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„Passt gut auf, sonst kommt der Bernhard!“

Thomas Bernhard kaufte einst in Ohlsdorf einen Vierkanthof. Zwei Filmemacher nähern sich dem Dichter an – über die Menschen des Dorfes und deren Erinnerungen an ihn. Von Luigi Heinrich

Sie lernten einander bei einem Seminar kennen: David Baldinger, Kulturmitarbeiter bei Ö 1, und Matthias Greuling, Filmjournalist und Gründer des Magazins „celluloid“. Baldinger erzählte dem Kollegen, dass er am Nachbarhof des Thomas-Bernhard-Hauses im oberösterreichischen Ohlsdorf aufgewachsen war. Aus diesem Gespräch resultiert die Filmdoku „Der Bauer zu Nathal“, die jetzt in Wien Premiere feierte. Das Duo finanzierte das Projekt via Crowfunding. Man brauchte 12.000 Euro, 15.000 sind es geworden. Am Sonntag, 15. April, 13.30 Uhr, findet im Grazer Filmzentrum im Rechbauerkino eine Matinée statt, Filmführung und Gespräch mit den Regisseuren inklusive (Tickets zu acht Euro erhältlich unter filmzentrum@filmzentrum.com oder Tel. 0316 83 05 08).

Bitte um Klärung der Begriffe. Bernhards Haus steht in Ohlsdorf. Wieso dann Nathal?

DAVID BALDINGER: Ganz einfach: Nathal ist ein Ortsteil von Ohlsdorf. Es gibt ein Obernathal, wo der Bernhard-Hof steht, und vis-à-vis liegt Unternathal. Dort habe ich gewohnt. Zwischen 1965 und seinem Todesjahr 1989 war Bernhard unser Nachbar. Ich bin Baujahr 1977.

Und wie haben Sie ihn erlebt?

BALDINGER: Sozusagen aus den Augenwinkeln. Er war kein sehr präsenter Nachbar. Das habe ich, wie andere Kinder auch, mitgekriegt. Eher ein Mann, den „man nicht anredete“.

Warum?

BALDINGER: Weil man spürte, dass er einen Sonderstatus hatte. Wir registrierten, dass er einen jagdgrünen Mercedes fuhr und „nicht freundlich schaute“. Er hatte für uns ein Krampus- oder Beelzebub-Image, so, als ob man uns beigebracht hätte: „Passt gut auf, sonst kommt der Bernhard!“

Sie betonen: „Das ist k e i n Film über Thomas Bernhard!“ Warum?

MATTHIAS GREULING: Weil es um die Leute geht, die ihn umgaben und aus denen er künstlerisch geschöpft hat.

Das berühmte Haus hat Thomas Bernhard selbst umgebaut?

BALDINGER: Ja, mit allen möglichen Materialien, die er in den „Stoanahöhlen“ im Wald gefunden hat. Was den Erwerb des Grundstückes betraf, hat er mit meinem Opa verhandelt, weil der ein Garant dafür war, dass die Gespräche für einen Dichter möglichst komplikationslos verliefen. Ich erinnere mich auch noch, dass wir das Stück Land zwischen Ober- und Unternathal als „Bohrinsel“ bezeichneten, weil man dort einmal nach Erdgas gebohrt hatte. Ich persönlich habe mich immer gefragt: Warum zieht ein Dichter auf ein stinkertes Landstück zwischen Papierfabrik und Autobahn?

Was den filmischen Zugang zu den Menschen von Ohlsdorf betrifft, war wohl David verantwortlich?

BALDINGER: Ja, das war mein Heimatbonus. GREULING: Da reichte es, wenn wir am Donnerstag anriefen und unser Kommen für Sonntag ankündigten. Man hat uns immer unterstützt, und wir konnten Motive filmen, die man so noch nicht gesehen hat.

Was das Haus betrifft, hatte Bernhard eine grüne und eine rote Phase?

BALDINGER: Ja, erst die grüne, dann die rote. So hat er alles eingerichtet, und so hat er sich auch gekleidet. Anfangs wie ein Landedelmann.

Obwohl es längst unbewohnt ist, würden Sie sagen, dass dieses Haus „lebt“?

GREULING: Ja, es ist Dreh- und Angelpunkt, Spiegel seiner Seele.

Ihr Film beginnt und endet mit dem Totengräber, der hauptberuflich Landwirt ist.

GREULING: Er ist unser Antagonist, war anfangs ein heftiger Bernhard-Gegner. „Der gehört in einen Misthaufen eingegraben“, hat er einst gesagt. In seiner Ignoranz ist der Totengräber eine perfekte Bernhard-Figur. Wir haben ihn und den „Kirchenwirt“ Josef Fürtbauer, einen leidenschaftlichen Fan und Fürsprecher des Dichters, 2013 – ja, so lange arbeiteten wir schon an diesem Film – zu einer Vorpremiere von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ ins Burgtheater eingeladen. Da war der Totengräber zwar einigermaßen beeindruckt, aber Bernhard-Fan ist er trotzdem nicht geworden.

Thomas Bernhard wurde nie Ehrenbürger von Ohlsdorf, kein Platz, keine Straße ist nach ihm benannt. Wie das?

BALDINGER: Ja, richtig. Er ist dort allgegenwärtig und auch wieder nicht. Die Bürgermeisterin Christine Eisner erklärt das sehr einleuchtend. Ohlsdorf sei ein von Bernhard selbst gewähltes Biotop, das mit den Nachwirkungen seiner Kunst leben muss. Ungefragt. Diese Zwangsbeglückung ist auch heute noch spürbar. Organisch einverleibt hat die Gemeinde den großen Sohn noch immer nicht. Manches wächst ihnen dort über den Kopf.

Der Dorfwirt sagt über Thomas Bernhard, er sei ein „großer Gent“ gewesen, und mit den Frauen habe er „umgehen können“…

BALDINGER: Und die Frau Wirtin liefert zusätzlich einen amüsanten Kommentar. Wenn Thomas Bernhard geheiratet hätte, wäre er nicht so weit gekommen. Aber, meint sie: „Er hat’s gehabt mit den Frauen. Doch wenn er schlecht aufgelegt war, hat er gesagt, sie sollen wieder gehen.“

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