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In der Alten Stickerei wird der Faden wieder aufgenommen

12.07.2022 • 16:32 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Stimmung beim Tag der offenen Tür war ausgelassen. <span class="copyright">Jaeneke</span>
Die Stimmung beim Tag der offenen Tür war ausgelassen. Jaeneke

Mit Tagen der weit offenen Tür haben Fußacherinnen Menschen eingeladen, die Alte Stickerei kennenzulernen und Ideen zu entwickeln, was hier in Zukunft stattfinden könnte

Wer wissen wollte, wie sich Willkommenskultur anfühlt, der konnte Anfang Juli in die Alte Stickerei in Fußach kommen. Die Türen der noch bis vor Kurzem im Tiefschlaf befindlichen Halle mitsamt dem Garten waren weit offen und ließen die Sonne und die Gäste hineinfluten. Gutes Essen gab es und Limonade und Wein, Tische mit Wiesenblumen, Wände, auf die jeder schreiben konnte, was er sich an Programm wünscht an diesem Fleck.

Einladend auch der Garten. Groß und grün, mit einem großen Apfelbaum und einem riesigen, wohltuenden Schatten spendenden Nussbaum. Von außen verdeckt, wuchs hier alles zu Größe heran, bis der „neue Bürgermeister“, wie hier alle sagen, Peter Böhler, mit seiner Frau kam und sagte: „Das also gehört auch der Gemeinde. Was könnten wir denn da machen?“ Der Gedankenreigen war eröffnet.

Alle Zusammen

Böhler ist an diesem Wochenende auch gekommen, im gelben Poloshirt steht er da und redet mit dieser und jenem über dieses und jenes. Er sagt: „Wir können die Infrastruktur bereitstellen. Die Ideen und die Kraft müssen aber dann von den Leuten selber kommen. Jede Initiative muss getragen werden und schließlich auch nach mir weiterexistieren können. Aber es stimmt, dieser Lagerhalle wieder Leben einzuhauchen, ist ein Herzensprojekt von mir.“

Der Bürgermeister hat nicht lang gefackelt, sondern den Menschen, die die Halle bevölkern sollen, eine lilafarbene Bar organisiert und einen Großteil des Bodens auf unbürokratischem Wege kurzerhand teeren lassen, weil das ein praktischer Untergrund ist. Er ist stolz darauf, dass das Inventar ohne Ausgaben zusammengetragen wurde. Nicht des Geldes, sondern des Charakters wegen, der zu dem heimeligen, abgearbeiteten Industriegebäude passen soll.
Eine gelbgrüne Sitzgarnitur, in die Jahre gekommen, aber noch frisch, lila Barhocker mit Pfiff und charaktervolle ­Plüschsesselchen. Weit offen ist auch das Tor zum Garten hin, mit einem Zitat an der Tür: „Alles ist fertig. Es muss nur noch gemacht werden.“ Der Satz passt, denn Ruth Kanamüller, die bisher mit fünf weiteren Frauen ehrenamtlich geplant und organisiert hat, sagt: „Wir sind erst am Anfang.“

Der Auftakt zur Neubelebung der alten Stickerei lief gut. <span class="copyright">Jaeneke</span>
Der Auftakt zur Neubelebung der alten Stickerei lief gut. Jaeneke

Ein basisdemokratischer Veranstaltungsrahmen soll die Alte Stickerei werden. Dass die ersten Besucher und Besucherinnen nun auf den Tafeln nach ihrer Meinung gefragt werden, ist also kein Zufall: „Wir sind an diesem Eröffnungswochenende nicht überrannt worden. Aber es war Badewetter und außerdem Programm an den Schulen“, erklärt Böhler. „Die Qualität der Gekommenen stimmt“, hält der Bürgermeister das aus seiner Sicht Hauptsächliche fest. Die neunjährige Jukka Abolina ist gerne gekommen und erklärt: „Ich würde schon hierherkommen für Kurse. Es gefällt mir hier sehr gut, insbesondere der Garten.“

“Dieser Lagerhalle wieder Leben einzuhauchen, ist ein Herzensprojekt von mir.”

Peter Böhler, Bürgermeister von Fußach

Interessiertes Publikum

Ein etwa Dreijähriger fragt: „Was machst du?“, ein sehr betagter Besucher organisiert derweil Kuchen für eine im Garten am Tisch sitzende Runde. Eine Dame mit rotem Hut, Familien auf buntkarierten, cappuccinobraunen oder himmelblauen Decken im Gras. Ach ja, und der Himmel ist tatsächlich blau, ein Schönwettergruß herab auf die fünfköpfige Band, drei Celli, verstärkte Gitarre, die Sängerin von „Sapperlotta“.

Die Bandmitglieder sitzen hinten im Garten, alle Gekommenen hören mit ihren Gesprächen auf und still zu. Links vorne sitzt Bianca Tschaikner, eine bildende Künstlerin aus Dornbirn, die ihre Texte zum Thema Orient unangepasst, aber feinfühlig in den Gesamtklang der Musik hineinwebt. „Das ist ein netter Ort, eine tolle Atmosphäre“, sagt sie danach. „Die Idee, die Menschen zum Picknick in den Garten der Alten Stickerei zu laden, finde ich super. Meine Bilder sind sehr narrativ, daher habe ich für meine vergangene Ausstellung zu jedem Bild etwas geschrieben. So sind die Texte entstanden.“ Texte zum Beispiel über eine Prinzessin, die lieber ein Tier sein wollte, weil Tiere die eigentlich höher entwickelten Lebewesen sind, und die eines Tages Goldlöffel und Satinbett verschmäht und lieber auf dem Boden schläft. Ein Leporello von Tschaikner lässt Ruth Kanamüller sich signieren:

„In Erinnerung an ein wunderbares Picknick in der Alten Stickerei.“ „Ich habe mir das Datum dazuschreiben lassen, weil das für mich ein wunderbarer Tag ist“, sagt Kanamüller und sieht zutiefst zufrieden aus. Nachdem Bianca Tschaikner Bäume als Widmung gemalt hatte, meinte sie zu Kanamüller: „Mögen die Bäume noch viele Früchte tragen!“ „Tatsächlich habe ich letzten Herbst bei diesem Nussbaum schon Nüsse aufgesammelt… Jetzt beginnt hier unsere Nacharbeit, Kontakte halten und aufbauen und erste Früchte unserer Arbeit ernten. Es sind viele Ideen im Raum, ich bin gespannt, was sich herausschälen wird“, meint diese.
Ein Ort für Null- bis Hundertjährige soll das hier werden. Über die beiden Orientteppiche innen sollen noch viele Füße gerne gehen, weitere Teppiche dürfen sich gerne noch hinzugesellen.

Gute Stimmung und interessante Gespräche in der alten Stickerei. <span class="copyright">Jaeneke</span>
Gute Stimmung und interessante Gespräche in der alten Stickerei. Jaeneke

Besucherin Agnes Abolina, ist begeistert: „Wir wohnen zusammen mit Bianca Tschaikner in Dornbirn. Wir sind wegen ihr hier, ich wusste gar nicht, dass das hier so ein toller Ort ist. Ich komme aus Lettland, dort habe ich an einem ähnlichen Ort gearbeitet. Dort gab es Konzerte und Theater und eine rege Community mit Improvisationstheater und Jamsessions. Hier könnte ich mir zum Beispiel Malkurse und anderes für Kinder und Jugendliche vorstellen. So etwas fehlt uns als Gesellschaft, wir sind viel zu sehr vereinzelt und nach Alter getrennt.“

Ideen für die Zukunft

Auf Packpapier steht auf einer Tafel geschrieben: „Was soll an diesem Ort geschehen?“ Vorschläge finden sich darunter, einige haben eigene Ideen dazugeschrieben. „Makerlab“, „Ausstellungen“. Die meisten Zustimmungskleber haben „kulinarische Events – interkulturell“, „Jugendtreff“ und „Konzerte“ erhalten. Der Bürgermeister erzählt von Anfragen für Hochzeiten oder andere private Events. Das lehnt er aber ab: „Das hier soll offen für alle sein und bleiben.“ In erster Linie soll das Angebot für Fußacherinnen und Fußacher sein. Anderen wird aber nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das Programm für Sommer und Herbst wird derzeit ausgetüftelt. Ideen sind willkommen.

Feedback

Die sechs Stickerinnen, so nennen sich die Organisatorinnen, freuen sich über Kommentare, Ideen und Begeisterung. Es sind Ruth Kanamüller, Andrea Cukrowicz, Carmen Schrötter-Lenzi, Lisbeth Rohner, Hülya Arslan und Ulli Laine-Valentini. Sie wollen nicht vorgeben, was gemacht wird, sondern, dass viele den Faden aufnehmen und das Programm gemeinsam spinnen. „Mir ist es wichtig, dass sich an diesem Wochenende viele untereinander kennenlernen konnten. Der Sinn der Sache ist es, etwas miteinander zu machen“, erklärt Hülya Arslan.Und Andrea Cukrowicz erklärt: „Es geht um die unkomplizierte Begegnung. Meine Kinder sind groß, ich bin bereit, ehrenamtlich Zeit zu investieren.“