Politik

Woher kommt die Gehaltsschere im Ländle?

03.10.2022 • 20:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Missverhältnis zwischen Männer- und Frauengehältern ist in Vorarlberg am größten. <span class="copyright">Symbolbild/Hartinger</span>
Das Missverhältnis zwischen Männer- und Frauengehältern ist in Vorarlberg am größten. Symbolbild/Hartinger

Die Vorarlbergerinnen verdienen im Verhältnis deutlich weniger als die Vorarlberger, die Gründe dafür sind vielschichtig.

Der „Equal Pay Day“ zeigt an, ab welchem Tag im Jahr Frauen nichts mehr verdienen würden, wenn sie bis dahin ein männliches Durchschnittsgehalt bekommen hätten. In Österreich fällt dieser Tag heuer auf den 30. Oktober. „Das bedeutet, dass Frauen im Vergleich zu Männern in Österreich 63 Tage gratis arbeiten“, behauptet der ÖGB.

Tatsächlich zeigt der Tag vor allem an, dass viele Frauen in schlecht bezahlten Berufen und in Teilzeit tätig sind. Wollte man die „Gratisarbeit“ bemessen, müsste man seriöserweise auch die Haushalts- und Erziehungsarbeit einrechnen, was die Situation der Frauen wohl noch schlechter darstellen würde. In Vorarlberg fiel der „Equal Pay Day“ heuer bereits auf den vergangenen Sonntag, den 2. Oktober. Nach der Diktion des Gewerkschaftsbundes wären das also 91 Tage Gratisarbeit. Warum hat aber gerade Vorarlberg eine derart große Lohnschere?

Die Hausfrauen sind es nicht

Liegt es daran, dass so viele Frauen zu Hause bleiben? Die Zahl der Frauen, die in Vorarlberg keiner Erwerbsarbeit nachgehen, reißt die statistische Gehaltsschere nicht auf, weil Frauen, die im eigenen Haushalt arbeiten, eben gar nicht in die Statistik fallen. Die Erwerbstätigenquote liegt bei den Frauen im Land bei 70,8 Prozent und damit sogar über dem Bundesschnitt von 68,1 Prozent. Die niedrigste Rate an arbeitenden Frauen hat Wien mit 62,7 Prozent, die höchste Salzburg mit 71,6 Prozent.

Seltsamerweise „nützt“ eine niedrige Frauenerwebsrate statistisch beim „Equal Pay Day“, da sie dafür sorgt, dass Frauen oft schlecht bezahlte Jobs gar nicht erst annehmen – etwa weil die Kinderbetreuung zu teuer oder nicht vorhanden ist – und damit die Statistik nicht verschlechtern. So hat Kärnten, das Bundesland mit der zweitniedrigsten Frauenerwerbsquote (66,1 Prozent), mit dem 30. Oktober einen wesentlich späteren und daher besseren „Equal Pay Day“ als Vorarlberg..

Lohnfalle Teilzeit

In Kärnten arbeiten auch nur 48,4 Prozent der Frauen in Teilzeit, in Vorarlberg sind es 52,6 Prozent. Teilzeitbeschäftigungen sind, auch auf eine Vollzeitstelle hochgerechnet, oft schlechter bezahlt. Das liegt unter anderem daran, dass die Tätigkeit keine dauernde Anwesenheit erfordert, die Mitarbeiter daher oft austauschbar sind und die Qualifikation im Schnitt niedriger ist. Beim „Equal Pay Day“ spielen Teilzeitstellen dennoch keine Rolle, weil dieser auf Basis der Vollzeitbeschäftigungen berechnet wird.

Die Teilzeitbeschäftigung macht dennoch einen großen Unterschied im Geschlechterverhältnis des Einkommens aus: Die Lohnschere zwischen Männern und Frauen tut sich vor allem bei den Angestellten auf. Hier machen Frauen österreichweit 54 Prozent der Beschäftigten aus, verdienen aber, Teilzeitstellen eingerechnet, im Schnitt nur 54,3 Prozent eines durchschnittlichen Männereinkommens. Sieht man sich nur die Vollzeitstellen an, bekommen weibliche Angestellte im Schnitt 70,1 Prozent eines Männerverdienstes. Dass Frauen für eine gleichwertige Arbeit weniger verdienen, spielt hierbei zwar eine, aber eine vergleichsweise nur kleine Rolle – sie arbeiten vor allem häufiger in Berufen und auf Stellen, die schlechter bezahlt werden.

Schlechter Mix

In Vorarlberg ergibt sich ein demografischer Cocktail, der sich auf die Höhe des Frauenerwerbs negativ auswirkt: So weist das Land österreichweit eine der niedrigsten Abschlussraten an höheren Schulen und Universiäten auf. Gerade Frauen schließen mittlerweile aber eher Studien ab als Männer und verdienen auch gerade mit diesem Bildungsniveau verhältnismäßig gut. Gleichzeitig ist das Lohnniveau für Facharbeiter in der Industrie und im Gewerbe verhältnismäßig hoch, hier sind aber vorwiegend Männer tätig.

Hinzu kommt, dass Vorarlberg die höchste Geburtenrate aller Bundesländer aufweist, gleichzeitig sich aber die Kinderbetreuung vor allem bei Kleinkindern noch im Ausbau befindet. Bei den Unter-Dreijährigen liegt Vorarlberg mit einer Betreuungsquote von 30,9 Prozent zwar über dem Bundesschnitt aber deutlich hinter dem Burgenland (37 Prozent) und Wien (44,3 Prozent). Die Kinderbetreuung ist außerdem nicht kostenlos, die soziale Staffelung der Beiträge hat sich als mehr oder weniger wirkungslos erwiesen. Dadurch bleiben Frauen tendenziell länger zu Hause, was sich auf die Bezahlung beim beruflichen Wiedereinstieg auswirkt. Das alles ergibt beim Medianeinkommen der Vollzeitbeschäftigten einen deutlichen Unterschied zu Wien: Während unselbstständige Vorarlbergerinnen im Jahr 2020 53,2 Prozent des Medianeinkommens eines Mannes erhielten, waren es bei den Wienerinnen 82,6 Prozent.

Aber auch hier bleibt die Statistik nicht ohne Tücken: Die Wiener haben im Bundesvergleich das mit Abstand geringste Medianeinkommen..

Medianeinkommen

Wenn von fünf Personen eine 2000, eine 2500, eine 3000, eine 3500 und eine 50.000 Euro im Monat verdient, liegt das Durchschnittseinkommen bei 12.200 Euro, das mittlere, also mediane Einkommen aber bei 3000 Euro. Die Verwendung von Medianeinkommen für Vergleiche schließt große statistische Ausrutscher aus und gibt ein besseres Bild der Einkommenssituation einer gesamten Gruppe wieder, als ein Durchschnittseinkommen.

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