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„Es ist egal, wo man auf die Welt kommt“

Mirna Jukic ist Österreichs bislang erfolgreichste Schwimmerin. Ihre Wurzeln liegen in einem Land, das es nicht mehr gibt, ihr Zuhause ist heute mehr als nur ein Ort.

Sie sind gerade am Weg von Wien nach Kroatien: Empfinden Sie das als Heimfahren, als ein Von-Zuhause-Wegfahren oder ist es nur ein In-Europa-Herumfahren?

Mirna Jukic: Es ist spannend: Wenn ich in Wien wegfahre, sage ich „Ich fahre jetzt nach Hause“. Aber wenn ich dann von Zagreb wieder zurückfahre, sage ich es auch. Ich habe also zwei „zu Hause“ – das kann nicht jeder von sich behaupten. Umgekehrt mag ich es nicht, wenn man mich fragt, ob ich Österreicherin oder Europäerin bin. Ich bin Österreicherin und Europäerin – und Kroatin noch dazu.

Sie kommen aus Jugoslawien, einem Land, das es nicht mehr gibt. Ihr Geburtsort liegt im heutigen Serbien, Ihre ersten Lebensjahre haben Sie in Kroatien verbracht, Olympia-, Welt- und Europameisterschaftsmedaillen aber für Österreich gewonnen. Was ist Europa für Sie?

JUKIC: Ein Überbegriff von Heimat. Dass ich in Novi Sad geboren wurde, hatte zu Beginn keine Bedeutung, später hat man mich manchmal auch als Serbin bezeichnet – aber es ist ja eigentlich egal, wo man auf die Welt kommt. Heimat ist dort, wo man sich zu Hause fühlt. Ich bin ein weltoffener Typ, der sehr gerne verreist. Ich vergesse aber nie, wo ich herkomme.

Nämlich?

JUKIC: Aus Vukovar. Dort sind meine Wurzeln, dort leben meine Großeltern.

Wann haben Sie Europa das erste Mal „gespürt“? Als Sie das erste Mal Jugendeuropameisterin geworden sind?

JUKIC: Die erste Jugend-EM in Malta – das war schon etwas Besonderes. Da habe ich zum ersten Mal den Zusammenhalt unter den Sportlern gespürt. Bei Weltmeisterschaften ist es noch stärker. Da hängen auf der einen Seite meist die Amerikaner mit den Australiern zusammen und auf der anderen Seite die Europäer. Wir werden da auch als „you Europeans“ bezeichnet, also als eine Gemeinschaft. Das ist cool. Für die anderen ist es erstaunlich, dass wir uns trotz der vielen verschiedenen Sprachen so gut verstehen.

Dennoch hat die EU gerade auch unter Jugendlichen keinen besonders hohen Sex-Appeal? Woran liegt das?

JUKIC: Wahrscheinlich erklärt sie sich und die dahinter liegenden Motive zu wenig. Vor allem junge Leute setzen sich mit diesen Fragen nicht so intensiv auseinander. Vielmehr haben sie Angst, ihre Identität zu verlieren. Da ist es interessant, mit älteren Menschen zu sprechen, die andere Geschichten und Hintergründe mitbringen. Entscheidend ist, dass man keine Grenzen im Kopf hat.

Werden Sie an der EU-Wahl teilnehmen?

JUKIC: Ja, weil ich Wählen nicht als Pflicht, sondern als Recht betrachte. Also soll man schon hingehen. Es gibt genug Länder, wo das nicht möglich ist.

Wo hört Europa für Sie auf?

JUKIC: Da muss man unterscheiden: Es gibt die EU und es gibt Europa. Für mich ist es eher ein geografischer Kontinent. Das ist manchmal schwierig, weil manche davon ausgehen, dass alles eins ist und auch alle gleich handeln. Das geht aber nicht, auch wenn es schön ist, dass durch einheitliche Gesetze das Leben in vielen Bereichen einfacher wird. Aber jedes Land hat seine eigene Identität. Es ist o.k., dass Kroaten, Schweden, Deutsche, Polen oder Österreicher so sind, wie sie sind.

Wie sind die Österreicher?

JUKIC: Sie haben sich einen beachtlichen Wohlstand erarbeitet. Manchmal macht sie das bequem, es fehlt ihnen im Vergleich zu meinen kroatischen Freunden und mir teilweise das Temperament. Wir haben „mehr Pfeffer im Arsch“, manchmal auch zu viel. Ich höre oft, ich soll mich nicht so hineinsteigern. Aber wir haben gelernt, so zu leben und ich möchte mich nicht verstellen.

Als Ivica Vastic bei der Fußball-WM 1998 das entscheidende Tor gegen Chile schoss, titelte eine Boulevardzeitung „Ivo, jetzt bist du ein echter Österreicher“. Haben Sie derart verklausulierte Intoleranz auch erlebt?

JUKIC: Ich erlebe sie heute noch manchmal. Es gibt eben immer Leute, denen etwas nicht passen wird. Aber ich habe gelernt, nicht darauf zu achten. Solange es Menschen gibt, die neidisch sind, weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat in seinem Leben.

Wie sehr schmerzt es, von manchen noch als Ausländerin wahrgenommen zu werden?

JUKIC: Ich bin 15 Jahre hier: Was heißt da „ausländisch“? Nur weil mein Nachname anders klingt? Reicht es nicht, dass ich mit allem, was ich leisten kann und mache, gezeigt habe, dass ich Österreich von ganzem Herzen schätze? Es ist ja nicht so, dass ich gesagt habe „Danke, es war nett, jetzt gehe ich wieder zurück nach Kroatien.“

Nie?

JUKIC: Na ja, als alte Oma ein Haus am Strand zu haben und die Füße ins Meer zu halten, das wäre fein. Aber dafür muss ich nicht Kroatin sein, das kann ich als Österreicherin auch.

Gibt es andere Sehnsuchtsorte in Europa?

JUKIC: Es gibt schon Orte, an denen das Herz besonders hängt. Neben Wien und Zagreb wohl Barcelona und Paris. Ich bin ein Stadtkind.

Aber Wasser muss in der Nähe sein.

JUKIC: Von Wettkampfwasser habe ich genug. Aber sonst brauche ich es, es bleibt wie ein Wohnzimmer für mich. Es ist ein Ort, in dem ich entspannen und alles vergessen kann, ein Ort der Mitte, wo die Mirna nur die Mirna sein kann.

Interview: KLAUS HÖFLER

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