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Der Tod kam um 2 Uhr in der Nacht

Vor 100 Jahren begann die letzte Schlacht, die Österreich-Ungarn gewann. Eine Spurensuche im Sočatal, dem Schauplatz der Isonzofront. Von Uwe Sommersguter

Die 360-Grad-Aussicht vom 1169 Meter hohen Kolovrat raubt einem an diesem klaren Oktobertag den Atem: die schroffen Berge der Julier, die Friauler Ebene, das Hügelland des Collio und der matte Glanz der Adria: Europa auf einen Blick. Im satten Grün des Berggipfels ein Stein, der die Grenze zwischen Italien und Slowenien markiert. Am Grat entlang führt der Alpe-Adria-Trail, neuerdings Zufluchts- und Sehnsuchtsort für Wanderer. Nur ein paar Schritte entfernt klaffen verräterische Wunden im Berg: Erd- und Laufgräben, Kanonenstellungen, Befestigungen und Kavernen, in das verwinkelte Dunkel des Berges geschlagen, legen Zeugnis von Schlachten und vom Abschlachten des Ersten Weltkriegs. Dem Kolovrat heftet das Etikett des Schicksalsbergs an, einer der Schauplätze, die, je nach Lesart, für das „Wunder von Karfreit“ oder die Katastrophe von Caporetto – das italienische Wort für Kobarid – stehen. Hier stand die dritte Verteidigungslinie der italienischen Abwehr. Mit dem Durchbruch der Deutschen ging einst der Isonzokrieg zu Ende. Julische Alpen und der Isonzo – Soča auf slowenisch – sind stumme Zeugen einer Tragödie, die sich hier vor 100 Jahren zutrug. 300.000 Soldaten starben an der Isonzofront, Töten und Sterben als patriotische Pflicht.

Der zwölften, finalen Schlacht ging die blutigste voraus. Die italienische Armee war noch nie so stark gewesen wie im August 1917, als sie zur, so der Plan, entscheidenden Schlacht ansetzte. Zehnmal hatte Italien vergeblich versucht, ein Einfallstor ins österreichische Kernland zu schlagen, und sich mit geringen Geländegewinnen zufriedengeben müssen. Die Isonzoarmee konnte den Durchbruch der Italiener erneut, mit letzter Kraft, verhindern, die 27 Tage währende Auseinandersetzung war die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung aller Zeiten auf slowenischem Boden.

Die Ausgangslage

Am 13. September 1917 war die elfte Schlacht geschlagen, der Blutzoll auf beiden Seiten enorm, Desertionen und Kapitulationen an der Tagesordnung. Die sieglose italienische Heeresführung war jedoch überzeugt, die nächste Offensive werde der geschwächten Monarchie das Genick brechen. Auch Österreichs Kaiser Karl sah ein, ohne Mitwirkung des Deutschen Reichs stünde der militärische Zusammenbruch Österreich-Ungarns bevor. Unter dem Decknamen Waffentreue liefen ab 9. September 1917 die Vorbereitungen für den Gegenangriff am Oberen Isonzo. Die deutsche Heeresführung schickte sechs Infanterie- und eine Jägerdivision, gemeinsam mit den fünf österreichischen Divisionen wurden sie zur neuen 14. Armee vereint.

Der Hauptangriff sollte über Bovec (Flitsch) und Tolmin (Tolmein) erfolgen. Dieser Frontabschnitt im Schatten der Julier sollte zu diesem Zeitpunkt zu Europas bedeutendstem Kriegsschauplatz werden. Verantwortlich für diese Offensive zeichneten zwei deutsche Männer, die – trotz späterer Niederlage im Ersten Weltkrieg – die Geschicke ihres Reiches auf fatale Weise mitbestimmen sollten: General Erich Ludendorff und Feldmarschall Paul Hindenburg.

Die Vorbereitungen

100 Jagdflugzeuge, sechs Ballone und Flugabwehreinheiten wurden von den Deutschen an die Isonzofront verlegt, Luftaufnahmen ausgewertet, um die italienischen Abwehrstellungen auszukundschaften. Um den italienischen Nachrichtendienst zu verwirren, sendete man Einheiten zuerst nach Südtirol, dann nach Triest und an den Karst. Tatsächlich wurden die Truppen im Hinterland konzentriert, teils im Raum Bled und Krainburg, zum Teil im Raum Villach und im Klagenfurter Becken und an der Drau. Transporte von Material an die Frontlinie konnten nur nachts durchgeführt werden. Binnen vier Wochen standen 2400 Züge mit 100.000 Waggons und 70.000 Pferde für den Transport bereit. Kaum vorstellbar, welche Anstrengungen die Soldaten auf sich nahmen, um Mörser, Granaten, Kanonen und Haubitzen in die Stellungen der Gebirgsfront zu verfrachten.

Ab dem 10. Oktober erschwerte sich der Aufmarsch weiter, es regnete unentwegt, Nebel und Kälte zogen ein im Gebirge. Deutsche Divisionen begannen, weil die Eisenbahnlinien überlastet waren, am 14. Oktober über den Loibl- und Seebergpass in kräftezehrenden Nachtmärschen, mit 35 Kilogramm Ausrüstung im Gepäck, den Weg an die Front. Viele Soldaten erkrankten in ihrer durchnässten Kleidung. Wegen Verzögerungen und der schlechten Moral musste der Angriff um zwei Tage auf den 24. Oktober verschoben werden. Die Kommandozentrale wurde im slowenischen Kranj (Krainburg) eingerichtet, sie stand in direktem telefonischem Kontakt zur Armeebeobachtungsstelle an der Front auf 1475 Meter Höhe.

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