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„Tank Girl will keinem gefallen“

Mit Tank Girl und den Gorillaz prägte er die Popkultur – inzwischen dringt der Comiczeichner Jamie Hewlett auch in die Welt der klassischen bildenden Kunst vor. Ein Gespräch über nackte Feministinnen und den Charme von Frauen mit Maschinengewehren. Von Steven Geyer

Jamie Hewlett einen Comiczeichner zu nennen, ist so treffend wie unzureichend: Tatsächlich wurde der Brite bekannt als Erfinder von Tank Girl, einer Punk-Göre mit Panzer, Gewehr und Sex-Appeal, die seit Ende der 80er in Hewletts Comic-Serie durch ein postapokalyptisches Australien rauschte – und erst zur Vorreiterin und dann zum Maskottchen der Riot-Girl-Bewegung und Anti-Fashion-Welle der 90er-Jahre wurde.

Weltberühmt wurde Hewlett dann durch eine virtuelle Band: Mit seinem Kumpel und Mitbewohner, dem Blur-Sänger Damon Albarn, erfand er die Gorillaz – vier Comicfiguren aus der Feder Hewletts, die auf echten Platten Songs veröffentlichen, die Albarn schreibt und die sich längst millionenfach verkauft haben. Seit einigen Jahren dringt Hewlett allerdings auch in die klassische Kunstwelt vor: Erst gemeinsam mit Albarn, als die beiden eine chinesische Oper adaptierten, inzwischen auch als Maler, Zeichner und Grafiker mit Ausstellungen in renommierten Galerien und nun sogar einem eigenen Kunstband.

Mr. Hewlett, Ihr neuer Kunstband beginnt mit Ihrem Anarcho-Comic „Tank Girl“, dessen Heldin schon vorab die spätere Girl-Power-Bewegung verkörperte. Im Buch heißt es, Björk und Courtney Love seien Fans gewesen und viele junge Frauen hätten Tank Girl damals in den frühen 90er-Jahren als „inoffizielles Maskottchen ihrer Selbstermächtigung“ gesehen. Hatten Sie reale Vorlagen für die Figur des Tank Girl?

Jamie HEWlett: Tank Girl stellt einfach die Art Frau dar, die ich selbst immer faszinierend fand: Frauen, vor denen andere Männer Angst hatten. Ich bin schon mit vielen starken Frauen aufgewachsen, und dann, in der Schule, so mit 10, 11 Jahren, war ich hingerissen von diesem Skinhead-Mädchen ein paar Klassen über mir. Ihr Kopf war geschoren, sie trug Doc-Martens-Stiefel und war knallhart. Sie war aufregend, strahlte aber auch Macht aus: Keiner hat sich mit ihr angelegt. Auf der Kunsthochschule traf ich dann die verschiedensten Frauen: ausgeflippte, feierwütige, intellektuelle; sie redeten Klartext, ließen sich nichts gefallen. Ich genoss ihre Gesellschaft, sie inspirierten mich.

Mehr als die Stil-Ikonen aus Film und Pop?

Ich glaube schon. Natürlich bin ich in einer Zeit mit starken Frauenfiguren in der Popkultur aufgewachsen wie Debbie Harry und Susie Suh und anderen Punk- und New-Wave-Künstlerinnen. Aber auf Ideen für meine Kunst brachten mich eher die Menschen aus Fleisch und Blut. Bei Stars musst du dem Bild auf der Leinwand oder dem Poster glauben. Heute ist es noch schlimmer: Wer in den Medien ist, spielt eine Rolle. Mit der wahren Persönlichkeit hat das oft nichts mehr zu tun – so kamen wir ja auf die Gorillaz: Wenn Popstars schon „fake“ sind, wollten wir gleich eine ganze Band frei erfinden. Sicher, da flossen auch Figuren wie Keith Richards ein. Aber am prägendsten waren doch die Leute, mit denen ich oft redete und abhing.

„Tank Girl“ galt damals durchaus als feministisch und kämpferisch. Aber wenn man die Comics nun wieder liest, kommt vieles aus heutiger Sicht im Pin-up-Stil daher: nackte Haut, sexy Posen, anzügliche Sprüche. Ist das kein Widerspruch?

Nein, das sollte ja ein Seitenhieb auf einige meiner männlichen Zeichnerkollegen sein, die in ihren Superhelden-Comics sehr sexy Frauen in sehr engen Kostümen zeigten – ohne im wahren Leben je ernsthaft mit einer Frau gesprochen zu haben. Tank Girl sah auf den ersten Blick auch so aus – nur ist ihr Schädel rasiert, sie ist vulgär, hat mal einen abgebrochenen Zahn, mal ein blaues Auge. Klar ist sie sexy, sie ist eine Frau. Aber sie schert sich um nichts und will keinem gefallen: Sie hat Sex mit einem mutierten Känguru! Das fanden wir damals witzig.

Die jüngste feministische Bewegung, „MeToo“, hat in Ihrer Wahlheimat Frankreich eine besondere Reaktion ausgelöst: In einem Text, den „Le Monde“ abdruckte und den über 100 prominente Französinnen um die Schauspielerin Catherine Deneuve unterschrieben, hieß es, „MeToo“ habe totalitäre Züge und gefährde das Flirten an sich. Es gebe ein Recht auch auf „hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten“.

Ich war ja ganz nah dran bei der Genese der Enthüllungsgeschichte des „New Yorker“-Magazins über Harvey Weinstein: Meine Ehefrau, Emma de Caunes, war unter den Ersten, die ihre eigenen unangenehmen Erlebnisse mit Weinstein darin öffentlich machten. Viele seiner Opfer hatten Angst, ihre Klarnamen zu nennen, weil Weinstein so einflussreich war. Sie haben es sehr lange untereinander und mit den Autoren debattiert; und auch ich habe mit meiner Frau lange darüber gesprochen. Am Ende sagte sie: Er muss entlarvt werden, und ich werde mit meinem Namen dazu stehen – wenn es nach hinten losgeht, sei’s drum. Seitdem ist das Ganze regelrecht explodiert. Natürlich kann es unter den Unmengen wahrer Geschichten misshandelter Frauen auch Trittbrettfahrer mit ausgedachten Beschuldigungen geben. Und natürlich ist es ein großer Unterschied, ob ein Schauspieler etwas Unhöfliches zu einer Frau gesagt hat oder ob jemand eine Frau tatsächlich vergewaltigt oder es versucht hat. Wenn man diese Grenzen verwischt, droht eine Hexenjagd …

Also geben Sie Deneuve & Co. in dem Punkt Recht, wo sie „MeToo“ Hysterie und Prüderie vorwerfen?

Nein, kein bisschen! Stellen Sie sich vor: Einige der Unterzeichnerinnen behaupten, dass eine Frau selbst aus einer Vergewaltigung einen gewissen Gefallen ziehen könnte. Unfassbar. Aber das ist die alte Riege. So wie diese – mit Verlaub – älteren Frauen zu ihrer Zeit behandelt wurden, geht man heute nicht mehr miteinander um. Ich verstehe auch nicht, wie eine Frau sagen kann, dass es okay ist, wenn ein Mann dich anfasst oder sich in der Metro an dir reibt. Es wirkt dämlich auf mich, den Männern fast schon Absolution für ihr schlechtes Verhalten zu erteilen. Diese Frauen schreiben darüber, ihre Töchter nicht zu Opfern, sondern zu selbstbewussten Frauen zu erziehen, denen das nichts ausmacht. Wie sie ihre Söhne erziehen wollen, dazu gibt es kein Wort.

Vielleicht sollte „Tank Girl“ für alle Jungs zum Pflichtstoff in der Schule werden. Da kann man zumindest lernen, was Aggression und Macht von Flirts und Sex unterscheidet.

Genau! (lacht) Alles, was ein Mann nicht mehr zu einer Frau sagen würde, wenn sie ein Maschinengewehr über der Schulter hat, ist wahrscheinlich kein Flirten.

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