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„Wir haben das Optimum herausgeholt“

Herr Burger, Österreich hat die EM in Dänemark mit einem Sieg über Ungarn beendet. Wie bewerten Sie das Abschneiden des ÖHB-Teams generell?

MArkus Burger: Man darf ein rundum positives Fazit ziehen: den Einzug in die Hauptrunde geschafft, zwei Siege aus sechs Spielen und das Turnier als Elfter beendet – ich denke, wir haben das Optimum herausgeholt. Unübertroffenes Highlight war natürlich die taktische Meisterleistung beim 30:20-Sieg über Tschechien. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Gibt’s überhaupt etwas zu bekritteln?

Burger: Im Grunde nur wenig. Die einzige kleine Enttäuschung war vielleicht die Niederlage gegen Mazedonien. In dieser Partie fehlte mir etwas der Mut zum Risiko. Es wurde in erster Linie auf Routiniers aus der deutschen Bundesliga vertraut, ein bisschen frischer Wind von der Bank hätte dem Team wahrscheinlich gut getan. So wichtig ein Viktor Szilágyi (Anm: ÖHB-Kapitän) auch sein mag, der Jüngste ist er nicht mehr. Ein paar Ruhepausen mehr, würden dem Nachdruck seiner Aktionen sicherlich nicht schaden. Zumal die Spieler aus der zweiten Reihe – allen voran Maximilian Hermann und mein Schützling Dominik Schmid – ja absolut zu überzeugen wussten.

Schmid und Hermann sind zwei Spieler, die in der HLA ausgebildet wurden. Ein gutes Zeugnis für die Liga?

Burger: Absolut, keine Frage. Hermann ist zwar im Sommer in die deutsche Bundesliga zum Bergischer HC gewechselt, war dort aber lange verletzt. Sein Rüstzeug hat er in Linz und Tirol erhalten. Und bei Dominik sieht man einfach, dass er aus den Europacup-Spielen mit Hard enorm viel mitgenommen hat. Vor der EM habe ich ihm in einem kurzen Gespräch mitgegeben, dass er sich nicht verstecken und unterkriegen lassen soll. Er darf sich den Glauben an seine Qualität nicht dadurch kaputtmachen lassen, dass er weniger Einsatzzeit bekommt. Mit seiner Leistung kann er absolut zufrieden sein.

Rechnen Sie damit, dass seine EM-Auftritte Begehrlichkeiten bei deutschen Bundesligisten geweckt haben?

Burger: Definitiv! Einige Vereine haben bestimmt schon ein Auge auf ihn geworfen. Deutsche Top-Klubs werden zwar nicht anklopfen, zumal er als Rückraumspieler auf der Königsposition des Handballs spielt. Aber für einen ambitionierten Mittelständler ist er sicherlich ein hochinteressanter Kandidat.

Würden Sie ihm den Sprung über die Grenze zutrauen?

Burger: Selbstverständlich! Dominik ist ein sehr intelligenter Spieler, der ausgesprochen strukturiert denkt und im Sport wie im Leben konsequent seinen Plan verfolgt. Was man zudem nicht außer Acht lassen darf: Er hat noch großes Entwicklungspotenzial. Besonders körperlich kann er noch deutlich zulegen, Muskelpaket ist er ja wahrlich keines. Was wir diesbezüglich schon alles probiert haben! Aber das ist wohl ein langfristiges Projekt… (lacht).

Muss man ins Ausland wechseln, um sich als Spieler weiterzuentwickeln?

Erst einmal tun junge Spieler gut daran, wenn sie sich erst in Österreich zu Führungsspielern entwickeln, bevor sie ins Ausland wechseln. Bei uns in Hard lernen Spieler schon in jungen Jahren in den Play-offs sowie den internationalen Spielen mit Druck umzugehen. In Deutschland wird zwar sicherlich mehr trainiert, durch den straffen Spielplan ist aber ein gezieltes und perspektivisch ausgerichtetes Training mit verschiedenen Schwerpunkten fast unmöglich. Genau das ist aber für junge Spieler enorm wichtig. Wie schwer es Talente in Deutschland haben, weiß man ja nirgends besser als dort selbst: Die Schlüsselpositionen bei den Top-Klubs sind fast durch die Bank mit Ausländern besetzt, heimische Talente kommen nur selten zum Zug. Und das, obwohl der deutsche Nachwuchs bei internationalen Turnieren seit Jahren eine dominante Rolle spielt. Das Ergebnis dieser Fehlentwicklung sieht man ja: Österreich ist bei der WM dabei, Deutschland nicht. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass auf lange Sicht ein Umdenken stattfinden wird.

Deutschland ist nicht nur für Spieler, sondern auch für Trainer interessant. Ihr Kollege Geir Sveinsson von Bregenz HB wird im Sommer nach Magdeburg wechseln. Ist die deutsche Bundesliga auch für Sie ein Thema?

Burger: Erst einmal freut’s mich irrsinnig für Geir, dass es mit Magdeburg geklappt hat. Dort ist Handball richtig groß, die Stimmung in der Halle gigantisch und das Umfeld mit einer sensationellen Nachwuchsakademie absolut top. Bei so einem Angebot kannst du einfach nicht Nein sagen. Das würde selbstverständlich auch für mich gelten. Allerdings weiß ich auch, was ich an Hard habe. Wir spielen in Österreich jedes Jahr um die Meisterschaft mit und können uns somit auch international bewähren. Daher würde ich mir ein etwaiges Angebot auch erst einmal ganz genau anhören. Denn bei einem finanziell angeschlagenen Verein, ohne Struktur und sportliche Perspektive, hält sich auch der Reiz der deutschen Bundesliga in Grenzen.

Zurück zur laufenden EM. Wie bewerten Sie das Niveau generell? Lassen sich schon neue Trends ablesen?

Burger: Das Niveau ist natürlich top, für eine abschließende Analyse ist es jedoch noch zu früh. Erst wenn alle Daten zusammengetragen sind, lassen sich Rückschlüsse über mögliche neue Entwicklungen im Handball ziehen. Dann gibt’s Antworten auf Fragen wie: Wieviele Tore fallen aus Fast Breaks? Wie sehen die Trefferbilder aus? Wie viele Strafen gibt es? Usw. Eines zeigt sich aber schon seit längerer Zeit. Die Spieler sind mittlerweile perfekt ausgebildet und universeller einsetzbar. Früher war zum Beispiel ein Zwei-Meter-Riese nur ein guter Werfer, heute ist er so beweglich, dass er auch in einer offensiven Deckung problemlos spielen kann.

Wer ist noch den bisherigen Eindrücken Ihr Top-Favorit auf den Titel?

Burger: Die Dänen werden mit dem Publikum im Rücken nur ganz schwer zu schlagen sein. Zudem sind sie in der Breite sensationell besetzt, während andere Teams den Ausfall von Schlüsselspielern nicht kompensieren können. Ähnliches gilt auch für Frankreich, das nach dem Verletzungspech der letzten Jahre heuer wieder einen ganz starken Kader hat. Zu beachten sind wie immer die Kroaten, die mir in der Defensive ausgezeichnet gefallen und daher nur schwer zu schlagen sind. Auch auf Weltmeister Spanien sollte man nicht vergessen, wenngleich die Iberer noch nicht richtig Fahrt aufgenommen haben. Im Grunde können also alle Halbfinalisten den Titel holen.

Wie kommt’s eigentlich, dass aus einem so kleinen Land wie Dänemark so viele exzellente Handballer kommen?

Burger: Über das dänische Modell haben wir uns in Österreich schon des Öfteren unterhalten. Mit ein Grund für den anhaltenden Boom ist sicherlich, dass das dänische Fernsehen die Attraktivität des Handballs schon vor Jahren erkannt hat. In Dänemark ist Handball ganz bewusst gepusht worden. So wurde einerseits ein breites Publikum erschlossen und andererseits auch viele Kinder und Jugendliche für den Handballsport motiviert.

In Österreich waren die Spiele der Nationalmannschaft ja nur auf dem Spartensender ORF Sport + zu sehen …

Burger: Was jammerschade ist! Die Spieler hätten es sich aufgrund ihrer Leistungen absolut verdient, von der breiten Masse wahrgenommen zu werden. Eines darf man nicht vergessen: Handball ist die einzige große Ballsportart, in der sich eine österreichische Nationalmannschaft direkt für ein Großereignis qualifiziert hat. Argumentiert wird die mangelnde TV-Präsenz ja mit schlechten Einschaltquoten. Es geht allerdings auch darum, wie ich das Produkt vermarkte. Best-Practice-Beispiele gibt’s im deutschsprachigen Fernsehen ja genug. Wenn ich etwa einen Stefan Kretzschmar als Co-Kommentator auf Sport eins höre, denke ich mir: Das hat Biss, das hat Witz, das hat Qualität! Da bleibt man auch als neutraler Fersehzuschauer gerne hängen. Eines sei aber auch angemerkt: Zuvorderst liegt es an den österreichischen Vereinen selbst, ein attraktives Produkt zu kreieren. Leider haben bislang nur Hard und Bregenz erkannt, dass man Handballspiele als Gesamtevent vermarkten muss. Wer bei uns in Hard Spiele besucht, bekommt nicht nur tollen Sport, sondern auch Unterhaltung abseits der Platte geboten. Kurz: Handball als Sportveranstaltung und gesellschaftliches Ereignis mit Klasse und Niveau! Da kommen die Menschen auch gerne wieder. Potenzial bietet die Sportart Handball zweifellos genug, es gibt allerdings noch viel zu tun.

Interview: Emanuel Walser

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