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Alle sind Täter und Opfer

Kommentar. Der 6-Tage-Krieg vom 5. bis 10. Juni 1967 verkehrte die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten in ihr Gegenteil. Von Wolfgang Sotill

Nakba“, die „Katastrophe“, wie die Araber die Gründung des Staates Israel und die damit verbundene Niederlage von fünf arabischen Armeen bezeichnen, lag gerade erst 19 Jahre zurück, da musste die arabische Welt im Juni 1967 erneut anerkennen, dass sie trotz einer mehrhundertfachen zahlenmäßigen Überlegenheit keine Chance gegen den winzigen Judenstaat hatte. In nur sechs Tagen eroberte Israel von Ägypten den Sinai und den Gazastreifen, von Jordanien das Westjordanland mit der Altstadt von Jerusalem sowie von Syrien die Golanhöhen. Immerhin eine Fläche, die mehr als drei Mal so groß war wie die des eigenen Landes.

Die Vorgeschichte begann damit, dass Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser den Abzug der UNO-Beobachter vom Sinai verlangte. Die ägyptische Militarisierung der Halbinsel Sinai wertete die Regierung in Jerusalem als Vorzeichen für einen arabischen Angriff, dem sie zuvorkommen wollte. Am 5. Juni 1967 startet um 7. 45 Uhr die israelische Luftwaffe und zerstört innerhalb von 24 Stunden 416 arabische Kampfflugzeuge. Am 10. Juni endete der vom UN-Sicherheitsrat verfügte Waffenstillstand. Die menschliche Bilanz: Die arabischen Staaten hatten rund 21.000 Tote und 45.000 Verwundete zu verzeichnen, Israel 779 Tote und 2600 Verwundete. An allen drei Fronten machten die Israelis 6000 Kriegsgefangene, die Araber ergriffen 15 Israelis. Dabei sind den Kriegstoten auch jene Soldaten hinzuzuzählen, die von Israel gezwungen wurden, sich schwimmend über den 215 Meter breiten Suezkanal an dessen Westufer zu retten. Dort aber hatte Kairo Soldaten stationiert, deren Aufgabe es war, ihre flüchtenden Kameraden zu erschießen. Diejenigen, die sich dennoch ans Ufer retten konnten, wurden in Lager in der Wüste kaserniert.

Wie andere Kriege, die Jahrzehnte zurückliegen, könnte auch jener vom Juni 1967 längst abgeschlossen sein. Das ist er aber nicht, denn die Folgen sind bis heute deutlich spürbar. Die wichtigsten sind: Jerusalem ist nach Jahren der Trennung wieder vereint, im Westjordanland leben 500.000 Israelis in Siedlungen, die Palästinenser wollen einen eigenen Staat, und Israel wird von vielen Menschen ausschließlich als Aggressor und Unterdrücker der Palästinenser wahrgenommen. Das mag einer der Gründe sein, warum es hierzulande auch unterschiedliche Standards in der Terror-Diskussion gibt. Wenn in England, in Frankreich, in Deutschland unschuldige Menschen von Terroristen getötet werden, dann zeigt sich die ganze westliche Wertegemeinschaft tief betroffen. Wenn in Israel ebenso unschuldige Kinder, Frauen, Pensionisten getötet werden, dann hört man an den Stammtischen und liest in den sozialen Medien, die Juden seien doch selbst dafür verantwortlich, denn sie würden mit den Palästinensern verfahren wie einst die Nazis mit ihnen. Abgesehen davon, dass dies weder qualitativ noch quantitativ richtig ist, ist es keineswegs legitim, eine Verbindung zwischen unschuldigen Terroropfern und der Politik eines Staates herzustellen.

Eine radikal einseitige Solidarität mit der vermeintlich schwächeren Opfergruppe ist zudem geradezu zynisch. Denn die logische Konsequenz lautet: Jener Konfliktpartei, deren Anzahl an Toten höher ist, gehört unser Mitgefühl. Dies war nach 1945, als sich die Tore von Auschwitz geöffnet haben und die Gräuel der Nazis öffentlich wurden, bei den Juden der Fall. Seit 1967 gilt das „Mitleid“ den Palästinensern. Was einen israelischen Buchhändler in Jerusalem zu der Äußerung provoziert hat: „Wenn die Araber ein paar Hunderttausend von uns umbringen, dann wird die Welt wieder auf unserer Seite stehen – aber darauf können wir gerne verzichten.“

Der Ausstieg aus der ausschließlich auf eine Konfliktpartei hin ausgerichteten Solidarität liegt in einer neuen Sichtweise: Nicht die eine Seite ist immer das Opfer und die andere immer der Täter. Es gibt in diesem Konflikt eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grauschattierungen.

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