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EMANUEL WALSEr

Als Erfolgstrainer vom Himmel gefallen ist Damir Canadi wahrlich nicht. Aus dem Zufall geboren trifft’s wohl eher. Denn eigentlich wollte er damals, anno 2002, noch Spieler im Dress des SC Zwettl, nach einer schweren Hüftverletzung seine Fußballschuhe an den Nagel hängen und Physiotherapeut werden. Ein Ansinnen, dass ihm der damalige Präsident des SC Leopoldsdorf im Marchfeld allerdings zunichte machte. Obwohl dieser Canadi eigentlich als Spieler verpflichten wollte, ließ er sich von dessen Verletzung nicht sonderlich beeindrucken: „Wenn du nicht spielen kannst, dann wirst du eben Spielertrainer. Bist du wieder fit, kannst dich ja aufstellen.“

So läuft das eben im Unterhaus. Canadi widersetzte sich der präsidialen Diktion nicht und nahm achselzuckend an. Das Wasser, in welches er sich werfen ließ, war allerdings ein eisiges: sechs Spiele, sechs Niederlagen – die Bilanz eines Naturtalents liest sich anders. Was für andere Anlass gewesen wäre, das Handtuch zu werfen, war für den Ehrgeizling Canadi nur Ansporn.

Wenn der Erfolg sich nicht freiwillig einstellen will, muss er eben erarbeitet werden. Zwei Trainerkurse hatte der Jungcoach schon absolviert, nun ließ er die B-Lizenz folgen. Die Seminare wurden für den Wiener zum Erweckungserlebnis. Denn während andere Teilnehmer getreu dem Motto „Eh scho wissen – schließlich hab ich einst gegen St. Bussi am Dödel einen Dreierpack erzielt“ die Trainerausbildung oft unwillig über sich ergehen ließen, saß Canadi strebsam in Reihe eins, machte sich Notizen und fügte diesen seine eigenen Gedanken bei. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, statt Pleiten setzte es fortan Siege in Serie. Die Lektionen aus seiner ersten Station bündelte er in den Leitsatz: „Ohne konzeptionelle Arbeit geht im Fußball gar nichts.“

Schritt für Schritt voran

Auch wenn der große Durchbruch noch auf sich warten ließ, so ging es mit der Trainerkarriere stetig – Canadi würde sagen „Step by step“ – voran. Der „Wo liegt denn das bitte?“-Station Leopoldsdorf folgten „Hat man irgendwann schon einmal gehört“-Vereine wie Fortuna 05 Wien oder Floridsdorfer AC. Der sportliche Erfolg war bei Canadis Tingeltour durch den Wiener Amateurfußball immer ein steter Begleiter. Dies lag nicht zuletzt daran, dass der Trainer Canadi Fachwissen und Führungsqualitäten mehr und mehr zu einem harmonisches Duett vereinte. Dabei profitierte er von seinen Erfahrungen als Aktiver. Speziell jene Fußballlehrer, die als Wunderwuzzis auftraten und das Blaue vom Himmel versprachen, motivierten schon im Spieler Canadi nur den Kritiker: „Mir waren immer schon Trainer ein Dorn im Auge, die sich vor die Mannschaft hinstellen und sagen: Alles wird gut Burschen, jetzt habt‘s ja mich.“

Das System Canadi gehorcht hingegen ganz anderen Prämissen: Einbeziehung der Spieler in die sportliche Zielsetzung, Eigenverantwortung, offener und ehrlicher Dialog. Wer unter Canadi nicht weiß, wo er sportlich steht, kennt auch seinen Nachnamen nicht.

Eisiges Russland

Nach der Station Floridsdorf kam Canadi 2008 erstmals mit der großen Fußballwelt in Kontakt. Der ehemalige Austrianer Raschid Rachimov, damals Trainer von Lokomotive Moskau, besann sich seines alten Spezis und holte diesen in seinen Betreuerstab.

Die Zeit in Russland sollte Canadi nicht nur der lokalen Sitten wegen nachdrücklich in Erinnerung behalten. Getrennt von seiner in Wien lebenden Familie machte ihn auch der rollende Rubel nicht lange glücklich. Und so beendete er nach einem guten halben Jahr das Kapitel Moskau und kehrte nach Österreich zurück. Lehrreich war das Abenteuer im wilden Osten aber allemal. Zum einen wurde ihm der Kalenderspruch „Geld allein macht nicht glücklich“ zur Erkenntnis, zum anderen konnte er sich nun gewiss sein, dass auch bei Millionenklubs nur Menschen am Werk sind: „Ich hatte ursprünglich immer den Verdacht, dass mir vielleicht etwas fehlt, um auf internationalem Topniveau arbeiten zu können. Bei Lokomative habe ich aber gesehen, dass auch die anderen nur mit Wasser kochen.“

Türöffner Sperger

Zurück in der Heimat übernahm er erst wieder interimistisch das Traineramt in Floridsdorf, um dann wenig später mit dem Traditionsverein Simmeringer SC Erfolge zu feiern. Diese blieben auch in Vorarlberg nicht unbemerkt. Der damalige FC-Lustenau-Präsident und jetzige U-Häftling Dieter Sperger nahm Canadi im Spätherbst des Jahres 2011 als Chefcoach unter Vertrag und öffnete diesem somit die Tür in den Profifußball. Eine Einladung, die Canadi dankend annahm. Sein Arbeitsnachweis liest sich auch in der Replik noch beeindruckend: Während seiner Ära formte er aus einer No-Name-Truppe eine echte Mannschaft, die zudem noch mit modernem und attraktivem Tempofußball für Aufsehen sorgte. Dabei war das Umfeld in Lustenau alles andere als leistungsfördend: Von professionellen Trainingsbedingungen keine Spur, die Gehälter flossen wenn überhaupt, dann nur verspätet und in spärlichen Dosen. Allen Widrigkeiten zum Trotz, ist Canadi die Zeit am Wiesenrain auch heute noch eine nostalgische Erinnerung wert: „Die Mannschaft von damals wird für mich immer eine ganz besondere bleiben. Die Armut hat die Spieler richtiggehend zusammengeschweißt.“

Die Meisterprüfung

Als im Winter 2012 Altach anklopfte, musste er freilich nicht lange überlegen. Statt Existenzkampf, bot sich ihm die Möglichkeit, um den Aufstieg mitzuspielen. War in Lustenau noch Improvisationskunst gefragt, so zählten im Schnabelholz nun ganz andere Tugenden. Im Grunde ging es um nichts weniger, als den Erfolg zu planen. Erstmalig in seiner Karriere durfte er aus einer Position der Stärke heraus ein Team nach seinen Vorstellungen formen, war dafür aber im Gegenzug quasi zum Erfolg verdammt. Wie die Geschichte ausgegangen ist, weiß längst ein jeder: Altach ist in die Bundesliga aufgestiegen und Damir Canadi hat seine Meisterprüfung mit Bravour bestanden. Am Ende seines Weges ist er freilich noch lange nicht angelangt.

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