Politik

„Wir exportieren den Klimaschutz“

21.01.2023 • 09:30 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, Georg Knill, im Gespräch mit der NEUE. <span class="copyright"><span class="copyright">hartinger</span></span>
Der Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, Georg Knill, im Gespräch mit der NEUE. hartinger

Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, spricht über Arbeitsmarkt und Klimaschutz.

Die Industrie steht vor allem im Energiebereich vor großen Herausforderungen. Sind Sie mit den gesetzten Maßnahmen zufrieden oder gibt es noch weiteres Potenzial?
Georg Knill: Unser Zugang war es, bei den Energiekosten eine europäische Lösung zu finden – die ist bisher gescheitert. Der Energiepreisdeckel, auf den man sich geeinigt hat, deckt nur die Spitze ab. Die Deutschen sind mit dem sogenannten „Doppel-Wumms“ in Vorleistung gegangen, daher war es uns wichtig, dass Österreich eine adäquate ähnliche Lösung findet, nachdem wir mit Deutschland nicht nur in Handelsbeziehungen, sondern auch im direkten Wettbewerb stehen. Das haben wir mit der Bundesregierung auch intensiv diskutiert. Mit dem Energiekostenzuschuss II wurde auf dieser Ebene nun Wettbewerbsgleichheit hergestellt. Das heißt aber nicht, dass die Energiekosten nicht weiter volatil bleiben werden. Es gibt hier nach wie vor große Herausforderungen, etwa im Vergleich zu den USA. Es war ein wichtiger Teilschritt, aber es gibt noch etliche andere Themen, die wir im Bereich Wettbewerbsfähigkeit haben.

„Wenn Menschen aus Südosteuropa bereit sind, für eine Arbeitsstelle ihre Heimat zu verlassen, kommen sie nicht nach Österreich, sondern gehen nach Deutschland.“

Georg Knill

Welche wären das?
Mit Blick auf 2023 gibt es etwa den großen Themenbereich Arbeitsmarkt. Wir haben quasi Vollbeschäftigung und der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern ist ungebrochen. In vielerlei Hinsicht ist das bereits wachstumshemmend. Wir haben eine Vielfalt von Potenzialen aufgezeigt, die man nutzen sollte, um dem Arbeitsmarkt mehr Kräfte zur Verfügung zu stellen. Diese Themen wurden zwar bei der Regierungsklausur verhandelt, man hat sie aber in eine Arbeitsgruppe ausgelagert, die im ersten Quartal Lösungsvorschläge präsentieren soll. Wir hoffen, dass Mehrarbeit und auch längeres Arbeiten entsprechend steuerlich belohnt wird. Im Hinblick auf die Teilzeitproblematik hoffen wir, dass die Kinderbetreuung noch stärker ausgebaut wird. Da gibt es noch viel Potenzial in den Ländern und Kommunen. Bei der Zuwanderung wird bei Debatten leider häufig gezielte Migration und Asyl vermengt. Österreich wird deshalb leider als Ausländerfeindlich gesehen. Wenn Menschen aus Südosteuropa bereit sind, für eine Arbeitsstelle ihre Heimat zu verlassen, kommen sie nicht nach Österreich, sondern gehen nach Deutschland.

Österreich hat bei Arbeitsmigranten einen schlechten Ruf, bedauert Knill. <span class="copyright">hartinger</span>
Österreich hat bei Arbeitsmigranten einen schlechten Ruf, bedauert Knill. hartinger

Ihr Unternehmen, die Knill-Gruppe, hat mit Lorünser auch in Vorarlberg eine Niederlassung. Gibt es Unterschiede zur Steiermark, wo sie auch stark vertreten sind?
Ich glaube Österreich ist nicht so groß, dass man hier wesentliche Unterschiede feststellen könnte. Was mich an Vorarlberg aber immer wieder fasziniert, ist die geopolitische Exponiertheit des Landes in einem sehr kompetitiven Umfeld. Man muss sich immer an den Besten messen. Als Knill-Gruppe sind wir weltweit tätig. Der große Vorteil Österreichs, und das gilt für alle Bundesländer, ist der hohe Qualifizierungsstand der Mitarbeiter und auch deren Loyalität dem Unternehmen gegenüber. Das findet man in anderen Ländern kaum mehr. Auch die Einstellung zur Arbeit insgesamt ist anders, auch wenn sie sich durch Covid-19 sicherlich verändert hat.

Die Lebensrealtität hat sich verändert, erklärt Knill im NEUE-Gespräch. <span class="copyright">hartinger</span>
Die Lebensrealtität hat sich verändert, erklärt Knill im NEUE-Gespräch. hartinger

Ist die Industrie, was das betrifft, den Dienstleistungsunternehmen gegenüber konkurrenzfähig? Ein Dreher kann schwer von zu Hause aus arbeiten.
Auch der Gastwirt kann nicht von zu Hause aus arbeiten.

… außer er wohnt im Gasthaus.
(lacht) Auch dann ist er in der Betriebsstätte und nicht zu Hause. Die Arbeit hat sich in Summe mannigfaltig weiterentwickelt. Es gibt das klassische „nine to five“-Arbeitsleben vielfach nicht mehr. In den Gesetzen und den Kollektivverträgen steht es vielleicht noch so drinnen, wie es vor 50 Jahren war, aber die Realität ist schon viel weiter. Hier gibt es noch viel zu tun, etwa bei Grenzpendlern sowie Vorarlbergern, die im Ausland arbeiten und zu Hause Homeoffice machen. Da gibt es Entwicklungsbedarf, um diesen neuen Arbeitswelten auch gerecht zu werden.

Die Industrie hat in der Diskussion um den Klimawandel häufig die Position des Buhmanns, weil sie substanziell zu den Treibhausgasemissionen beiträgt. Gibt es ein Rezept, um aus dieser Lage herauszukommen?
Die Dekarbonisierung wird nur mit der Industrie funktionieren. Wir sind hier in Österreich seit vielen Jahren Vorreiter. Wir haben längst die Entkoppelung des Produktivitätszuwachses vom CO2-Ausstoß erreicht. Wir haben auch viele Unternehmen, die von Österreich aus im Green-Tech-Bereich tätig sind, das heißt wir exportieren Klimaschutz. Die österreichische Industrie leistet hier einen Beitrag und ist davon auch überzeugt. Wir brauchen die schnelleren UVP-Verfahren, die von der Regierung kürzlich beschlossen wurden, um zu einem schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energie zu kommen und die Klimaziele zu erreichen. Das geht aber nicht durch Verbote, sondern nur durch Innovation, Investition und Fortschritt.

Österreich wird auch in Zukunft Energie importieren müssen, so der IV-Präsident. <span class="copyright">hartinger</span>
Österreich wird auch in Zukunft Energie importieren müssen, so der IV-Präsident. hartinger

Österreich verbraucht etwa so viel Energie in Gas wie in Strom. Ist es da realistisch, alle Industriebetriebe vom Energieträger Erdgas unabhängig zu machen?
Darum ist eine unserer Forderungen an die Klimaministerin, uns ihren Masterplan Energie plausibel vorzustellen. Die Vorgabe der Politik, bis 2040 dekarbonisiert zu sein, steht. Es wurde aber noch nicht erklärt, wie man das erreichen möchte. Uns wird manchmal zu unrecht vorgeworfen, zu blockieren. Wir wollen nur wissen, wie es gehen soll. Mit dem Erneuerbarenausbau-Gesetz hat man sich bis 2030 ein Zwischenziel gesetzt. Das bringt aber nur ein Zehntel der Dekarbonisierung, die wir bis 2040 erreicht haben müssen. Die Möglichkeiten, in Österreich erneuerbare Energien zu erzeugen, reichen für die Energie, die wir benötigen, nicht aus. Es darf nicht dazu kommen, dass man auf energieintensive Industrie in Österreich verzichten will. Dagegen werden wir uns wenden – nicht der Industrie wegen, sondern wegen des Wohlstands in diesem Land.

In der Pandemie kam häufig die Forderung nach einer Reindustrialisierung Europas. Ist davon noch viel zu merken?
Derzeit besteht eher die Gefahr einer Deindustrialisierung. Ich sehe kein Problem darin, Industriezweige wieder nach Europa zu holen, was wir aber brauchen, sind Handelsabkommen. Kein Windrad und kein Elektromotor funktioniert ohne seltene Erden. Die werden bei uns nicht abgebaut, sogar, wenn sie vorhanden sind. Die Rohstoffe kommen dann aus Russland, China oder dem Kongo. Das sind Länder, die uns demokratiepolitisch vielleicht nicht sympathisch sind, aber wichtig sind, um die Klimaziele zu erreichen. In manchen Bereichen wäre es daher wichtig, eine gewisse Autonomie zu erreichen. Das ist kein Abgesang an die Globalisierung. Es wird immer Lieferketten geben, die man mit Partnerschaften und Handelsabkommen entsprechend absichern muss.

„Es braucht mehr unternehmerischen Freiraum. Vielfach wird den Wirtschaftstreibenden dadurch die Lust am Unternehmertum genommen.“

Georg Knill

Wenn Sie eine Regelung abschaffen könnten, welche wäre es? Es ist eine böse Frage, da müsste ich auch länger nachdenken.
(lacht) Ich will ja keine Schlagzeile produzieren! Ich hole kurz aus: Ich finde es sehr bezeichnend, wie in unterschiedlichen Regionen mit Krisen umgegangen wird. Amerika reagiert auf multiple Krisen, wie wir sie jetzt haben, mit Anreizsystemen. Europa reagiert darauf mit Regelungen. Jetzt kommt das Lieferkettengesetz, dann haben wir im Rahmen der Taxonomie „Fit for 55“ weitreichende Berichtspflichten. Wir werden überbordet mit Reportings, Nachweispflichten und anderen Themen. Es belastet unheimlich und verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit. Zusammenfassend würde ich mir daher hier weniger Regulierungen wünschen. Es braucht mehr unternehmerischen Freiraum. Vielfach wird den Wirtschaftstreibenden dadurch die Lust am Unternehmertum genommen.

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