leuchtturmprojekt hätte das Konzept für einen Vorarlberger Schlachthof werden sollen, und daher findet sich in der Präsentation wohl auch das Bild eines Leuchtturms. Mit Bleistift gezeichnet, fast wie von Kinderhand, und in schlechter Auflösung findet es sich auf der zweiten Folie. Es zeigt ein Gebäude im englischen Cornwall – ein Hobbykünstler hat es 2010 auf seinem Blog im Internet veröffentlicht. Dass es einmal ein Vorarlberger Schlachthofkonzept zieren würde, hätte sich der Zeichner wohl nicht gedacht. Sein etwas schiefes Bild passt jedoch zum Gesamtkonzept, das immer wieder durch Unsauberkeiten auffällt. So wurde auf den Folien das Logo der „Ökoland-Strategie“ des Landes platziert, allerdings ohne damit die Adresse jener Webseite ganz abzudecken, mit der die Folien offenbar erstellt wurden.

Reste einer Webadresse unter dem Landeslogo. <span class="copyright">Land Vorarlberg</span>
Reste einer Webadresse unter dem Landeslogo. Land Vorarlberg

Eine Folie verspricht grammatikalisch wie inhaltlich wagemutig, es werde „viel mehr wie ein Schlachthof“ geboten. „Zahlen – Daten – Fakten“ werden einmal mit Halbgeviertstrich und einmal mit Bindestrich getrennt, das Leiblachtal mit „ai“ geschrieben. Auf einer Folie steht „Milchkuh-Kalb“, auch der nächsten „MilchKälber“. Immer wieder ragt der Text in die Grafik hinein. Auf einer Seite findet sich das Bild einer Kuh mit Kalb – es stammt von Wikipedia und wurde in Wales aufgenommen.
Es sind Fehler, wie man sie zum Teil auch in einer Tageszeitung finden kann, in 125.800-Euro-Konzepten würde man sie hingegen nicht vermuten.

Viele Überschriften

Das ursprüngliche Grobkonzept, das die externen Berater bereits vorab erstellt hatten, ist nicht mehr erhalten. Es wurde von der Verwaltung aus unbekannten Gründen nicht zum Akt genommen. Das vorliegende Endprodukt enthält 14 Seiten, die ausschließlich Überschriften oder motivierende Aussagen enthalten, 21 Seiten enthalten Text, sieben Seiten Grafiken mit textlichen Einsprengseln und drei Seiten beschäftigen sich mit weitgehend tabellarisch dargestellten Daten.

Sinnbildliche Diagramme im Konzept. <span class="copyright">Land Vorarlberg</span>
Sinnbildliche Diagramme im Konzept. Land Vorarlberg

Etliche Folien enthalten vor allem Schlagworte: „Wohl unserer Landwirte und Metzgereien“, „weniger Tiertransporte“, „Regions- und Landschaftspflege“ oder „Selbstversorgung im eigenen Land“ steht unter anderem auf der zweiten Folie, neben dem unscharfen Bild des Leuchturms aus Cornwall. An anderer Stelle will man erklären, warum es um mehr als einen Schlachthof gehe und zählt dabei auch Punkte wie „Schlachtungs- und Verarbeitungsangebot“ und „Rentabilität“ auf, die für Schlachthöfe eher typisch sind.

Wenig Daten

Laut Landes-Rechnungshof ist die Powerpoint-Präsentation alles, was als Konzept ans Land übermittelt wurde. Auch Zeitaufzeichnungen und Spesenabrechnungen fehlten.

Die externen Berater trafen im Konzept immer wieder Annahmen, deren Grundlage sich aus dem Konzept nicht erschließen lässt. Auf einer Grafikseite finden sich etwa Balkendiagramme ohne Zahlenangaben. Sie sollen den zu erwartenden Anstieg an Tiertransporten zeigen, sollte das Konzept für eine „Vorarlberger FleischWerkstatt“ nicht umgesetzt werden. Nur: Für die Diagramme fehlt die Datengrundlage. Am Ende der Folie heißt es lediglich: „Die Höhe der Säulen ist sinnbildlich ausgelegt.“

Im Wesentlichen ging das Konzept davon aus, dass sich die Kälber- und Altviehtransporte auf Null reduzieren ließen, um die Wirtschaftlichkeit eines Schlachthofes zu ermöglichen. Dazu wurden damals aktuelle Export- und Transportzahlen angeführt. Die Schlachtung von Altkühen brächte einen preislichen Vorteil für die Landwirte. Außerdem sollte die Schlachtung am Abnahmebedürfnis der Landwirte ausgerichtet werden. An der Verwertbarkeit der Alttiere im Land, sie werden laut Konzept vorwiegend nach Deutschland exportiert, hatte die Fachabteilung im Amt der Landesregierung laut Landes-Rechnungshof jedoch erhebliche Zweifel. Das Konzept ging außerdem davon aus, dass Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen oder Werksküchen regelmäßig 10.000 Portionen abnehmen würden, wenn dort 3,5-mal im Monat Kalbsfleisch serviert würde. Wie häufig diese Zahl an Portionen abgenommen werden sollte, ist in den Folien aber nicht angeführt. Für die erwähnten Großküchen sollte das Fleisch verwendet werden, das nicht als Edelteile an Händler und Gastronomie verkauft werden könnte.

Die hohen Ziele gingen nicht auf. <span class="copyright">Land Vorarlberg</span>
Die hohen Ziele gingen nicht auf. Land Vorarlberg

In der Folie, die die Wirtschaftlichkeit darlegen soll heißt es abschließend „Modell beruht auf Annahmen und Recherchen (Haftung ausgeschlossen)“. Am Ende der Präsentation sieht man schließlich zwei weiße Männchen, die ihre Hände einklatschen. Es ist ein Adobe Stock Photo, auf dem das Wasserzeichen noch halb sichtbar ist. „Jetzt geht‘s los es gibt viel zu tun“, steht darauf.