Arslans Fangemeinde wird zum Häufchen Elend

Der Ex-Weltmeister bleibt Ex-Weltmeister. Firat Arslan unterlag in Stuttgart Marco Huck, da halfen weder 11.000 Boxfans noch ein Österreicher.

JOCHEN DEDELEIT

Als die sechste Runde des Hauptkampfes der internationalen Berufsboxgala läuft, ist die Stimmung in der mit 11.000 Boxfans ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle auf dem Höhepunkt. Firat Arslan macht nach einem vernichtenden Schlaghagel nach rund einer Minute das erste Mal in seinem Leben Bekanntschaft mit dem Ringboden, nach 1:56 Minuten dieser Runde hat Ringrichter Mark Nelson aus den USA genug gesehen. Die Menge tobt, als Marco Huck im rein deutschen Duell WBO-Weltmeister im Cruisergewicht (bis 90,72 kg) bleibt. Ein gellendes Pfeifkonzert hatte den Titelträger beim Walk in begleitet, bei der Pressekonferenz vor nahezu 100 Medienvertretern grinste der 29-Jährige jedoch, als er sagt: „Auch die, die erst gegen mich sind, freuen sich anschließend mit mir. Denn alle wissen, dass sie die Huck-Show zu sehen bekommen!“

Gute Vorzeichen

Wo der Mann recht hat, hat er recht. Es ist immer etwas los, wenn der gebürtige Serbe in den Ring klettert. Doch die Vorzeichen, dass die Arena in der schwäbischen Metropole ausverkauft sein würde, waren allesamt bestens. Das erste Duell war bereits ein Kampf auf Augenhöhe, den der ehemalige Weltmeister und Herausforderer zu Unrecht verloren hatte. „Wir sind seit 3. November 2012 Weltmeister, jetzt holen wir uns auch den Gürtel“, wurde Arslans Trainer Dieter Wittmann nicht müde zu betonen. Der Herausforderer kommt aus Donzdorf, wo sich der 43-Jährige 2010 ein eigenes Trainingsgym hingestellt hat. Die Fangemeinde konnte somit fast mit der S-Bahn anreisen. Dass eben diese gewaltige Fangemeinde nach Mitternacht nur noch wie ein Häufchen Elend aussah, war die Kehrseite der Medaille.

Etliche Stunden zuvor. Um 18.30 Uhr begannen bereits die Vorkämpfe, riesige Warteschlangen vor den Eingängen der Schleyerhalle hatten sich da schon gebildet. In Tor 6 geht es zu „Africa, Africa“, in Tor 2 bis 5 gibt es die etwas andere Show Huck gegen Arslan. Parkplätze? Vorerst Mangelware. Die enttäuschten Anhänger des VfB Stuttgart zogen nur langsam von dannen, der Bundesliga-Rückrundenauftakt ging für die Schwaben gegen die Mainzer gewaltig in die Hose. Wahrhaft ein Tiefschlag! Hier noch die Fans mit den VfB-Fahnen, dort schon die mit den deutschen, serbischen und türkischen. Firat Arslan steht zu seinen Wurzeln, lässt wissen, dass „ich die Türkei und Deutschland liebe. Und wer mich fragt, welches Land an erster Stelle steht, dann sage ich, dass sich schließlich auch niemand entscheiden müsse, ob er seinen Vater oder seine Mutter lieber hat.“ Arslan heißt auch so, wie er immer geheißen hat, Marco Huck hieß einmal Muamer Hukic. Adnan Catic etwa ist kein geringerer als Felix Sturm.

Die Fans der beiden Lager kommen aus mehreren Nationen. Sie sind zwischen 18 und 81 Jahren alt und gehören dieser und jener Schicht an. Viele mit Sektgläsern, etliche mit Bierbechern und VfB-Trikot. In der Hoffnung, dass wenigstens in der Halle neben dem Gottlieb-Daimler-Stadion der Richtige gewinnen möge. Auch englische „Supporter“ haben den Weg nach Stuttgart gefunden, der Grund heißt David Price und boxt nun ebenfalls beim unter österreichischer Lizenz veranstaltenden Sauerland-Boxstall. Wie auch Huck und Arslan. Der Auftritt des englischen Schwergewichtlers ging allerdings fast unter, sein kurzfristig verpflichteter Kontrahent Istvan Ruzsinszky aus Ungarn hielt sich lediglich zwei Minuten auf den Beinen. Enttäuschung machte sich breit. Denn Price hätten nicht nur die Engländer gerne länger gesehen. Schon das Stück, das sein Walk in begleitete, war einige Euro des Eintrittsgeldes wert: „You’ll never walk alone!“

Am Kampfabend gab es noch Karten um 25, 45 und 75 Euro, die VIP-Party durfte für zusätzlich 100 Euro besucht werden. Wobei die Promi-Dichte bei Boxkämpfen in Deutschland recht überschaubar daherkommt (dieses Mal Matthias Reim, Doro Pesch, Sven Ottke, Felix Magath…), derlei Events in den USA oder auch diverse Skirennen in Kitzbühel können da doch mit einigen Prominenten mehr aufwarten. Henry Maske durfte bei der ARD wieder mitkommentieren, die Pfiffe bei seiner Vorstellung kommentierten jedoch, dass der Stern des „Gentleman“ am Sinken ist. Für seine Vorstellung im Ring erntete auch Marcos Nader wenig Beifall. Falcos „Vienna calling“ ließen den Wiener noch beschwingt eintreffen, nach zwölf Runden applaudierte Nader dem Italiener Emanuele Blandamura – seinem ersten Bezwinger überhaupt – zum Gewinn der EU-Mittelgewichts-Meisterschaft.

Steirer dabei

Für die österreichische Beteiligung im Team von Firat Arslan sorgt seit zehn Jahren Ted Lackner. Der Steirer war in der Pressekonferenz der einzige auf der Seite des Verlierers, der schon wieder kämpferisch auftrat. „Du wirst Firat noch in diesem Jahr wieder im Ring sehen“, meinte der 66-Jährige, den sein „Schützling“ Krafttrainer nennt, im Gespräch mit der NEUE. Lackner, der einst Trainingspartner des in Kitzbühel weilenden Arnold Schwarzenegger war, ist für Arslan laut der Homepage des Boxers Kumpel, Vaterfigur und Freund in einem. „Du wirst nie sehen, dass Firat unfair boxt. Ich frage mich natürlich schon, warum er nicht geklammert hat, als er in Bedrängnis war.“ Die immer wiederkehrende Frage , ob Firat Arslan nicht zu alt sei (während Promotor Kalle Sauerland Arslan als „genetisches Wunder“ bezeichnete, riet dessen Vater Wilfried Sauerland dem 43-Jährigen aufzuhören), beantwortete Lackner mit dem für ihn typischen Stil: „Bla bla, Bernard Hopkins ist mit 48 Jahren noch Weltmeister.“

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