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Politik auf dem Rücken der Sportler

Die 40. Auflage des Mehrkampf-Meetings in Götzis steht an. Die Boykott-Spiele von Los Angeles sind somit 30 Jahre her. Meeting-Gründer Konrad Lerch erinnert sich.

JOCHEN DEDELEIT

Die Athleten trainieren ohne Ende. Sie bereiten sich auf das größte Ereignis der Sportwelt, das nur alle vier Jahre stattfindet, vor und müssen dann erleben, wie ihnen die Politik einen Strich durch die Rechnung macht“, wirkt Konrad Lerch in der Zeit der Ukraine-Krise erst nachdenklich, dann fast schon wütend. Auch der Mitbegründer des Mösle-Meetings, das heuer bereits zum 40. Mal in Götzis ausgetragen wird, denkt dabei zuerst an Guido Kratschmer. Auch Lerch-Nachfolger Walter Weber erinnerte sich hier in der NEUE an den Deutschen, der 1980 aufgrund des Olympia-Boykotts des Westens um Gold gebracht wurde.

Der dreifache Götzis-Sieger wäre in Moskau der große Favorit gewesen, doch er wurde ein Opfer der Politik. 1976 gewann Kratschmer in Montreal Silber, beim 40. Meeting dürfte der einstige Modellathlet wohl nicht nur einmal darauf angesprochen werden. „Opfer“ nennt Konrad Lerch diese Athleten des Öfteren, „ich bin ein großer Gegner der Boykottierung von Sportveranstaltungen jeglicher Art. Wenn Sotschi boykottiert worden wäre, hätte dies null bewirkt. Lediglich der Athlet wäre um den Lohn seiner Arbeit gebracht worden“. Nachdem vorrangig die USA, aber etwa auch die Bundesrepublik oder China die Olympischen Spiele 1980 in Moskau boykottiert hatten, taten es die Russen oder auch die DDR und Polen diesen Nationen 1984 in Los Angeles gleich. In Götzis trafen sich 1980 wie auch 1984 die Mehrkämpfer dieser Nationen, „die Besten aus dem Osten und dem Westen. Das hat damals ein großes Echo hervorgerufen, es hieß, der Sport verteidigt sich“, erinnert sich Lerch.

Starke Meetings

Es seien zwei äußerst bemerkenswerte Meetings gewesen, hinzu kam 1980 der Weltrekord des Briten Daley Thompson. „Vieles lief zu diesen Zeiten über die jeweiligen Verbände. Es gab noch nicht die Vielzahl an Managern, mit denen heute über die Verpflichtung eines Athleten verhandelt wird“, sagt der Bregenzer. „Die BSO und der Ostblock gingen einem bilateralen Austausch nach. Es ­lief vieles über Kontingente, die dem einen oder dem anderen wieder gutgeschrieben wurden.“ Unabhängig von der Politik hätten die Leichtathleten gezeigt, dass sie Freunde sein können. Es sei so ein deutliches Signal an die Welt geschickt worden.

Auch 1984, bei der Retourkutsche, hätten sich die Sportler gleich verhalten, „alle wussten, dass die Politik alles auf ihrem Rücken austrägt. Die Zuschauer applaudierten auch nach Leistung, nicht nach Nationen“, lobt Lerch das Fachpublikum in Götzis, merkt aber an, dass die mittlerweile nicht mehr wegzudenkenden Fanklubs einzelner Teilnehmer noch nicht das Möslestadion bevölkerten. Ein großes Plus sei freilich auch gewesen, „dass Österreich neutral gewesen ist. Wir gehörten eigentlich keinem Lager an, bei uns konnte solch ein Event stattfinden. Ich denke, dass es in Deutschland in dieser Form nicht möglich gewesen wäre“, gibt der ehemalige österreichische Bundestrainer zu bedenken.

Am 31. Mai und 1. Juni gehen im Möslestadion mit Zehnkämpfer Ilya Shkurenev und Siebenkämpferin Aleksandra Butvina zwei russische Topathleten an den Start, mit Shkurenev-Kontrahent Oleksiy Kasyanov sowie Alina Fyodorova zwei ukrainische Stars der Mehrkampf-Szene. Weltmeisterin Hanna Melnychenko musste vor wenigen Tagen verletzt w.o. geben, für sie reist Anastasiya Mokhnyuk an. „Ich weiß von einer ukrainischen Leichtathletin, die auf der Krim nicht mehr ihr Trainingslager abhalten kann. Sie muss dafür nach Russland. Das sind enorme Schwierigkeiten, mit denen die Sportler dort zu kämpfen haben. Der Athlet ist wieder das Opfer.“

Schon vor 30 und 34 Jahren war es in Götzis so, dass Sportler zumindest zweier Nationen in einem fairen Wettstreit gegeneinander angetreten sind und dies auf anderer Ebene vermieden hatten. Oder vermeiden mussten. Konrad Lerch sagt aber voller Überzeugung: „Im Sport hat das Völkerverbindende nach wie vor Gültigkeit.“

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