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Zwei Freunde, ein Abschied

23.04.2022 • 23:17 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Christoph Domig und Aaron Kircher beenden nach über zehn Jahren ihre Fußballkarriere.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Christoph Domig und Aaron Kircher beenden nach über zehn Jahren ihre Fußballkarriere. Klaus Hartinger

Aaron Kircher und Christoph Domig sind nicht nur Teamkollegen beim FC Dornbirn, sondern auch gute Freunde.

Es ist eine Ära, die im Sommer in Dornbirn endet. Nach über zehn Jahren im Fußballgeschäft werden Christoph Domig und Aaron Kircher ihre Profikarriere beenden und den FC Dornbirn nach neun beziehungsweise acht Jahren verlassen.

Was sind die Gründe für Sie als langjährigen Kapitän, den FC Dornbirn im Sommer zu verlassen?
Aaron Kircher:
Ich mache das für meine Familie und dafür, mehr Zeit zu haben. Außerdem möchte ich Dornbirn die Chance zu einem Neuanfang geben. Selbst bei einem Abstieg würde wieder viel Verantwortung auf mich zukommen, das möchte ich nicht mehr.

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Auch Sie verabschieden sich aus dem Profifußball. Warum?
Christoph Domig:
Es sind fast dieselben Gründe wie bei Aaron. Ich bin verlobt und werde heiraten, die Familienplanung schreitet voran. Außerdem möchte ich nicht mehr ständig im Auto und im Bus sitzen, vor allem die langen Auswärtsfahrten kos­ten Zeit. Beruflich lässt sich das schwer vereinbaren, es kostet mich viele Urlaubstage.

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Wie schwer fällt dieser Abschied vom Verein?
Domig:
Sehr schwer. Die Gedanken trage ich schon länger mit mir herum, bereits im vergangenen Sommer war es ein Thema. Jetzt, wenn das Ende greifbarer wird, wird es immer emotionaler. Man kann es sich wie einen Berufswechsel vorstellen, ich war fast jeden Tag auf der Birkenwiese und habe hier viele Freunde.
Kircher: Es ist unglaublich. In der Kabine haben wir schon häufig diskutiert, ich war hin- und hergerissen, ob ich schon die richtige Entscheidung treffe. Wir haben uns die Frage gestellt, ob wir erhobenen Hauptes gehen können. Ja, das können wir, da bin ich mir sicher. Am liebsten würde ich meine Karriere beim FC Dornbirn beenden.

Sie beide haben in den vergangenen drei Jahren parallel Vollzeit gearbeitet und Fußball in der 2. Liga gespielt. Wird das in Zukunft überhaupt noch möglich sein?
Domig:
Eigentlich nicht. Das haben wir auch dem Verein mitgeteilt, dass es Vollprofis braucht. Es finden sich irgendwann keine Amateurspieler mehr, die in Dornbirn spielen, diesen Aufwand betreiben und in der Eliteliga ähnlich viel verdienen könnten.

Blicken wir auf Ihre Karrieren zurück, die immer wieder parallel verlaufen sind. Sie sind beide 30 Jahre alt, Christoph ist drei Monate jünger. Wann haben Sie zum ersten Mal gemeinsam gekickt?
Domig:
Das muss in der Auswahl gewesen sein …
Kircher: … im LAZ mit 12, 13 Jahren (lacht) …
Domig: Gut kennengelernt haben wir uns aber erst in der U17 und in Altach. Richtige Freunde sind wir dann in Dornbirn geworden.

Während Christophs Weg zunächst nach Altach führte, heuerten Sie, Aaron, bei Austria Lustenau an. Können Sie sich an Ihr Profidebüt erinnern?
Kircher:
Ja, gegen Grödig auswärts am ersten Spieltag der Saison 2010/11. Wir haben 2:3 verloren. Peter Pöllhuber hatte bereits in der ersten Hälfte eine Rote Karte gesehen. Damals habe ich sogar ganz gut als Linksverteidiger hinter Danilo Soares (heute in Bochum; Anm.) gespielt.

Aaron Kircher im August 2010 im Austria-Lustenau-Trikot. <span class="copyright">Archiv/Shourot</span>
Aaron Kircher im August 2010 im Austria-Lustenau-Trikot. Archiv/Shourot

Wie verlief Ihr Profidebüt?
Domig:
Es war gegen Hartberg (15. Juli 2011). Ich wurde eingewechselt, wir haben 4:0 gewonnen, und ich habe einen Elfmeter herausgeholt. Das Startelfdebüt war ein Jahr später ebenfalls gegen Hartberg. Mein Debüt habe ich unter Adi Hütter gefeiert, er hat mich auch zum Profi gemacht, leider war er nach einigen Spielen schon weg, weil damals in Altach nur der Aufstieg gezählt hat.

Christoph Domig im August 2012 im Trikot des SCR Altach. <span class="copyright">Archiv/Shourot</span>
Christoph Domig im August 2012 im Trikot des SCR Altach. Archiv/Shourot

Wie hat sich der Fußball in diesen vergangenen zehn Jahren verändert?
Kircher:
Die 2. Liga war damals deutlich stärker als heute, natürlich auch aufgrund des Zehner-Formates. Es haben richtige Kaliber in der 2. Liga gespielt.
Domig: Da stimme ich voll zu. Dafür haben heute sehr viele junge Spieler die Chance, in der 2. Liga schnell zu Einsätzen zu kommen. Früher waren wir froh um jeden Platz im Kader. Es gab Spieler wie Patrik Jezek, Peter Vorisek, Hannes Eder, oder wie sie alle geheißen haben.
Kircher: Die Austria-Mannschaft von 2012 war ein Wahnsinn mit Sascha Boller, Felix Roth, Pierre Boya …

2012/13 standen Sie beide beim SCR Altach unter Vertrag. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Saison?
Domig:
Sehr viel Frust. Ich habe damals fast gar nicht gespielt, hatte unter Trainer Rainer Scharinger noch drei Startelfeinsätze, danach bin ich vor allem in der Regionalliga aufgelaufen. Ich habe damals zu Hause gewohnt und war im Kopf noch nicht bereit, wie ein Profi zu leben. Das beginnt bei der Ernährung und endet bei der Einstellung. Im Nachhinein würde ich vieles anders machen. Die Jungen haben heute einen anderen Zugang. Ich bin damals aufgestanden, habe zwei Toasts gegessen und bin dann mit der Mannschaft auf den Karren gelaufen. Da hat es bei mir an einigem gefehlt. Dazu war ich nicht gemacht für den Profisport. Als Profi musst du vieles schlucken und akzeptieren, ich war immer schon jemand, der seine Meinung gesagt hat. Das kam nicht immer gut an, besonders als junger Spieler.
Kircher: Ich hatte in dieser Saison zwei Kurzeinsätze und dann einen Kreuzbandriss, der mich lange beschäftigte. Es war mein zweiter. Danach bin ich physisch und mental stärker zurückgekommen und habe im folgenden Jahr bei den Amateuren sehr gut gespielt. Leider habe ich dennoch keine Chance im Eins bekommen, deshalb bin ich im Winter 2013/14 zur Vienna gewechselt, dort ist aber alles schiefgegangen, was schiefgehen kann.

Einsätze bekamen Sie allerdings viele.
Domig:
Unter Fredl Tatar? (lacht)
Kircher: Nein, unter Kurt Garger und Mario Posch. Ich habe parallel BWL studiert, die Vienna hatte Millionenschulden, stieg nach 17 Punkten Abzug in die Regionalliga ab. Es ging im Verein wild zu. Ich habe dort nicht hineingepasst, das akademische Leben meiner Freunde passte besser zu mir.

Ein halbes Jahr spielte Kircher bei der Vienna. <span class="copyright">Gepa</span>
Ein halbes Jahr spielte Kircher bei der Vienna. Gepa

Anschließend haben Sie beide sich ab Sommer 2014 in Dornbirn wieder getroffen.
Domig:
Ja, mein Weg machte einen Schlenker über Lustenau. Austria-Coach Helgi Kovidsson wollte mich unbedingt, aber Hubert Nagel war nicht bereit, eine Ablösesumme nach Altach zu überweisen. Diese hätte 12.000 Euro ausgemacht. In Altach hatte man mir zuvor zugesichert, keine Steine in den Weg zu legen. Als die Austria anklopfte, wollte man aber plötzlich eine Ablösesumme. Kurz vor Saisonstart hatte ich noch keinen Verein, da hat sich Peter Sallmayer, der damalige Sportliche Leiter des FC Dornbirn, bei mir gemeldet. Ich habe in meinem ersten Jahr beim FC Dornbirn dann wenig gespielt und parallel meine Lehre bei der Bank begonnen.

War damit der Traum vom Profifußball endgültig erledigt?
Domig:
Ja. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, jemals wieder in der 2. Liga zu spielen.
Kircher: In Dornbirn haben wir uns dann angefreundet, und unser Rad hat begonnen, Schwung aufzunehmen.

Das erste gemeinsame Pflichtspiel für den FC Dornbirn war eine 1:2-Niederlage im ÖFB-Cup beim ATSV Wolfsberg im Juli 2014.
Kircher:
(lacht) Unser Keeper Dominik Seiwald hat in der 90. Minute noch an die Latte geköpft.
Domig: Da waren wir wirklich schlecht. Am Vortag hat mich im Spar in Wolfsberg eine Frau angesprochen, weil ich Vorarlbergerisch geredet habe. Es war die Mama von Christoph Stückler, sein Bruder hat beim ATSV gespielt.

Der ATSV Wolfsberg kündigte den Gegner des Cup-Spiels 2014 fälschlicherweise als SV Dornbirn an. <span class="copyright">NEUE</span>
Der ATSV Wolfsberg kündigte den Gegner des Cup-Spiels 2014 fälschlicherweise als SV Dornbirn an. NEUE

Wie kam es dazu, dass Sie mit Dornbirn 2019 doch noch in den Profifußball zurückgekehrt sind?
Domig:
Wir haben das Motto „Elf Freunde müsst ihr sein“ gelebt. Ab 2016 haben wir die nötigen Verstärkungen mit Lukas Fridrikas und Ygor Carvalho dazubekommen, 2018/19 hatten wir den ultimativen Flow. Der Aufstieg spielte aber nie eine Rolle, weil die 2. Liga für uns zuvor gleichbedeutend mit dem Ende der Berufstätigkeit war. Umso schöner, dass der FC Dornbirn es uns später ermöglicht hat, Halbprofis zu sein. Denn wer kann sonst behaupten, 2. Liga gespielt und gleichzeitig in einem 100-Prozent-Job gearbeitet zu haben?

War die Saison 2018/19 mit Aufstieg und Cupsieg die schönste Ihrer Karriere?
Kircher: Ja, ganz sicher. Es war von Anfang an unglaublich …
Domig:
… es war das Jahr meines Lebens.
Kircher: Im Cup haben wir im ersten Saisonspiel gegen Schwaz 0:2 auf die „Goschn gekriegt“. Andi Genser hatte danach die Befürchtung geäußert, dass wir absteigen würden. Dann kam Titelfavorit Anif auf die Birkenwiese, und wir haben sie 5:1 weggeschossen. Danach gab es ein riesiges Fest, und so ging es immer weiter.
Domig: Wir haben bei jeder Auswärtsfahrt Party gemacht, waren einfach im Flow. Jeder im Team hat mitgemacht, keiner wollte ein Spiel verpassen. Irgendwann hatten wir die Sicherheit, dass wir jedes Spiel gewinnen werden.
Kircher: Alle waren dabei, auch die Jungen.
Domig: Wir hatten zwar mit „Mäde“ (Trainer Markus Mader; Anm.) später keinen guten Abschied, aber er war der richtige Trainer zur richtigen Zeit, der uns Freiheiten zugestand. Mir ist wichtig, das zu erwähnen.

2019 feierte Dornbirn den Aufstieg in die 2. Liga und den VFV-Cup. <span class="copyright">Lerch</span>
2019 feierte Dornbirn den Aufstieg in die 2. Liga und den VFV-Cup. Lerch

Im ersten Zweitliga-Jahr haben Sie viele Experten überrascht. Wie war diese Spielzeit?
Kircher:
In den ersten beiden Spielen gegen Austria Lustenau und Wacker Innsbruck haben wir viel Lehrgeld gezahlt. Dann haben wir gegen Austria Klagenfurt unentschieden gespielt und bei Amstetten gewonnen, und damit ist es losgegangen.
Domig: Ygor wechselte nach dem Treffer im Derby nach Ägypten, da waren wir als Mannschaft geschockt.
Kircher: Dann hat uns der Geist der Meistersaison wieder stark gemacht. Jeder hat seine Rolle übernommen, mit Fridrikas und Tom Zimmerschied im nächsten Jahr hatten wir zusätzlich Unterschiedsspieler.

Erst in der laufenden Saison kam der Leistungseinbruch. Was war anders als in den Jahren zuvor?
Kircher:
Es gab einen Umbruch mit vielen neuen Spielern, die teilweise ausgeliehen waren und die Vereinskultur nicht so leben wie wir. Die Personalie Trainer hat zu Beginn gut funktioniert, doch etwas kam ins Rutschen. Es hat innerhalb der Mannschaft extrem rumort, wir mussten einen Schlussstrich ziehen.

Hatten Sie das zuvor schon mal so erlebt?
Domig:
Noch nie. Wir haben Umfragen innerhalb der Mannschaft gemacht. Ich möchte klarstellen, dass nicht wir den Trainer abgesägt haben, sondern als Sprachrohr der Mannschaft dienten, die sich klar gegen den Coach ausgesprochen hatte. Es war kein Vertrauen mehr da. Das hat sich über die ganze Saison durchgezogen.

Von außen könnte man die Mannschaft als „untrainierbar“ bezeichnen?
Kircher:
Es ist alles andere als einfach, uns zu trainieren. Wir sind keine Vollprofis, sondern haben auch noch andere Termine.
Domig: Das war auch für Akagündüz ein Problem. Wenn er am Vormittag mit den anderen Spielern etwas einstudiert hatte, wussten wir am Abend nicht, um was es geht. Von der Hierarchie her müssten wir aber vorangehen. Deshalb ist es wichtig, dass Dornbirn strukturell den nächsten Schritt macht. So kann es im Profibereich nicht ewig weitergehen.

Was ist in dieser Saison noch möglich?
Domig:
Mein größter Wunsch ist es, dass wir es sportlich schaffen. Wir wollen uns nicht auf einen Lizenzentzug von Wacker verlassen müssen. Wer will schon als Absteiger den Verein verlassen?

Welches war das beste Spiel Ihrer Karriere?
Domig:
Auswärts in Anif im November 2018. Da waren wir mannschaftlich extrem stark, es ging um die Herbstmeisterschaft. Wir waren alle so bissig, ich hatte gefühlt 100 Prozent Zweikampfquote. Es gibt ein Mannschaftsfoto aus der Kabine – alle oberköperfrei.
Kircher: Ich würde auch diese Partie nennen. Wir waren in jeder Aktion hundertprozentig da. Wir wussten, wir können gar nicht verlieren.

Wer war der beste Gegenspieler Ihrer Karriere?
Domig:
Mo Camara, mit Abstand.
Kircher: Karim Adeyemi.

Aaron Kircher (l.) und Christoph Domig (r.) schwelgten mit NEUE-Redakteur Johannes Emerich in Erinnerungen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Aaron Kircher (l.) und Christoph Domig (r.) schwelgten mit NEUE-Redakteur Johannes Emerich in Erinnerungen. Klaus Hartinger

Und wer war der beste Mitspieler?
Domig:
(lacht). Aaron. Vom Talent her waren es andere, wie Fridrikas, aber als Gesamtpaket sicher Aaron.
Kircher: Pierre Boya war bei der Austria unglaublich. Wenn er in die Kabine gekommen ist, ist es dunkel geworden, so ein Kasten war er. Wenn Chrise (Domig; Anm.) zur richtigen Zeit die Schnauze gehalten hätte, hätte er es weit bringen können (lacht). In der 2. Liga gibt es keine Zweikampfmaschine wie ihn.