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Und plötzlich war sie Weltmeisterin

Nadine Wallner (23) aus Klösterle wollte sich bei ihrem ersten Start bei der Freeride-World-Tour im Mittelfeld etablieren. Am Ende wurde sie Weltmeisterin.

michael prock

Klösterle. Ein idyllischer Ort am Fuße des Arlbergs. Knapp 700 Einwohner zählt das Dorf an der Arlberg-Schnellstraße. An einem der Häuser prangt ein Schild: „Wir gratulieren unserer Weltmeisterin.“ Hier wohnt Nadine Wallner, frischgebackene Titelträgerin der Freeride-World-Tour.

Hollywood hätte die Geschichte nicht besser schreiben können. Am Neujahrstag 2004 rammt sich eine talentierte junge Skifahrerin eine Slalomstange in den Bauch. Diagnose: Milzriss. Wallner will durchbeißen, versucht im folgenden Jahr ein Comeback. Anhaltende Knieprobleme zwingen sie im Alter von 16 Jahren, ihre Karriere als Skirennläuferin zu beenden. Die Klostertalerin ist kein Kind von Traurigkeit. Bewegungsmangel ist ihr fremd: „Wenn mir langweilig ist, dann muss ich raus. Ein Leben ohne Sport wäre nichts für mich“, gesteht sie. Eine neue Herausforderung muss her. Zwei Jahren bei den Triathleten folgt ein Ausflug zum Damenfußball. Auch in der Leichtathletik versucht sich die Sportstudentin. Nebenbei absolviert sie den Skilehrerkurs.

Nach zwei Jahren die Beste

Eine neue Leidenschaft hat Wallner auch nach einigen Jahren Suche noch nicht gefunden. „Eine Freundin sagte zu mir, ich solle es doch bei den Freeridern versuchen. Es gab gerade einen Open-Contest in der Nähe, also bin ich mitgefahren.“ Das ist erst zwei Jahre her. 2012 fährt Wallner die komplette Qualifier-Tour. Mit Erfolg: Die Qualifikation für die World-Tour ist kein Problem. Was dort passiert, übersteigt allerdings die kühnsten Träume. Als jüngste Starterin holt sie sich 2013 bei ihrem ersten Start auf der Freeride-World-Tour gleich den Titel.

Freeride-Skifahren ist nichts für ängstliche Menschen. Von der Spitze eines Berges muss der Fahrer den idealen Weg nach unten finden. Auf die Performance kommt es an. Flüssig, ruhig und spektakulär soll die Fahrt sein. Punkterichter bestimmen über Sieg oder Niederlage, die Zeit spielt keine Rolle. Zehn-Meter-Sprünge gehören zum Standardrepertoire. Klingt riskant, doch Nadine Wallner beschwichtigt: „Von außen sieht es riskanter aus, als es ist. Wir haben es gelernt, sind gut trainiert und kennen unsere Grenzen.“

Wertschätzung des Körpers

Grenzen spielen im Leben der Extremsportlerin eine große Rolle: „Ich will meine Grenzen ausdehnen. Aber Überschreiten kommt nicht in Frage. Dann wird alles zur Glückssache.“ Beispielsweise beim Tourstopp in Kirkwood: „Die Piste war pickelhart. Es hat seit vier Wochen nicht mehr geschneit. Schon nur beim Zusehen bei den anderen haben meine Knie geschmerzt.“ Wallner verweigerte den ersten Sprung. Das Risiko war ihr zu groß. „Die Wertschätzung des eigenen Körpers ist wichtig, ich will auch mit 40 Jahren noch springen können.“

Ein gewisser Hang zu extremen Sportarten kann ihr trotzdem unterstellt werden. Ein Blick in das Zimmer der 23-Jährigen spricht Bände: Auf dem Kleiderschrank stehen zahlreiche Siegerschecks, hinter dem Bett sind spektakuläre Bilder zu sehen, die zeigen, wie die Klostertalerin die Gipfel dieser Welt bezwingt. Im Eck hängt das Gelbe Trikot der World-Tour-Gesamtführenden, welches der zierlichen Freeriderin ein wenig zu groß ist. Kein Problem: „Baggies sind eh in“, meint sie lachend. Auf dem Boden liegt eine komplette Kletterausrüstung. Ein Longboard lehnt an der Wand, die Räder fehlen. „Die muss ich noch montieren“, erklärt Wallner. Ihre weiteren Hobbys: Berglaufen, Biken, Klettern, Slackline, Schwimmen und andere Sportarten. Das Bücherregal im Zimmer wurde zweckentfremdet: Es beherbergt einen Teil ihrer Ausrüstung. Helm, Rucksack, Schaufel, Lawinenpiepser und anderes Material, das für einen Offroad-Skifahrer unerlässlich ist. Auch bei den Rennen muss das komplette Equipment mitgeführt werden.

Ein Song ist immer dabei

Aus den Boxen der Musikanlage sind Hip-Hop-Klänge zu hören. Zwischen den spanischen Sätzen sind Wörter wie Power oder Powder zu vernehmen. Wallner stellt die Anlage lauter: „Das ist Juan, ein Fahrerkollege aus Argentinien. Er hat mit seinen Freunden dieses Lied aufgenommen.“ Der Song handelt vom Leben in den Bergen, von Schnee und Freiheit, vom Freeriden eben. Wenn die Weltmeisterin ihre Contests fährt, hört sie dieses Lied.

Staubfänger für Mama

Nadine Wallner ist erst 23 Jahre alt und hat bereits alles erreicht, was es in dieser Sportart zu erreichen gibt. Ihr Ziel kann also nur eines sein: Titelverteidigung. Ein Traum wäre es, den großen Pokal mit nach Hause zu nehmen. Kurze Erklärung: Die Fotos der kleinen Klostertalerin mit dem riesigen Pokal waren in allen Medien zu sehen. Doch bei ihr daheim sucht man die Trophäe vergebens. Ein knapp 20 Zentimeter kleiner Pott aus dünnem Aluminium, festgeschraubt auf einem Holzklotz, steht auf dem Kachelofen. Die Plakette auf dem Holz trägt die Inschrift: Freeride World Tour Champion 2013. Der echte Pokal ist nämlich ein Wanderpokal. Erst nach drei Meistertiteln darf man ihn behalten. „Den will ich. Einen großen Staubfänger für Mama“, meint Wallner und grinst. Die angesprochene Mama würde bei drei Titeln ihrer Tochter das Abstauben gerne übernehmen: „Wir sind sehr stolz auf unsere Nadine. Mit diesem Erfolg hat wirklich niemand gerechnet.“ Beim Österreichrennen in Fieberbrunn (Tirol) waren die Eltern Ruth und Erhard sogar live dabei. Ansonsten sehen sie sich jeden Contest per Livestream im Internet an. „Um zu sehen, ob Nadine gesund unten ankommt. Ich zittere schon jedes Mal. Ich glaube, ich habe mehr Angst als sie“, gesteht Ruth.

Anreise wird selbst bezahlt

Gefahren wird, neben Fieberbrunn, in Kanada, den USA, der Schweiz und Frankreich. Einen Verband, der die Reise zahlt, gibt es nicht. Vor Ort ist alles organisiert, doch den Weg dahin müssen die Sportler selber berappen. Dank Sponsoren sind die Kosten mittlerweile abgedeckt. Neben Preis- und Sponsorgeldern lebt die Klostertalerin von ihrem Einkommen als Skitour-Guide am Arlberg. Seit September ist sie zeitweise in Innsbruck einquartiert, sie studiert Sportmanagement. An der USI, der Sport-universität, kann sie trainieren. Die Trainingsmöglichkeiten, die beispielsweise Snowboarcrossfahrer im Sportservice haben, gibt es für Freerider nicht. „Noch nicht. Aber auch die haben klein angefangen. Mittlerweile ist es olympisch. Wer weiß, wie lange es noch bei uns dauert“, meint die 23-Jährige.

Ihr Ziel war es, sich für das Tourfinale zu qualifizieren. Nun ist sie Weltmeisterin. Genug hat Nadine Wallner noch nicht. Sollte ihr es doch einmal zu langweilig werden, ist eines klar: Sie findet sicher eine neue Herausforderung. Ruhig zu Hause sitzen wird sie nie.

Zur Person

Nadine Wallner

Geb.-Datum:15. Mai 1989

Wohnort: Klösterleund Innsbruck

Familie: Vater Erhard, Mutter Ruth, BruderThomas (26)

Größte Erfolge: Freeride-Weltmeisterin 2013, Contest-Sieg in Fieberbrunn

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