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interview

„Die Kinder werden vor Fernseher und PC ruhiggestellt“

Vorarlberg ist beim 40. Hypo-Mehrkampf-Meeting in Götzis nicht vertreten. Wie sehr das VLV-Präsidentin Helene Pflüger schmerzt und wo die Harderin „ihren“ Verband sieht, verrät sie im NEUE-Interview.

Im vergangenen Jahr war noch Raffaela Dorfer dabei, heuer ist wieder kein Starter aus Vorarlberg beim Mehrkampf-Meeting in Götzis am Start. Wie sehr schmerzt das die Präsidentin des Vorarlberger Leichtathletikverbands, dass Vorarlberg keine Rolle spielt?

Helene Pflüger: Es tut mir natürlich sehr leid, dass heuer kein Vorarlberger Athlet die Voraussetzungen für einen Start erfüllt hat. Es ist aber für Mehrkämpfer immer schwierig, einen perfekten Mehrkampf zu absolvieren. Da müssen das Wetter, die Tagesform, der Biorhythmus und vieles mehr zusammenpassen und die Athleten können ja nicht wöchentlich einen Wettkampf bestreiten. Raffaela hat heuer leider beim einzigen Wettkampf vor Götzis sehr widrige Bedingungen vorgefunden und sich daher nicht qualifizieren können. Ich bin aber zuversichtlich, dass in den kommenden Jahren wieder Vorarlberger Athleten am Start sein werden.

Der Verband macht vor allem bei diesem Meeting in Götzis einiges, um Werbung in eigener Sache zu machen. Oder würde Ihrer Meinung nach noch mehr gehen?

Pflüger: Das OK-Team des Meetings gibt uns immer wieder die Möglichkeit, den VLV perfekt zu präsentieren. Vor allem unserem Nachwuchs wird die Chance gegeben, hautnah die weltbesten Mehrkämpfer erleben zu dürfen und sich selbst vor einer tollen Kulisse zu präsentieren. Am Mittwoch gibt es ein gemeinsames Training mit den Stars am Garnmarkt in Götzis und das gesamte Wochenende wird ein VLV-Betreuerteam die Kids-Athletik-Bewerbe im Stadion betreuen. Neben den Finalläufen der schnellsten Montforter wird auch erstmals das Finale der Volksschul-Olympiade anlässlich dieses Großevents stattfinden.

Wo sehen Sie den VLV derzeit? Und wo die Leichtathletik allgemein?

Pflüger: Wir haben uns in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt, vor allem in puncto Aus- und Weiterbildung. Drei unserer Vorstandsmitglieder haben den Sportmanagerlehrgang an der Uni Liechtenstein absolviert, wir haben eine Ehrenamtsmanagerin und unsere Leistungszentrumstrainer haben höhere Trainerlizenzen erworben beziehungsweise sind gerade in der Ausbildung. Dadurch wird eine noch professionellere Betreuung für unsere Athleten gewährleistet. In sportlicher Hinsicht sind wir national im Vergleich zu den deutlich größeren Landesverbänden wie Ober- und Niederösterreich sowie der Steiermark in absoluten Zahlen noch nicht konkurrenzfähig. Aber wir sind auf einem guten Weg, die Lücke zu verkleinern. Die Leichtathletik allgemein wird leider medial von anderen Sportarten etwas verdrängt. Trotzdem haben wir in Vorarlberg einen regen Zulauf in den untersten Altersklassen. Die Ausgangssituation ist alles in allem gut.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, um vielleicht jemanden wieder bei einem Großereignis wie EM oder WM dabei zu haben?

Pflüger: Wir werden kontinuierlich weiterarbeiten und den eingeschlagen Weg fortsetzen. Wir kümmern uns derzeit speziell um den U16-Kader, um diese Athleten aufzubauen. Es ist allerdings immer ein schwieriger Weg, diese Sportler in die Allgemeine Klasse zu führen, aber wir sind zuversichtlich, dass es der eine oder andere schaffen wird.

Was sind die Schwierigkeiten, dies auch zu erreichen? Liegt es nur an den Finanzen?

Pflüger: Wir werden vom Land Vorarlberg finanziell großzügig unterstützt. Ich will mich hiermit einmal öffentlich bei den Verantwortlichen in der Landesregierung dafür bedanken. Geld könnten wir natürlich immer noch mehr brauchen, aber die sportlichen Erfolge sind nicht ausschließlich von finanziellen Mitteln abhängig, es ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren. Ein wesentlicher Faktor ist auch das Glück. Glück ist beispielsweise, wenn die Athleten verletzungsfrei den Aufbau bis in die Allgemeine Klasse schaffen. Das jüngste – traurige – Beispiel ist Rosalie Tschann, eine der talentiertesten Athletinnen der letzten Jahre. Sie qualifizierte sich für Welt- und Europameisterschaften in ihrer Altersklasse, startete bei den Olympischen Jugendspielen und musste 2013 mit 20 Jahren verletzungsbedingt ihre Karriere beenden. Somit wurde auch die Arbeit und das Engagement vieler letztlich nicht belohnt.

Betreuer und Trainer gibt es etwa in Schweden zuhauf. Dort, in einem Land ähnlich groß wie Österreich, sind die Erfolge auch andere. Warum denken Sie, ist dies hier solch ein Problem?

Pflüger: Die Schweden unterstützen den Sport sehr, dort gibt es viel mehr professionelle Trainer, die sich rund um die Uhr um die Athleten kümmern können. Speziell in der Leichtathletik – mit ihren vielen, komplett unterschiedlichen Bewerben – wirkt sich die Anzahl hauptamtlicher Trainer enorm aus. Wir haben einen hauptamtlichen Trainer mit Sven Benning, alle anderen machen ihren „Job“ neben ihrem Brotberuf. Dort liegt der wesentlichste Unterschied. Um international auf Dauer mithalten zu können, sind ganze fünf hauptberufliche Leichtathletik-Trainer in Österreich zu wenig.

Nicht nur die Leichtathletik hat Nachwuchsprobleme. Es wird immer darüber gesprochen, dass es zu viele Trendsportarten gibt. Vor allem aber die Leichtathletik hat, wie von Ihnen eben angesprochen, so viele Disziplinen, dass für viele etwas dabei sein sollte …

Pflüger: Grundsätzlich haben wir kein Nachwuchsproblem. Unsere Vereine werden von Kindern überlaufen. Für die Vereine ist es eine große Herausforderung, genügend ehrenamtliche Übungsleiter und Helfer zu finden, um eine Betreuung dieser Kinder zu gewährleisten. Allerdings sind sehr viele dieser Kinder nicht mehr fähig einen Purzelbaum zu machen, geschweige denn normal zu laufen und zu springen. Meine Generation hat die Freizeit in der Natur verbracht und wir haben unsere koordinativen Fähigkeiten von klein auf geschult. Die heutigen Kinder werden zum Großteil von Fernsehern, Computern und Spielkonsolen ruhiggestellt. Diese Tendenz lässt sich seit Jahren verfolgen. Das ist nicht nur ein Problem für den Sport, sondern auch für die Volksgesundheit. Letztlich wird die Allgemeinheit die Kosten dafür tragen müssen. Wir vom VLV versuchen schon seit drei Jahren durch unsere Aktion „KIDS Athletics“ die Kinder an der Basis zu schulen und Freude an der Bewegung zu vermitteln. Unsere Lehrreferentin Christl Gerhalter veranstaltet aus diesem Grund Ausbildungen für Lehrpersonen und gibt auch Kurse an der Pädagogischen Hochschule, damit die Basissportart Leichtathletik vermehrt an den Schulen unterrichtet wird.

Was haben Sie schon in Ihrer Amtszeit versucht und an was sind Sie „verzweifelt“?

Pflüger: Verzweifelt bin ich während meiner ganzen Amtszeit nie. Ich habe immer versucht, ein starkes Team rund um mich aufzubauen, das ist mir gelungen. Der gesamte Vorstand arbeitet eigenständig in den jeweiligen Referaten, die Stimmung ist hervorragend, auch wenn wir das eine oder andere Mal auch heißer diskutieren müssen. Die größte Herausforderung ist es, allen klar zu machen, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können und die Kräfte bündeln müssen.

Was sind die Momente, die Ihnen zeigen, dass es sich lohnt?

Pflüger: Das sind die strahlenden Augen der Jugendlichen und Kinder, wenn diese ihre persönlichen Ziele erreicht haben.

Was wollen Sie in Ihrer Amtszeit noch erreichen?

Pflüger: Wir haben ein Konzept bis 2020 ausgearbeitet, dieses wollen wir verwirklichen. Das Konzept umfasst die Stärkung des Breitensports und soll in letzter Konsequenz auch einige Athleten zu internationalen Wettkämpfen führen. Das heißt aber nicht, dass ich bis 2020 dabei sein werde (lacht).

Interview: Jochen Dedeleit

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