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Probleme machen nur ganz wenige

Eckart Neururer vom Szenekundigen Dienst der Landespolizeidirektion spricht vor dem Erste-Liga-Derby kommenden Freitag über die Fanszene in Vorarlberg und die Lieblingsspeise der Salzburger.

Wenn man wie Sie ständig mit den Problemfällen der Fanszene konfrontiert ist, sieht man da nicht irgendwann automatisch in jedem Fan einen potenziellen Gewalttäter?

Eckart Neururer: Um Gottes Willen, nein, natürlich nicht. Bei den Problemfällen handelt es sich nur um einen ganz kleinen Teil der Fußballfans.

Wie sieht denn die Szene in Vorarlberg aus?

Neururer: Die älteste Gruppierung und die ersten Ultras gab es beim früheren Bundesligisten SW Bregenz. Nach dessen Konkurs, Abstieg und Neuausrichtung bröckelte die Fanszene auseinander, ein harter Kern besteht allerdings bis heute. In den vergangenen Jahren formierte sich wieder eine kleine Gruppe, die schon mehrfach negativ aufgefallen ist.

Bei den anderen Vereinen?

Neururer: Es hat jeder Verein Fanklubs mit unterschiedlichen Namen und Aktivitäten. Black Army, Nordfront, Blue Freaks, Südchaos, oder recht neu: meör Wälder beim EHC Bregenzerwald. Es gibt auch solche wie die „butz geile Siacha“ in Altach, ausgesprochen friedliche Leute, welche einfach aus Spaß an der Freud für ihren Verein einstehen.

In die Öffentlichkeit dringen solche Fanklubs meistens mit Negativschlagzeilen.

Neururer: Noch einmal: Es handelt sich meist nur um ganz wenige sogenannte Fußballfans, die allerdings durch ihre Gewaltbereitschaft immer wieder Probleme verursachen. Wenn wir von Problemen in anderen Ländern hören, ist das Phänomen überschaubar. Allerdings sind wir keine Insel der Seligen, wie zum Beispiel der 12. April 2012 zeigte.

Was war da?

Neururer: Altach-Fans entnahmen eine Stunde nach dem Derby in Lustenau beim naheliegenden Sozialzentrum Schützengarten aus Steinmauern faustgroße Steine und bewarfen die anrückenden Austria-Fans aus der Dunkelheit heraus. Gottlob verfehlten die meisten Steine ihr Ziel, gar nicht auszudenken, was alles hätte passieren können.

Kommenden Freitag steigt das nächste Derby. Solche Spiele bergen immer besondere Brisanz, oder?

Neururer: So ein Spiel ist immer etwas ganz Besonderes. Für die Spieler, die Zuschauer und die Fanklubs. Diese bereiten oft großflächige Choreos und Spruchbänder vor mit teilweise deftigen Sprüchen und nicht ganz ernstzunehmenden Aussagen. Beispiel: „Egal ob grün oder blau, wir hassen Lustenau.“ Bei manchen ist diese Einstellung aber fast schon Religion und ihr Verein steht über allem. Dies begründet dann Aktionen, bei denen der normal denkende Mensch und Fußballbesucher nur mehr den Kopf schütteln kann.

Alkohol spielt wahrscheinlich auch eine wesentliche Rolle?

Neururer: Der ist ein großer Helfer dieser Handlungen. Nach drei oder vier großen Bier kann man mit einem Halbwüchsigen oder jungen Erwachsenen auch nicht mehr vernünftig über das Geschehen diskutieren.

Soll Alkohol in den Stadien verboten werden?

Neururer: Einerseits würde das unsere Arbeit sehr erleichtern, aber wegen ein paar Problemfans allen Zuschauern das Bier verbieten? Das geht nicht.

Wie verfahren Sie mit Wiederholungstätern?

Neururer: Es gibt einen Dreistufen-Plan. Zuerst versuchen wir natürlich, mit den betroffenen die Sache aus der Welt zu schaffen. Klappt das nicht, kann der Verein ein Hausverbot aussprechen. Der erste Schritt der Behörde wäre ein bundesweites Stadionverbot. Reicht das nicht, folgt Stufe zwei: Die sogenannte Gefährder-Aussprache. Der Betroffene muss sich bei der BH melden, dann wird mit ihm über die möglichen Konsequenzen seines Tuns gesprochen.

Kam das in Vorarlberg schon vor?

Neururer: Ja, schon öfters.

Und wenn das nicht klappt?

Neururer: Dann folgt Stufe drei, die Melde-Auflage. Dazu muss sich der Betroffene bei der nächsten Polizeistelle melden und während des Spiels dort verweilen. Soweit war es in Vorarlberg noch nie, wir werden in Bundesligazeiten aber nicht davor zurückschrecken.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den Fans aus?

Neururer: Es gibt speziell ausgebildete Szenekundigen Beamte (SKB), die mit den Fanklubs zusammenarbeiten. Wir legen viel Wert auf die 3-D-Philosophie: Dialog, Deeskalieren oder Durchsetzen bei Gesetzesverstößen. Und die Gesetze machen nicht wir, trotzdem werden wir von einigen Fans als Feindbild gesehen. Aber man muss sagen, dass sich das Verhältnis zu den Fanklubs und den Fanverantwortlichen in den Vereinen stark verbessert hat.

Wird sich Ihre Arbeit jetzt mit dem Bundesliga-Aufstieg der Altacher ein wenig ändern?

Neururer: Rapid oder Austria Wien haben über 100 Fanklubs. Aber es bestehen nicht alle aus Krawallmachern. In Altach sind es nur eine Handvoll. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sind gerüstet. Ich persönlich glaube auch nicht, dass sich alle Wiener Fans den weiten Weg ins Ländle antun.

Auch die Erste Liga könnte interessant werden.

Neururer: Es könnte zu einer Konstellation mit Wacker Innsbruck, Austria Salzburg und dem LASK kommen. Da wird uns sicher nicht langweilig.

Mit Austria Salzburg machen sie bereits in der Westliga Erfahrung. Welche?

Neururer: Einerseits das Übliche wie Sachbeschädigungen oder Pyrotechnik. Außerdem suchen sich die Fans bei kleinen Spielen mangels konkurrierender Fanscharen gerne die Polizei als Gegner aus. Aber in Dornbirn geht‘s beispielsweise ganz gut. Die können gut miteinander und die Dornbirner haben einen Weg gefunden, die Austria-Fans zu besänftigen.

Welchen?

Neururer: (lacht) Käsekrainer. Die Salzburg-Fans stehen drauf und wenn sie mit Käsekrainer verpflegt werden, sind sie zufrieden.

Stichwort bengalische Feuer. Pyrotechnik ist in unseren Stadien verboten. Zurecht?

Neururer: Völlig zurecht. Vor einigen Wochen beim Wiener Derby wurde den Fans genehmigt, 49 Fackeln abzubrennen. Ein Luftzug, schon war das Spielfeld voller Rauch. Eine Polizistin spürte plötzlich einen starken Schmerz im Auge. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass ein Metallpartikel aus den Fackeln ihr die Hornhaut verätzt hat. Diese Fackeln werden 2000 Grad heiß, stellen Sie sich das in der Hand angetrunkener Jugendlicher vor. Einfach sehr gefährlich.

Hooligans werden oft mit Rassismus in Verbindung gebracht. Stimmt der Eindruck?

Neururer: Bei zwei Vereinen haben rechte Gruppierungen versucht, die Fanklubs zu unterwandern. Das ist aber schon zwei bis drei Jahre her.

Wo?

Neururer: Bei SW Bregenz und bei den Dornbirner Bulldogs. Die Vereine waren da aber gleich sehr kooperativ.

Wo setzen Sie in Zukunft Ihren Schwerpunkt?

Neururer: Wir müssen für Recht und Ordnung sorgen, das ist per Gesetz unsere Aufgabe. Aber wir versuchen, so wenig Uniformierte wie möglich in den Stadien zu haben und dadurch deeskalierend zu wirken. Aber der Schlüssel liegt in der Prävention.

Welche Funktion haben die Vorbilder?

Neururer: Letztens beim Derby in Altach sah ich im Lustenau-Sektor einen Elf oder Zwölfjährigen, der nach dem Spiel zum Sektorrand ging und von dort zu normalen Zuschauern den Mittelfinger zeigte und unschöne Dinge rief. Was soll das? Von irgendjemandem muss er das haben. Wir suchen den Kontakt mit den Jugendlichen in den Schulen.

Was machen Sie dort?

Neururer: Wir erklären den Kindern, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben könnte. Wir machen aber auch auf die schönen Seiten des Fußballs aufmerksam.

Trägt das schon Früchte?

Neururer: In der Mittelschule Mäder hatten wir mit drei Klassen einen Präventionsunterricht im Rahmen der „Welle gegen Gewalt.“ Zwei Tage später war ein Spiel in Altach und die Schiedsrichterleistung war aus Sicht der Heimfans desolat. Ich stand nach dem Match am Spielfeldrand, um den Abgang des Referees zu sichern. Plötzlich schreit ein Jugendlicher: „Hey, kennst du mich noch? Ich war bei deinem Vortrag.“ Ich fragte, ob er was gelernt habe. Seine Antwort: „Ja, ich schütte heute kein Bier auf den Schiedsrichter“ (lacht).

Freuen Sie sich auf die Bundesliga oder denken Sie an die Mehrarbeit?

Neururer: Wir freuen uns auf hoffentlich friedliche Begegnungen, mit wem auch immer.

Interview: MICHAEL PROCK

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