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Ein Prinz mit Charme und eiserner Faust

Der junge saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ist der neue starke Mann in Riad. Er lässt mit Reformen zugunsten der Frauen aufhorchen – zugleich fährt er einen autoritären Kurs, mit dem er seine Macht ausbaut. Von Nina Koren

Ultrakonservativ, reich, mit greisen Königen an der Spitze: Das war über lange Jahre das Bild, das die Öl-Monarchie Saudi-Arabien nach außen hin abgab. Das gesellschaftliche Leben geprägt vom Wahhabismus – einer besonders strengen Auslegung des sunnitischen Islam, der das öffentliche und private Leben, vor allem jenes der saudischen Frauen, massiv einschränkt. Doch nun ist alles anders: Vor zehn Monaten hat König Salman (82) seinen Sohn Mohammed bin Salman al-Saud zum Kronprinzen ernannt – und seitdem, so scheint es, setzt der Wüstenstaat doch noch zum Sprung ins 21. Jahrhundert an. Der 32-jährige Prinz hat es sich zum Ziel gesetzt, die verkrustete Öl-Monarchie umzubauen. Im Wochentakt kündigt er Änderungen an, die durch die Weltpresse gehen. Jüngstes Beispiel: Am Mittwoch wurde in Riad die erste Damenmodewoche eröffnet – zwar nur für weibliches Publikum, aber immerhin eine Unterhaltungsveranstaltung für Frauen. Die Kleiderordnung für Frauen schrieb in der Öffentlichkeit bisher den langen, schwarzen Mantel Abaja vor. Der strenge Schleierzwang begrenzte den Spielraum für Modisches erheblich. Doch gerade auf diesem Gebiet kündigte der Kronprinz Änderungen an – es soll Lockerungen der Bekleidungsvorschriften geben. Und nicht nur das: Gegen den Willen der religiösen Führer kippte der neue Kronprinz endlich das aus westlicher Sicht anachronistische Frauen-Autofahrverbot. Ab Juni dieses Jahres dürfen Frauen endlich auch in Saudi-Arabien selbst ans Steuer. Zudem sollen sie künftig ohne Erlaubnis eines Mannes Unternehmen gründen dürfen. Im Jänner durften Frauen zum ersten Mal Fußballspiele in öffentlichen Stadien besuchen. Zudem soll es wieder öffentliche Konzerte und Kinovorführungen geben – unter Teilnahme der Frauen. Und dann lebt der neue starke Mann der Saudis auch noch, im Gegensatz zu vielen Landsmännern, monogam: Eigenen Aussagen zufolge ist er mit nur einer Frau verheiratet. Der 32-Jährige ist Vater zweier Söhne und zweier Töchter.

Endgültig verblüfft hat MBS, wie er oft genannt wird, aber in einem Interview mit dem US-Magazin „The Atlantic“, in dem er im krassen Gegensatz zur bisherigen Linie des Königshauses Israel das Existenzrecht zusprach. Er sei überzeugt, dass „Palästinenser und Israelis das Recht auf ihr eigenes Land haben“, sagte Kronprinz Mohammed bin Salman. Aus saudischer Sicht ein epochaler Schwenk.

„Prinz Charming“ und einen Frauenversteher nannten ihn jüngst deutsche Medien. Doch ob Mohammed bin Salman zum Traumprinzen taugt? Fesch mag er ja sein. MBS tritt gerne dynamisch und modern auf, gelegentlich auch geschäftsmäßig in Hemd und Sakko und mit Akten unterm Arm. Seit 2015 hat er einen kometenhaften Aufstieg hingelegt, Konkurrenten ausgeschaltet und zielstrebig am Ausbau seiner Macht gewerkt. Zunächst Verteidigungsminister, hält er heute den gesamten Sicherheitsapparat unter seiner Kontrolle und genießt das volle Vertrauen seines Vaters.

Mit seinem Reformeifer reagiert der Kronprinz auf das veränderte wirtschaftliche Umfeld. Die saudi-arabische Wirtschaft ist fast vollständig vom Ölexport abhängig, mit dem das Königreich rund 90 Prozent seiner Einnahmen erwirtschaftet. Niedrige Preise haben in den letzten Jahren jedoch sichtbar gemacht, wie verwundbar die saudi-arabische Wirtschaft geworden ist. Um gegenzusteuern, kündigte Mohammed bin Salman 2016 ein Reformprogramm an, das er „Vision 2030“ taufte. Ziel ist die Förderung der Privatwirtschaft, die neue Wirtschaftszweige schaffen soll. Zu diesem Zweck soll der staatliche Ölkonzern zum Teil privatisiert werden; dadurch sollen Mittel für den Umbau der Wirtschaft frei werden.

Das mag vielversprechend und nach Aufbruch klingen. Doch wie sehr MBS tatsächlich für Öffnung steht, bleibt abzuwarten. Kritiker sehen ihn trotz Initiativen für Frauen eher als Tyrannen denn als Traumprinzen. Gegen Kritiker geht Mohammed bin Salman mit voller Härte vor. Der Blogger Raif Badawi sitzt weiterhin im Gefängnis – verurteilt zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben wegen „Beleidigung des Islam“.

Und vor allem außenpolitisch ist das Vorgehen des Thronfolgers in Riad höchst fragwürdig: Sein oberstes Ziel ist die Vorherrschaft im Nahen Osten – das bedeutet, sich dem schiitischen Iran entgegenzustellen. Dabei weiß er Donald Trump auf seiner Seite. Dass MBS Israel entgegenkam, ist in diesem Lichte zu sehen – als Schulterschluss gegen den gemeinsamen Feind in Teheran. Als Verteidigungsminister brach er mehr impulsiv als überlegt im Jemen einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran vom Zaun, den die UNO als derzeit ärgste humanitäre Katastrophe auf diesem Planeten bezeichnete. Es ist „wahrscheinlich“, befand ein Expertengremium der UNO, dass bestimmte Einsätze Saudi-Arabiens als Kriegsverbrechen einzustufen sind. Und des Kronprinzen Bereitschaft zum Konflikt ist beträchtlich: Sollte der Iran eine Atombombe entwickeln, werde Saudi-Arabien nachziehen, drohte er protzig Richtung Teheran.

Trotz der neuen Freiheiten für Frauen wurde Saudi-Arabien zuletzt noch autoritärer. Ob aus Mohammed bin Salman ein echter Reformer wird, steht derzeit noch im Wüstensand.

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