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„Einfach mal die Füße baumeln lassen“

Caroline Weber (26) gehört zu Vorarlbergs erfolgreichsten Sportlerinnen. Beim Frühstück mit der NEUE am Sonntag spricht sie über Olympia, Norbert Darabos, das Bundesheer und ihren Traumjob Schauspielerin.

Mit der Heim-Europameisterschaft im Mai 2013 verabschiedet sich die Dornbirnerin Caroline Weber von der internationalen Gymnastikbühne. Vergangene Woche eroberte sie in Innsbruck fünf weitere Staatsmeistertitel und ist mit 55 österreichischen Meistertiteln die absolute Nummer 1 ihrer Zunft.

Gratuliere zum 55. Staatsmeistertitel. Haben Sie noch Platz für die Trophäen?

Caroline Weber: (lacht) Ja, das sind schon einige. Meine Trainerin darf sich nach jeder Staatsmeisterschaft eine der fünf Pokale aussuchen und mitnehmen. Einige sind auch in irgendwelchen Kisten verstaut.

Sie haben im Rahmen der österreichischen Meisterschaften in Innsbruck Ihren Rücktritt vom Profisport bekannt gegeben. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Weber: Vielleicht werde ich noch einige kleine Wettkämpfe bestreiten. Aber die EM ist mein letzter großer Wettkampf. Ich werde natürlich oft darauf angesprochen.

Wann haben Sie diesen Entschluss gefasst?

Weber: Nach den Olympischen Spielen in London habe ich darüber nachgedacht. Ich denke, es ist Zeit aufzuhören.

Was hat sich seitdem geändert?

Weber: Ich trainiere viel befreiter. Gerade vor Olympia habe ich mir sehr viel Druck gemacht. Der ist jetzt weg. Ich nehme es auch ein wenig lockerer.

Haben Sie bei der Europameisterschaft zum Abschied etwas Spezielles geplant?

Weber: Wir bekommen noch einmal einen neuen Coach. Das heißt, es wird auch eine neue Choreographie geben, mit neuer Musik. Da habe ich schon etwas Spezielles im Sinn.

Wie Ihr letzter Auftritt mit Hubert von Goisern im Dirndl-Kostüm?

Weber: Genau. Es sollte wieder etwas Österreichisches sein. Vielleicht sind ab nächstes Jahr Musikstücke mit Text zugelassen. Dann werde ich zu Rainhard Fendrichs „I am from Austria“ turnen.

Wie ist Ihr etwas anderer Zugang, mit Hubert von Goisern und Dirndl, denn angekommen?

Weber: Die Resonanz aus dem Publikum war super. Die der Kampfrichter weniger. Da sitzen dann ein paar alte Damen, die mit Veränderungen nichts anfangen können. Anderen hat es gleich gefallen.

Sie waren bei zwei Olympischen Spielen. Hat Ihnen Peking oder London besser gefallen?

Weber: Die Eröffnungsfeier in Peking, die Schlussfeier in London. 2008 war die Stimmung im österreichischen Team besser. In London gab es ja diesen „Olympia-Touristen“-Sager.

Im TV-Interview konnten die Zuschauer sehen, wie sehr Sie diese Aussage von Bundesminister Darabos getroffen hat.

Weber: Ja, da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich fühlte mich direkt angesprochen. Ich bin nie mit dem Ziel einer Medaille nach London, die machen die Russinnen unter sich aus. Ich habe sehr hart dafür trainiert und jahrelang mein Bestes gegeben. Und dann dieser Satz. Was soll das?

Geht es bei Olympia nicht um Medaillen?

Weber: Eigentlich heißt es, dabei sein ist alles. Aber der Geist von Olympia hat sich verändert. Wenn Österreich nur noch Sportler mit großen Medaillenchancen hinschicken würde, schaut’s mager aus.

Hat sich Norbert Darabos entschuldigt?

Weber: Er hat allen einen Brief geschrieben, in dem steht, dass wir eh tolle Leistungen gezeigt hätten. Bei mir hat er noch mit rotem Stift ergänzt: „PS: Ich habe nicht Sie gemeint.“

Auch im Schwimmverband gab es Probleme.

Weber: Das war ebenfalls so eine Sache. Dinko Jukic hat seine Meinung geäußert. In den Interviews mit seinen Kollegen aus dem Schwimmlager hat sich keiner getraut, ihm beizustehen. Alle hatten Angst, die Meinung zu sagen.

Hat Sie die Darabos-Aussage im Wettkampf beeinflusst?

Weber: Nein. Das Publikum war spitze, ich habe es sehr genossen. Die Zuschauer haben bei der Musik mitgeklatscht und uns Athletinnen richtig gepuscht.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie viel dafür trainiert haben. Was heißt das genau?

Weber: Im Alltag habe ich eine dreistündige Einheit am Vormittag und eine dreistündige am Nachmittag, wobei ich mich auf Olympia speziell vorbereitet habe.

Wie kommen Sie da finanziell über die Runden?

Weber: Da gibt es die Sportförderung und das Bundesheer. Ich bin seit sechs Jahren im Heeresleistungszentrum.

Das heißt, Sie haben auch die Grundausbildung absolviert?

Weber: Genau. Ich habe auch mit scharfer Munition geschossen. Das ist irgendwie grauslig.

Nach sechs Jahren sind Sie keine Rekrutin mehr, oder?

Weber: Ich bin Zugführerin. Aber wenn ein Rekrut vor mir salutieren würde, müsste ich lachen (lacht).

Sind Sie oft in der Kaserne?

Weber: Ich muss mich einmal pro Woche in der Kaserne melden. In Uniform versteht sich. Aber nicht mehr lange. Mein Vertrag läuft noch bis August 2013.

Haben Sie neben Training und Bundesheer noch Zeit für andere Dinge?

Weber: Ich studiere Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Den Bachelor habe ich jetzt, am Master bin ich dran. Aber das Heer schreibt vor, dass ich nur vier Stunden pro Woche studieren darf. Und da ich auch noch in einer Schauspielschule angefangen habe, bleibt im Moment keine Zeit fürs Studium. Schauspielerei ist mein Ding, in dieser Sparte will ich bleiben. Ach ja, einen Freund habe ich auch noch. Wir wohnen zusammen.

Das klingt nach einem ehrgeizigen Plan. Sind Sie als Profisportlerin ehrgeiziger und fleißiger als andere?

Weber: (lacht) Ach was. Im Sportgymnasium Dornbirn sind im Moment drei junge Gymnastinnen. Die haben mir erzählt, dass die Lehrer von der fleißigen Caroline Weber erzählen, die eine sehr gute Schülerin war. Aber ich war keine gute Schülerin, in Mathe hatte ich auch einmal einen Fünfer.

Von der Vergangenheit in die Zukunft. Als heimatverbundener Mensch, der dreimal pro Monat übers Wochenende von Wien nach Vorarlberg fährt, wollen Sie sicher wieder einmal zurück ins Ländle. Ist das mit dem Berufswunsch Schauspielerin nicht schwierig?

Weber: Ja, sicher. Aber im Dreiländereck ist sicher einiges möglich. Und vielleicht kann ich ein Teil einer wachsenden Theaterszene in Vorarlberg werden.

Freuen Sie sich auf das Leben nach dem Sport? Was werden Sie unternehmen, was bisher nicht möglich war?

Weber: Ich freue mich sehr. Aber wie es sein wird, kann ich schwer sagen. Ich weiß auch nicht, was mir bisher gefehlt hat, da ich es gar nicht anders kenne. Umgekehrt wird mir sicher das Reisen abgehen. Ich habe viele Länder bereist, wenn auch nicht zum Sightseeing. Dafür blieb nie Zeit. St. Petersburg will ich unbedingt einmal privat besuchen.

Was wird das Erste sein, was Sie nach der EM im Mai und Ihrem Rücktritt unternehmen?

Weber: Ich werde versuchen, gar nichts zu tun und einfach mal die Füße baumeln lassen. Ich bin gespannt, ob ich das überhaupt kann.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Weber: Ich sehe mich glücklich auf einer Vorarlberger Bühne stehen und Theater spielen.

Interview: MICHAEL PROCK

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