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Die Geier-Wally

Es kommt selten vor, dass ich ohne Kinder unterwegs bin. Eine liebe Freundin hatte mich zum traditionellen Sekttag nach Wiesbaden eingeladen. Der erste Höhepunkt war der Besuch eines Pubs, wo die Gäste nicht nur mit vielerlei Sorten Bier, sondern auch mit Hardrock-Musik verwöhnt werden. Nun bin ich zwar generell kein Fan dieser Musikrichtung, sah mich aber angesichts der Lärmkulisse wenigstens der Notwendigkeit enthoben, mit mir zwar sympathischen, aber doch wildfremden Menschen Konversation zu führen.

Das Publikum wies altersmäßig eine Bandbreite von zwei bis 70 Jahren auf. Als ich mich gerade mit der Mutter der kleinen Rebecca über deren sprachliche Entwicklung unterhielt, ging an unserem Tisch ein Raunen um: „Die Wally ist da!“ Sofort wurden Bierkrüge und Schorlegläser emporgerissen, um den Neuzugang zu begrüßen, eine sehr kleine Endfünfzigerin mit raspelkurzen rot gefärbten Haaren und beängstigend tiefem Dekolleté. Wally bahnte sich ihren Weg durch die Menge ihrer Freunde. Als sie meiner ansichtig wurde, stellte sie ihr Glas ab und klatschte in die Hände: „Was haben wir denn da für niedliches Sahneschnittschen?“

Nun habe ich in meinem Leben bereits einige brenzlige Situationen einigermaßen erfolgreich gemeistert, war aber in diesem Moment doch ein wenig starr. Mit Wally assoziierte ich spontan den Heimatroman von der Geierwally, einer durch ihr Schicksal verhärteten Einzelgängerin, die lediglich mit ihrem Lämmergeier Hansl vertrauten Umgang pflegt. Als mir mein Sitznachbar zuflüsterte, dass Wally Kreismeisterin im Kickboxen ist, ihr Beuteschema junge Männer um die 30 vorzugsweise mit Fitnessstudio-Body sind und sie Ausländern und Kindern eher distanziert gegenübersteht, war mir klar, dass ich hier eine absolute Fehlbesetzung war.

Meine Erleichterung war groß, als ich Wallys verklärtem Blick folgte und hinter mir einen hünenhaften, langhaarigen Jüngling mit weißem Muskelshirt sah. Ich überließ ihm Wally kampflos und zog mich in Ermangelung eigener Enkelkinder mit Rebecca zum Spielplatz zurück. So weit reichte nicht einmal der Heavy-Metal-Sound.

Sie erreichen den Autor unter: g.hofmann-wellenhof@gmx.at

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