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Wissen ist Macht

Die moderne Freimaurerei feiert ihren 300. Geburtstag. Warum die Freimaurer gefürchtet sind und was sie antreibt. Ein Blick hinter die Logenmauern. Von Susanne Rakowitz

Ein bisschen perplex ist man schon, wenn einem die Türen so weit offen stehen und die Menschen freundlich sind. Vor allem: Nirgendwo huschen hier dunkle Gestalten durch die Gänge. Aber was hat man eigentlich erwartet, hier in der United Grand Lodge of England, der Mutter der meisten Freimaurerlogen, mitten in der Londoner Innenstadt? Dass das berühmte alles sehende Auge höchstpersönlich den Sicherheitsscan vornimmt?

Es ist ein latentes Misstrauen, das den Freimaurern entgegenweht. Dass das hauseigene Museum, die Gratis-Führungen und ein Freimaurer-Shop eine Prophylaxe gegen Verschwörungstheoretiker aller Art sind, daran glaubt hier niemand. Dass man in deren Charts auf ewig einen Top-Drei-Platz als heimliche Weltbeherrscher und Strippenzieher innehaben wird, nimmt man hier gelassen zur Kenntnis.

Auch, weil mein weiß, dass man weit schlimmere Stürme überstanden hat, seit am 24. Juni 1717 vier Logen im „Goose and Gridiron Ale House“ in London den Grundstein für die moderne, „spekulative Freimaurerei“ gelegt haben.

Gegeben hat es diese Vereinigung freilich schon viel länger: als Weiterentwicklung der mittelalterlichen Dombauhütten, die irgendwann nicht mehr nur als Raum für Handwerkswissen fungierten, sondern immer öfter auch zu Orten alternativer Denkmodelle wurden. Dass ihre Mitglieder neben dem Adel auch aus dem Bürgertum kamen, war den Mächtigen immer öfter ein Dorn im Auge. Vielleicht weniger wegen der Anonymität oder des sie umgebenden, scheinbar undurchsichtigen Konstrukts aus Symbolen und Ritualen, sondern vielmehr wegen der Dogmen, denen man sich verschrieb: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenliebe und Toleranz.

Von der Kirche über absolutistische Herrscher bis hin zu den Nationalsozialisten: Die Freimaurer waren in ihrer Geschichte weniger oft die Herrscher denn die Beherrschten. Sind die Freimaurer als politische Gegenmacht zu sehen? „Ich würde die Freimaurer in keiner Weise als politische Gruppe ansprechen im Sinne von parteipolitisch. Zweifellos ist aber dort, in dieser Verpflichtung zur Toleranz, eine gewisse Liberalität zu erkennen. Das steht klar im Widerspruch zum antiliberalen Klima, das zu unterschiedlichen Zeiten im mitteleuropäischen Raum herrschte“, beschreibt Historiker und Freimaurer-Experte Dieter A. Binder das „Bedrohungspotenzial“ durch die Freimaurer.

Auch wenn die Mitgliedschaft in den Logen bisweilen lebensgefährlich werden konnte, stoppte das den Zulauf nie. Berühmte Schriftsteller wie Oscar Wilde oder der Komponist Mozart, Wissenschaftler wie Isaac Newton, Philosophen wie Voltaire, aber auch Politiker wie George Washington oder Winston Churchill waren Freimaurer.

Doch was geschieht hinter den Türen dieser Freimaurerlogen? Ein Personalexperte würde sagen: Selbstmanagement. Die eigene Persönlichkeit, sie ist nicht in Stein gemeißelt, im Gegenteil. Für die Freimaurer ist der Mensch symbolisch gesehen ein rauer Stein, der in der Loge durch Beschäftigung mit Wissen und Diskurs geschliffen wird. Noch wichtiger: Mit diesem Wissen sollen sich die Logenbrüder in den Dienst der Gesellschaft stellen. „Die Freimaurerei versteht sich als Angebot, Impulse in sein eigenes Leben zu bringen“, so Georg Semler, Großmeister der Großloge von Österreich. „Jeder Freimaurer übernimmt die Verpflichtung, an sich zu arbeiten und ein besserer Mensch zu werden. Die anderen liefern, etwa durch einen Vortrag, Impulse. Dadurch kann er ein Stück weit in seinem Bereich Einfluss nehmen. Das versetzt natürlich keine Berge, da sind wir keine Illusionisten, keine Traumtänzer.“

Und doch haben die Denkschulen der Freimaurer ihre Spuren hinterlassen. Ein von Historikern gern genanntes Beispiel: die Französische Revolution. Die Freimaurer sind hier in der Rolle der Ideengeber zu sehen. „Die Aufklärung und die Freimaurer, die haben sich ein bisschen im Geiste gefunden und sind dann ein Stück des Weges gegangen“, so Semler. In der heutigen Zeit würde man sie vermutlich als Influencer bezeichnen. Auch wenn die Freimaurer und ihre uralten Rituale (siehe nächste Seite) das vordergründig nicht vermuten lassen, so sind sie doch längst im 21. Jahrhundert angekommen. Die Agenda ist so aktuell wie vor 300 Jahren, wie Großmeister Semler die Herausforderung skizziert: „Ich glaube, dass die Errungenschaften der Aufklärung, auf die wir uns gerne beziehen, einfach ein Revival brauchen. Wir brauchen eine Aufklärung 2.0.“

Ein Denkauftrag, der zu allen Zeiten auch außerhalb der Logenmauern gilt. Am besten hält man sich an Freimaurer Goethe, der seinen Wilhelm Meister während seiner Wanderjahre erkennen lässt: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.“

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