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Auf dem Sprung in die Weltklasse

Michael Fußenegger ist Vorarl­bergs größte Turnhoffnung. Der 20-jährige Emser will bei Turn-EM in Sofia auch international ein Zeichen setzen.

Emanuel Walser (Text),

Klaus Hartinger (Fotos)

Dass ein Kunstturner, der internationalen Ansprüchen genügen will, enorm viel für seinen Sport investieren muss, ist Michael Fußenegger anzusehen. Kein Gramm Fett zu viel, kein Muskel, der nicht ausdefiniert wäre – da kann den Normalo schon der Neid fressen. Allein die Basisdaten beieindrucken: 1,65 Meter groß, 59 Kilogramm, vier Prozent Körperfett – das Adjektiv „austrainiert“ ist in seinem Fall durchaus angemessen.

„Ohne Kraft und Fitness geht im Kunstturnen gar nichts“, meint der junge Emser dazu eher beiläufig, reibt sich die Hände bedächtig mit Magnesium ein und schreitet zu Demonstrationszwecken ans Hochreck. Ein kurzes Schwungholen, drei Drehungen um die Stange, zwei gestreckte Saltis zum Abgang hinterher – Quod erat demonstrandum. Es kracht, knarzt und die Stange vibriert gar noch, als Fußenegger aus dem Schaumstoffgraben steigt. Da bleibt dem Beobachter zwangsläufig nur das blöde Schauen aus der Wäsche und die zaghaft vorgetragene Frage: „Würde die Kraft eines Normalsterblichen – rein theoretisch natürlich – überhaupt ausreichen, um sich an der Stange zu halten?“ Nein, selbstverständlich nicht. Wer nicht in der Lage ist, das Doppelte seines Körpergewichts – dies entspricht in etwa den Zentrifugalkräften, die bei einer 360-Grad-Drehung am Hochreck frei werden – zu stemmen, dem sei von einer Nachahmung dringend abgeraten. Dass bei Fußenegger so leicht aussieht, was anderen die Bänder zerreißen würde, kommt nicht von ungefähr. Mit ein paar Mal „Muckibude“ ist es längst nicht getan: 35 Stunden trainiert er die Woche, dazu summieren sich noch Massage– und Physiotherapieeinheiten zur Regeneration. Angesichts dieses Aufwands reiben sich auch viele Profisportler aus anderen Sparten die Augen.

Was für die meisten nach Schweiß und Tränen klingt, ist für Fußenegger nichts weniger als die Erfüllung eines langgehegten Traumes: „Ich wollte mich immer schon ganz auf den Sport konzentrieren können. Dank dem österreichischen Bundesherr, wo ich seit zwei Jahren als Sportsoldat angestellt bin, ist mir das jetzt auch möglich.“

Vater als Vorbild

Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Seit seinem sechsten Lebensjahr hat er sich dem Turnsport verschrieben, ganz zufällig kam’s freilich nicht zum Erstkontakt. Vielmehr scheinen ihm Talent und Leidenschaft in die Wiege gelegt. Schon Vater Stefan war ein erfolgreicher Kunstturner, der es gleich auf mehrere EM- wie WM-Teilnahmen brachte. Ohne seinen familären Background wäre für „Fussi“ der Spagat zwischen Schule, Berufsausbildung und Leistungssport ohnhin nicht zu schaffen gewesen: „Ich habe im Familienbetrieb eine Lehre als Installateur gemacht. Dadurch war es mir auch schon früher möglich, fünf Stunden am Tag zu trainieren.“

Zeit ist ein Faktor, die Qualität des Trainings ein anderer. Im Selbstversuch schafft es keiner in die Weltspitze, ohne professionelle Anleitung geht gar nichts. Seit mittlerweile sechs Jahren wird Fußenegger von Landestrainer Lubomir Matera begleitet, aus dem Arbeits- ist längst ein Vertrauensverhältnis geworden: „Ich komme mit ihm bestens klar, er ist ein absoluter Fachmann. Deshalb trainiere ich auch nicht mit dem Nationalteam in Innsbruck, sondern bin in Dornbirn geblieben.“ Der gebürtige Tscheche Matera mag zwar in Sachen Menschenführung ein junger, moderner Trainer sein, ganz verleugnen kann er die alte osteuropäische Schule allerdings nicht: „Er ist manchmal schon ein richtig harter Hund. Aber mir taugt das. Was aber noch viel wichtiger ist: Ich kann mit ihm über alles offen diskutieren. Gerade beim Einstudieren neuer Elemente ist das enorm wichtig.“

Der Nervenkitzel

Das Erlernen neuer Übungen macht für ihn letztlich auch die große Faszination seines Sports aus: „Wenn man das erste Mal ein Element ausprobiert, ist das schon ein ganz besonderer Nervenkitzel.“ Ein Prozess, bei dem nicht nur die Leistungs-, sondern auch die Schmerzgrenze immer wieder neu definiert wird. Denn im Kunsturnen gibt’s keine Premiere ohne Scheitern. Das verlangt einerseits Geduld, andererseits aber immer auch eine gehörige Portion an Mut. Fußenegger weiß, wie er solche Experimente mit offenem Ausgang anzugehen hat: „Im Grunde hilft nur eines: Das Hirn ausschalten und voll drauf los.“ Tut’s auch erst mal weh – der Moment, in dem sich Kraft und Technik zu einem Gesamtkunstwerk vereinigen, entschädigt für alles.

Ein guter Zeitpunkt, sein Können auf den Punkt zu bringen, bietet sich für Fußenegger schon nächste Woche bei der EM in Sofia. Seine Ziele für die Großveranstaltung hat er keineswegs bescheiden angesetzt: „Ich möchte es in meiner Paradedisziplin, dem Sprung, bis ins Finale schaffen.“ Das wäre nichts weniger als eine Weltklasseleistung.

ZUR PERSON

Michael Fußenegger, geboren am 22. Juni 1993 in Hohenems.

Beruf: Sportsoldat, abgeschlossene Ausbildung als Installateur

Hobbies: Fußball, Schwimmen, Snowboarden, Tischtennis, Radfahren

Erfolge: mehrfacher österreicher Staatsmeis­ter, bester Österreicher bei Junioren-EM 2010, EM-Teilnehmer 2013, WC-Finalteilnahmen im Sprung

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